Stand: 18.07.2020 18:02 Uhr

Corona: Amateurfußball in der Föderalismus-Falle

von Hanno Bode und Sebastian Ragoß, NDR.de

In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind Testspiele wieder erlaubt, in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein nicht. Der Föderalismus sorgt für Wirrwarr im Amateurfußball - mit skurrilen Folgen.

Am Sonnabendmorgen hat sich Marcel von Walsleben-Schied auf den rund einstündigen Weg von seinem Wohnort Hagenow in die Vierlande nach Hamburg gemacht. Beim dort ansässigen Oberligisten SV Curslack-Neuengamme stand für den früheren Profifußballer das erste Training nach der Corona-Pause auf dem Programm. Mit einer Übungseinheit, wie sie der 36-Jährige bis zur Unterbrechung des Spielbetriebs kannte, hatte diese aber wenig gemein. Denn während in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern unter Auflagen wieder in ganzer Mannschaftsstärke trainiert werden darf und sogar Freundschaftspartien gestattet sind, wird in Hamburg lediglich in Gruppen mit maximal zehn Personen mit Körperkontakt trainiert.

Auf ein "normales" Fußballspiel will von Walsleben-Schieds neuer Club - er wechselte vom Ligarivalen und Meister TuS Dassendorf nach Curslack - aber nicht verzichten. Also vereinbarten die SVCN-Verantwortlichen Auswärts-Testkicks mit Gegnern aus Niedersachsen. Denn dort sind solche inzwischen auch wieder erlaubt. Willkommen im Corona-Chaos!

VIDEO: Kreispokal: Vorpommern-Greifswald kickt wieder (2 Min)

Schied: "Das darf man doch keinem erzählen"

"Das ist doch ein Scheiß. Das darf man doch keinem erzählen", sagte von Walsleben-Schied zum von der Politik verursachten Wirrwarr im deutschen Amateurfußball. Es fällt nicht nur dem 178-maligen Zweitliga-Spieler schwer, zu verstehen, warum der Hamburger Senat trotz geringen Infektionsgeschehens in der Stadt nur Training mit Körperkontakt in Zehnergruppen erlaubt, während in benachbarten Bundesländern wie eben Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen sogar schon wieder Freundschaftsspiele möglich sind.

"Es wird Zeit für Einheitlichkeit", fordert daher auch Coach Jan-Hendrik Schmidt vom Hamburger Bezirksligisten Niendorfer TSV III in seinem Blog "mein-leben-im-trainingsanzug.de": "Wird nicht bald Einheitlichkeit geschaffen, entsteht ein klarer Wettbewerbsnachteil für Mannschaften, die nicht jede Woche nach Niedersachsen fahren können und wollen."

"Testspiel-Tourismus" in Pandemie-Zeiten

Was Schmidt als "Testspiel-Tourismus" tituliert, ist schlichtweg eine Farce. Denn so viel dürfte trotz des verhältnismäßig noch geringen wissenschaftlichen Kenntnisstandes über Corona feststehen: Das Virus macht nicht an den Stadtgrenzen halt. "Ein Hamburger Club, der an Niedersachsen angrenzt, fährt wenige Kilometer über die Landesgrenze und absolviert ein Testspiel gegen eine Mannschaft aus Niedersachsen. Diese Partie dürfte auf Hamburger Boden aber nicht stattfinden und doch wird sie ein paar Kilometer weiter ausgetragen. Es sind dieselben Personen, die daran teilnehmen. Wie absurd ist das bitte?", fragt sich der Coach.

Landesverbänden sind Hände gebunden

Doch die für den Spielbetrieb zuständigen Landesverbände sind machtlos, wie Karsten Tolle, Pressesprecher des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV), auf Nachfrage von NDR.de verdeutlicht: "Wie alle Amateursportler müssen wir uns nach der behördlichen Verfügungslage richten." Im Fall von Schleswig-Holstein bedeutet dies, dass noch mindestens bis zum 9. August Training mit Körperkontakt lediglich in Zehnergruppen erlaubt ist. "Wir hoffen aber darauf, dass wir im September den Punktspielbetrieb aufnehmen und die Saison 2020/2021 sportlich zu Ende bringen können", sagte Tolle.

Frust bei Trainern und Spielern wächst

Trainer Sören Deutsch vom Hamburger Fußball-Bezirksligisten TSV Glinde © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Versteht nicht, warum es noch keinen Re-Start im Amateurfußball gab: Glinde-Coach Sören Deutsch.

Während den Verbänden die Hände gebunden sind, wächst bei vielen Spielern und Trainern nach über viermonatiger Corona-Zwangspause der Frust. "Man darf so viel: Die Städte platzen wieder aus allen Nähten, die Leute gehen feiern, schwimmen, zum Fitness. Teilweise eng aneinander. Ich darf 100 Leute zum Grillen einladen, aber Kicken ist in Hamburg immer noch nicht erlaubt. Wenn man dafür mal eine Erklärung bekommen würde, dann würde man das vielleicht auch schlucken", schrieb Sören Deutsch, Coach des in Schleswig-Holstein beheimateten und im Hamburger Fußball-Verband (HFV) spielenden TSV Glinde, bei Facebook. Die von der Hansestadt erlassene Verfügungslage ist noch bis zum 31. August gültig.

HFV hofft auf Sondergenehmigung für Pokalpartien

"Ein regulärer Spielbetrieb ist noch nicht in Sicht in Hamburg", sagte daher auch Carsten Byernetzki, Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit beim HFV. Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter hat allerdings die Hoffnung, zumindest die Pokalwettbewerbe der vergangenen Saison "im August mit Sonderregelung spielen zu können". Derzeit wird mit der Stadt darüber verhandelt. "Die Sondergenehmigung liegt aber noch nicht vor", erklärte Byernetzki.

Spielen ja, aber nicht wie vor Corona

Christian Woike, Trainer des Hamburger Fußball-Oberligisten SV Curslack-Neuengamme © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Curslack-Coach Christian Woike kann bei Testspielen nur maximal 14 Spieler einsetzen.

Den Amateurclubs aus Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein bleibt also erst einmal nichts anderes übrig, als sich in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder weiter entfernten Bundesländern wie Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen Gegner zu suchen, um ein Fußballspiel bestreiten zu können. Die Anzahl der Personen, die an einem Testkick aktiv teilnehmen dürfen, ist allerdings beispielsweise in Niedersachsen auf 30 limitiert, wobei dazu auch der Schiedsrichter zählt. Für Curslacks Coach Christian Woike wird das in den kommenden Wochen Probleme mit sich bringen. Bei einem 24 Mann großen Kader muss der 42-Jährige vor den anstehenden Freundschaftspartien stets mindestens neun Kicker aus dem Aufgebot streichen.

Möglicherweise aber verzichtet auch der eine oder andere Spieler von sich aus auf die Teilnahme an den Testkicks. "Wenn sich jemand ansteckt, muss er ja 14 Tage in Quarantäne. Und gerade für Leute, die gerade ihren Arbeitsplatz gewechselt haben oder ähnliches, ist das ja problematisch. Mal ganz abgesehen natürlich von den möglichen gesundheitlichen Folgen", sagte der Curslacker Vereinspräsident Hartmut Helmke NDR.de. Keine Zweifel: Es gibt viele offene Fragen vor dem Re-Start im Amateurfußball.

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Dieses Thema im Programm:

Sportplatz | 19.07.2020 | 18:00 Uhr

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