Stand: 10.08.2019 10:33 Uhr

Dassendorf - Dresden: Pokal-Hit in der Fremde

von Hanno Bode, NDR.de
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Dassendorfs Marcel von Walsleben-Schied traf schon als Profi gegen Dresden ins Tor.

Am 18. Dezember 2011 herrscht eine gespenstische Atmosphäre im Rostocker Ostseestadion. Der gastgebende FC Hansa muss seine Partie der zweiten Fußball-Bundesliga gegen die SG Dynamo Dresden vor leeren Rängen austragen, weil einige seiner Fans einen Monat zuvor im Duell mit dem FC St. Pauli Feuerwerkskörper in den Gäste-Block abgefeuert hatten. Das "Geisterspiel", welches 2:2 enden wird, beginnt auch ohne Unterstützung des eigenen Anhangs verheißungsvoll für die Mecklenburger. Nach nicht einmal einer Minute passt Michael Blum in die Tiefe zu Tino Semmer, der zwar noch am Abschluss gehindert werden kann. Doch der Ball fällt Marcel von Walsleben-Schied vor die Füße. Der Rest ist für ihn Formsache - 1:0. Es ist das schnellste Tor des Angreifers in seiner bewegten Karriere, die er seit 2016 langsam bei der TuS Dassendorf ausklingen lässt.

"An das Spiel erinnere ich mich noch genau. Das war schon besonders", sagte der 36-Jährige, nachdem feststand, dass der Hamburger Oberligist in der ersten Runde des DFB-Pokals auf Dresden trifft.

Umzug nach Zwickau alternativlos

"Besonders" wird für den früheren Bundesliga-Profi und seine Teamkameraden gewiss auch die Partie heute gegen den Zweitligisten werden (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de). Diesmal werden die Ränge zwar voll sein - im Vorverkauf wurden über 5.000 Karten abgesetzt -, aber auf großartige Unterstützung in seinem "Heimspiel" darf der Außenseiter nicht hoffen. Schließlich bittet die TuS die Sachsen nicht auf ihrer schnuckeligen Sportanlage am Wendelweg zum Pokalduell David gegen Goliath, sondern im über 500 Kilometer von Dassendorf entfernten Zwickau.

Für die Verantwortlichen des Dorfclubs war der Umzug in die rund 10.000 Zuschauer fassende Arena des Drittligisten FSV recht schnell nach der Auslosung alternativlos, da sie in Hamburg und Umgebung kein Stadion für die Austragung des Spiels fanden. Die Sicherheitsbedenken waren bei allen Gesprächspartnern letztlich zu groß, um zu einer Einigung zu kommen. Nur der FSV, der eine Fanfreundschaft mit Dynamo unterhält, sagte zu.

130.500 Euro Prämie sind Dassendorf sicher

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Im Stadion des FSV Zwickau hofft Dassendorf auf eine "volle Hütte".

Bereits einige Male haben Dresden-Fans in der Vergangenheit für Ausschreitungen gesorgt. In der Saison 2013/2014 wurde die SG aus diesem Grund gar vom DFB für ein Jahr aus dem Wettbewerb ausgeschlossen. Und auch im vergangenen Jahr drohte die Lage nach dem peinlichen 2:3 nach Verlängerung beim Regionalligisten SV Rödinghausen zu eskalieren. Nur mit sehr viel Mühe konnten Polizeikräfte teils vermummte Dynamo- Anhänger daran hindern, nach dem Abpfiff den Innenraums des Stadions in Lotte zu stürmen, in dem die Partie stattfand. So trifft die TuS im "größten Spiel der Vereinsgeschichte" (Sportchef Jan Schönteich) nun also fernab der Heimat auf den achtmaligen DDR-Meister. Auf eine "volle Hütte" hoffen sie beim Außenseiter, denn ein ausverkauftes Haus würde neben den vom DFB für die erste Runde garantierten 130.500 Euro noch sehr viel mehr Geld in die Vereinskasse spülen. Es werden wohl überwiegend Fans des rund 100 Kilometer von Zwickau entfernten Zweitligisten sein, die das Spiel zu einem finanziellen Erfolg machen werden.

Gelungene Generalprobe gegen Teutonia

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Von der TuS dürften maximal ein paar hundert Anhänger die weite Reise antreten. Das macht die ohnehin schon sehr schwere Aufgabe praktisch unlösbar. Zumal Dassendorfs Start in die neue Saison holprig war. Einem enttäuschenden 1:1 zum Oberliga-Auftakt beim Meiendorfer SV folgte die sensationelle 0:1-Pleite in der zweiten Runde des Verbandspokals beim Siebtliga-Aufsteiger MSV Hamburg. "Jetzt tanzen wir nur noch auf zwei Hochzeiten", erklärte Coach Jean-Pierre Richter anschließend mit ironischem Unterton. Sein Team feierte dann am vergangenen Sonntag zwar beim 3:1-Sieg gegen den Oberliga-Favoriten Teutonia 05 eine gelungene Generalprobe für das Dresden-Spiel. "Aber Dynamo müsste uns schon sehr unterschätzen, damit wir eine realistische Chance hätten", sagte Sportchef Schönteich.

Doch gerade wenn scheinbar alles gegen eine Mannschaft sprach, sind sie immer wieder geschehen, die großen DFB-Pokalsensationen. Der langjährige Profi von Walsleben-Schied (lief unter anderem 178 Mal in Liga zwei auf) hätte diesbezüglich gewiss eine Menge zu erzählen. Doch der Mann, der einst Dresden nach Sekunden schockte, singt derzeit lieber. Und zwar sein Töchterchen in den Schlaf, das gerade einige Wochen alt ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 10.08.2019 | 22:40 Uhr