Stand: 16.09.2019 13:00 Uhr

Christian Flüthmann - der etwas andere Trainer-Weg

von Andreas Bellinger, NDR.de

Christian Flüthmann? Es hat nicht lange gebraucht, um aus dem Fragezeichen hinter dem neuen Cheftrainer von Eintracht Braunschweig ein (zumindest kleines) Ausrufezeichen zu machen. Nach acht Spieltagen scheint der 37-Jährige nur noch für diejenigen ein Nobody zu sein, die sich partout nicht für Fußball in der Dritten Liga interessieren. Aus dem Abstiegskandidaten der vorigen Saison hat der bereits "Trainer der Stunde" genannte Ostwestfale binnen weniger Wochen ein Team geformt, das manch einen schon an die Erfolgsgeschichte der "Löwen" unter Torsten Lieberknecht denken lässt. Rückschläge wie die zweite Heimniederlage beim 1:2 gegen Hansa Rostock und den Verlust der Tabellenspitze steckt er wortgewandt weg, wie sich bei seinem Antrittsbesuch im NDR Sportclub zeigte: "Nur kurz danach tut es noch weh."

Christian Flüthmann im Sportclub

Flüthmann: "Ich bin sehr zielorientiert"

Sportclub -

Strukturiert und zielorientiert: Christian Flüthmann weiß genau, was er will. Berufliches Ziel des Trainers: der Aufstieg mit Drittligist Eintracht Braunschweig.

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Unter besonderer Beobachtung

Es hätte besser laufen können, eine Woche vor dem Spitzenspiel bei Viktoria Köln. Zumal Flüthmann in der Partie gegen die Hanseaten unter besonderer Beobachtung stand. Phil Church war eigens an die Hamburger Straße gekommen, um seinen Schützling bei der Arbeit zu begutachten. Der Brite ist Trainer-Ausbilder der englischen Football Association (FA) - und damit Chef im Fußballlehrer-Kursus, den Flüthmann derzeit mit Kicker-Koryphäen wie Chelsea-Coach Frank Lampard auf der Insel absolviert. "Außergewöhnlich", nennt der Drittliga-Cheftrainer das. "Vor vier, fünf Jahren hätte ich mir das niemals vorstellen können."

Beim BTSV vom "Co" zum Chef befördert

"Man sieht, dass er einen positiven Einfluss auf das Team hat", lobt FA-Tutor Church trotz der Niederlage gegen Rostock und wagt sogleich eine Prognose: "Wenn er so weiter macht, wird er auch Erfolg haben." Dabei sollte der im November 2018 vom damaligen englischen Zweitligisten Norwich City gekommene Flüthmann ursprünglich in dieser Saison noch als Kompagnon von Cheftrainer André Schubert wirken. Als der aber zwei Tage vor dem Trainingsstart in Richtung Zweitligist Holstein Kiel verschwand (wo er am Sonntag entlassen wurde), beförderten die Niedersachsen ihren Co-Trainer kurzerhand zum Boss, was es in der 124-jährigen Geschichte der "Löwen" bis dato noch nicht gegeben hatte. "Wir haben seine Arbeit genau beobachtet", wurde Aufsichtsratsmitglied Tobias Rau danach auf der Website des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zitiert.

"Fußball immer im Vordergrund"

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Dass es als Kicker für eine steile Karriere und das große Geld nicht reichen würde, erkannte der am 7. Mai 1982 in Münster geborene Flügelspieler des TSV Victoria Clarholz ziemlich bald. Das „bisschen Taschengeld“ reichte bei weitem nicht aus für die Ausbildung zum Industriekaufmann. So gründete er mit einer Geschäftspartnerin eine Werbeagentur, wohl wissend, "dass der Fußball immer im Vordergrund stehen wird". Als Trainer natürlich - so wie er es schon Jahre vorher ins Freundschaftsbuch seiner Nichte als großes Ziel geschrieben hatte. Es ließ sich gut an, obwohl die U19-Spieler seines Heimatvereins kaum jünger waren als der damals 22-Jährige. Zwei Jahre später war er schon Co-Trainer der ersten Mannschaft in der Westfalenliga.

Großes Vorbild Jürgen Klopp

Nach Stationen im Jugendbereich von Arminia Bielefeld (2008 bis 2011) und  der U17 des VfL Osnabrück kam Flüthmann 2013 zu Borussia Dortmund, wo er Trainer der U16 wurde. Er nutzte dort jede freie Minute, um dem damaligen BVB-Chefcoach Jürgen Klopp über die Schulter zu schauen: "Das war natürlich Gold wert für mich als kleiner Trainer." Zudem fungierte er von 2016 bis 2017 als Leiter Spielanalyse und lernte so in Daniel Farke den Coach des U23-Teams der Borussia kennen, der ihn wenig später mit nach England nehmen sollte. 18 Monate hielt die Trainer-Zweisamkeit bei Norwich City, bis Flüthmann der (Hilfe-)Ruf aus Braunschweig ereilte, wo den "Löwen" das Wasser bis zum Hals stand - und Schubert für seine Rettungsmission einen Assistenten brauchte.

Drittklassigkeit statt Premier League

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Christian Flüthmann arbeitete vor seinem Engagement beim BTSV als Co-Trainer bei Norwich City

Was dann geschah, wird hinlänglich als Fußball-Wunder des BTSV beschrieben. "Es hat für mich einen höheren Stellenwert, Cheftrainer bei einem Traditionsverein wie Eintracht Braunschweig in der Dritten Liga zu sein, als in der Premier League als Co-Trainer zu arbeiten", erklärte Flüthmann im Interview mit "Regionalsport.de". Ungeachtet des Aufstiegs von Norwich City, das am Wochenende übrigens Manchester City geschlagen hat. "Egal", meint der "Löwen-Dompteur", der auf Einsicht und Prinzipien statt lautes Peitschenknallen setzt. "Wenn er ein Ziel hat, verfolgt er es auch konsequent", sagt sein sieben Jahre älterer Bruder Markus. Ein bisschen die Trainer-Schule von Farke, Klopp und Thomas Tuchel - vor allem aber eigene Ideen, die er aber nicht gleich hochtrabend als Spielphilosophie bezeichnen möchte.

Aufstieg als "nächster Step"

Flüthmann weiß genau, was er will - und wie der Weg dorthin aussehen soll. In der Ferne locke natürlich die Bundesliga, wenngleich er noch keine Zeit gefunden habe, ein nächstes Ziel zu benennen. "Aber ich arbeite daran, etwas Passendes zu finden." Zukunftsmusik, aktuell verfolge er eine Reihe von Verhaltensregeln, die jeder Spieler flexibel umsetzen müsse, unabhängig von System und Aufstellung. Wie beispielsweise in der Defensive Druck auf den Ball auszuüben oder bei Ballbesitz bestimmte Positionen zu besetzen. "Ich arbeite sehr zielorientiert", sagte Flüthmann. Im Juni 2020 will er sein Fußballlehrer-Examen feiern. Mit Ausrufezeichen und "dem nächsten Step": Aufstieg mit den "Löwen" in Liga zwei.

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Sportclub | 15.09.2019 | 22:50 Uhr