Trainer Thomas Brdaric vom albanischen Erstligisten KF Vllaznia © picture alliance/dpa/KS Vllaznia Shkodra/ Thomas Brdaric

Coach Thomas Brdaric: Über Albanien in die Bundesliga?

Stand: 09.01.2022 13:28 Uhr

Als Spieler schaffte es Thomas Brdaric bis in die Nationalmannschaft. Als Trainer ist der frühere Angreifer von Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg in Deutschlands Profiligen noch ein unbeschriebenes Blatt. Dabei stellt der Fußballlehrer im fernen Albanien unter Beweis, dass er auch ein ausgezeichneter Coach ist.

Kurz vor dem Jahreswechsel wurde Brdaric eine besondere Ehre zuteil. Auf einer Gala vom Federata Shqiptare e Futbollit (FSHF), dem albanischen Fußballverband, erhielt der 46-Jährige die Auszeichnung zum "Trainer des Jahres" der Saison 2020/2021. Dass die Wahl auf den früheren deutschen Nationalspieler (acht Einsätze) fiel, überraschte nicht. Gleich in seinem ersten Jahr als Coach von KF Vllaznia hatte er den Verein aus der nordalbanischen Stadt Shkodra zum Pokalsieg geführt und die Meisterschaft nur wegen der schlechteren Tordifferenz im Vergleich mit KF Teuta verpasst.

Besonders bemerkenswert an diesen Erfolgen war die Tatsache, dass der Traditionsclub vor der Brdarischen Amtsübernahme jahrelang eine graue Maus in der Kategoria Superiore war. Der letzte Titelgewinn vor dem Pokalerfolg 2021 hatte aus dem Jahr 2008 datiert.

Mit Vllaznia in der Conference League

"Wenn man eine Mannschaft aus dem Nichts in die europäische Qualifikation bringt, dann macht einen das schon stolz", erklärte Brdaric, der mit dem neunmaligen albanischen Meister in der Conference League gegen AEL Limassol (Zypern) ausschied. Für ihn waren es als Trainer die ersten Spiele auf internationaler Bühne. Vor seinem Engangement in Albanien hatte der Ex-Stürmer für die TSG Neustrelitz, den VfL Wolfsburg II, den TSV Steinbach, den nordmazedonischen Club Shkendija Tetovo, Tennis Borussia Berlin sowie Rot-Weiß Erfurt gearbeitet. Nach seiner Freistellung im November 2019 bei den Thüringern war der 204-malige Bundesliga-Kicker vereinslos, bis ihm ein Bekannter und ehemaliger Spieler von Vllaznia die Aufgabe im Norden Albaniens schmackhaft machte.

"Ich hielt das für eine tolle Chance und Herausforderung", erklärte der Coach. Als "Paradiesvogel" sieht er sich ob seines Wechsels in die im europäischen Vergleich eher zweitklassige Kategoria Superiore aber nicht: das Wort nervt ihn.

"Trainieren auf einem Wald-und-Wiesen-Platz"

Trainer Thomas Brdaric vom albanischen Erstligisten KF Vllaznia © picture alliance/dpa/Thomas Brdaric
Brdaric beklagt die schlechten Trainingsbedingungen bei seinem Club KF Vllaznia.

Es gebe viele Unterschiede zwischen dem südosteuropäischen und dem deutschen Fußball, aber dafür habe man in Albanien in einigen Belangen eine bessere Lebensqualität, zum Beispiel die 250 Sonnentage im Jahr. "Wenn man nach Albanien kommt, dann merkt man schnell, wie schön das Land ist", sagte Brdaric. Die Albaner hätten ihn toll empfangen, schwärmte der Trainer. Die wichtigsten Wörter verstehe er mittlerweile. In der Kabine wird Albanisch, Englisch und Serbo-Kroatisch gesprochen. Wenn es um die Bedingung des Trainingsplatzes seines Clubs geht, wird Brdaric aber etwas sauer. "Wir haben keinen professionellen Platz. Wir trainieren auf einem Wald-und-Wiesen-Platz", kritisiert er.

Der Kunstrasen werde zurzeit gebaut, doch das Vorhaben ziehe sich in die Länge. "Die Albaner sind weit hinterher, was die Ausstattung der Trainingsplätze angeht", sagte der Übungsleiter, der sich momentan mit seiner Mannschaft in Ulcinj (Montenegro) auf die zweite Saisonhälfte vorbereitet. Das Vllaznia-Stadion, das laut Brdaric ganz "ordentlich" und international vorzeigbar sei, ist in Albanien nicht der Standard. "Teilweise spielst du auf Dorfplätzen." Aus wenig viel machen - so lautet hier sein Credo.

Brdaric trainiert nun Ex-Werder-Profi Diagne

Die einheimischen Spieler seien an die Verhältnisse gewöhnt, Neuzugängen aus dem Ausland fielen beim Anblick des Platzes aber manchmal die Augen aus dem Kopf, erklärte Brdaric, der unter anderem der früheren Bundesliga-Verteidiger Fallou Diagne (Werder Bremen, SC Freiburg) unter seiner Fittiche hat. "Man muss aufpassen, dass ausländische Spieler die Platzbedingungen nicht als Ausrede nehmen, wenn sie schlecht spielen", sagte der Coach. Und auch sonst fehlen die technischen Voraussetzungen, um Laufleistungen im Spiel oder den Gegner zu analysieren.

"Wir haben bei null angefangen. Das waren keine besonderen Bedingungen, aber trotzdem haben wir von Beginn an Vollgas gegeben. Schritt für Schritt haben wir eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufgebaut", berichtete der 46-Jährige stolz.

Lala lobt Brdaric: "Hat wirklich etwas bewegt"

Altin Lala und Thomas Brdaric (v.l.) von Hannover 96 (Foto aus dem Jahr 2005) © IMAGO / Kaletta
Spielten einst zusammen bei Hannover 96: Altin Lala (2.v.l.) und Thomas Brdaric.

Derzeit steht seine Mannschaft im Pokal-Viertelfinale und ist Tabellenvierter in der Liga. In dieser Saison will sich Brdaric den Meistertitel schnappen. Der Rückstand auf Tabellenführer KF Tirana beträgt allerdings bereits acht Punkte. Der Traum von der ersten Meisterschaft seit 2001 droht also erneut zu platzen. Nichtsdestotrotz genießt der 46-Jährige in seiner Wahl-Heimat hohes Ansehen.

"Er hat in Albanien wirklich etwas bewegt. Seine offensive Spielweise wird im Land mittlerweile wirklich wertgeschätzt", sagte Brdaric' ehemaliger 96-Kollege und gebürtige Albaner Altin Lala. Und die bisherigen Erfolge habe er mit einem laut dem 46-Jährigen "durchschnittlichen Kader" erreicht.

Trainer hat keinen Plan B, aber einen Traum

Dass seine gute Arbeit in Shkodra auch außerhalb Albaniens wahrgenommen wird, ist die Hoffnung des früheren Nationalspielers. Denn die Kategoria Superiore, da macht Brdaric kein Geheimnis draus, soll für ihn als Trainer nicht das Ende der Fahnenstange sein. "Natürlich", antwortet er auf die Frage, ob er gern mal in der Bundesliga oder der Zweiten Liga arbeiten würde. Den deutschen Fußball verfolge er regelmäßig, in vielen Kneipen werden die Spiele gezeigt. Aber auch die zweite englische Liga reize ihn. Einen Plan B habe er aber nicht: "Ich bin leidenschaftlicher Trainer, das ist meine Berufung und macht mir am meisten Spaß."

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