VIDEO: Almuth Schult: Zwillingsmutter, Nationalkeeperin, ARD-Expertin (16 Min)

Schult: "Gegen Widerstände angekämpft habe ich schon immer"

Stand: 26.10.2020 12:16 Uhr

Nationaltorhüterin, Zwillingsmama, ARD-Expertin für die Männer-EM. Wie bekommt Almuth Schult das alles unter einen Hut? Im NDR Interview berichtet die 29 Jahre alte Fußballerin vom VfL Wolfsburg über ihren ganz normalen Alltagswahnsinn.

Almuth Schult, am 31. Oktober vor 50 Jahren hat der Deutsche Fußball-Bund in Travemünde das Verbot für Frauenfußball aufgehoben. Was geht Ihnen bei so einem Jubiläum durch den Kopf?

Almuth Schult: Einerseits Stolz, denn es war ein langer, harter Kampf. Aber natürlich ist es bei der langen Fußballtradition in Deutschland auch bitter, dass der Frauenfußball erst so eine kurze Zeit dabei ist.

Zur Begründung des Verbots 1955 gehörte das Argument, dass Fußball für den weiblichen Körper gefährlich sein könnte. Was sagt eine moderne Fußballerin dazu?

Schult: Das ist einfach diskriminierend. Wenn man dazu noch die Sportkommentatoren von damals hört - das ist peinlich, und das macht mich auch sauer. Es wurde lächerlich gemacht, die ersten 15 bis 20 Jahre. Da haben wir bereits viel Wirkungskraft und Unterstützung verloren. Das versuchen wir immer noch aufzuarbeiten.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Schult: Als ich früher am Stützpunkt trainiert habe, war ich das einzige Mädchen. Ich habe keinen Ball bekommen, weil die Jungs nicht mit mir spielen wollten. Die haben gesagt: Wir sind die besten Jungs aus dem Umkreis, was macht das Mädchen hier? Am Anfang bin ich noch nicht so aufgefallen, weil ich eine Kurzhaarfrisur hatte und niemand wusste, dass ich ein Mädchen bin. Dann hat es sich rumgesprochen und dann hieß es: "Äh, guckt mal, die haben ein Mädchen im Tor!" Und nach dem Spiel, weil ich anscheinend doch zu gut war, hieß es dann: "Mädchen dürfen gar nicht mitspielen!"

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Was haben solche Sprüche bei Ihnen ausgelöst?

Schult: Es hat mich nur noch mehr motiviert und zu Höchstleistungen angetrieben. Bei meinem Namen ist ja nicht so ganz eindeutig, ob er männlich oder weiblich ist, deshalb sagten manche Lehrer "der" Almuth. Manchmal war ich sauer, manchmal habe ich darüber gelacht. Mir war immer wichtiger, was meine Freunde gedacht haben. Ich habe nebenher Luftpistole geschossen. Das war auch ungewöhnlich, egal ob für Mädchen oder Jungs. Ich wurde so erzogen mit meinem freien Geist. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Und ich bin froh, dass wir jetzt einen anderen Einfluss auf die kommenden Generationen nehmen können und dass viele Menschen dem Frauenfußball offen gegenüberstehen.

Hören Sie heute noch abfällige Bemerkungen?

Schult: Wenn man sich über Fußball unterhält und die Person nicht weiß, wer ich bin, kann das schon passieren. Darauf bin ich auch gespannt, wenn ich für die ARD als TV-Expertin bei der Männer-EM arbeite. Das ist der nächste Schritt: dass eine Frau über den Männerfußball urteilt. Das gab es so in Deutschland noch nicht. Da könnte ich mir vorstellen, dass wieder sehr, sehr viel Gegenwind kommt.

Warum stellen Sie sich dieser Herausforderung?

Schult: Ich möchte, dass gar nicht über Mann oder Frau nachgedacht wird, dass es einfach um die Qualität einer Person geht. Ich glaube, viele Männer haben noch im Kopf, dass Frauen keine Ahnung vom Fußball haben. Es wäre schön, dieses Vorurteil aufzubrechen. In der Leichtathletik ist es doch auch egal, ob da ein Mann oder eine Frau als Expertin steht. Beim Fußball ist es schon verwerflich, wenn es eine Kommentatorin oder eine Moderatorin gibt. Letztendlich ist es Fußball, und ich fühle mich im Fußball sehr wohl. Gegen Widerstände angekämpft habe ich schon immer. Das mache ich gerne.

Was muss sich im Frauenfußball in Deutschland in den nächsten Jahren verbessern?

Schult: Ich denke, dass das Thema noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Da waren wir um die Heim-WM 2011 herum schon weiter. Es ist ein Kreislauf: mehr Akzeptanz bei Fans, mehr Zuschauerinteresse würde bedingen, dass mehr Sponsoren kommen, dass mehr Medieninteresse da ist. Es könnte auch ein großer Sponsor einsteigen, der Medieninteresse generiert und daraufhin kommen die Zuschauer. Irgendwo müssen wir das Rad anschubsen. Ich weiß noch nicht, an welchem Punkt, aber ich hoffe, wir finden ihn bald.

Was halten Sie von der Forderung, Männer-Lizenzvereine dazu zu verpflichten, auch eine Frauen-Abteilung zu haben?

Schult: Ich habe lange darüber nachgedacht. Eigentlich möchte ich, dass Frauenfußball freiwillig gefördert wird. Aber der Jugendfußball wird bei vielen Vereinen ja auch erst konsequent gefördert, seit es verpflichtend ist. In der Bundesliga haben wir ein sehr großes Gefälle zwischen Platz eins und Platz zwölf. Die Liga ist nicht ausgeglichen, weil nicht alle Profis sind. Aber ist es jetzt gut, wenn RB Leipzig einsteigt und sagt: "Wir wollen in die Champions League"? Alle anderen meckern und sagen: Jetzt kommt wieder der Retortenclub. Auf der anderen Seite ist es gut für uns, wenn jemand etwas investiert. Dann gibt es auch Clubs wie Schalke, die ganz unten anfangen, um eine Tradition aufzubauen. Aber sie werden eben auch zehn Jahre brauchen, um einen Weg gehen zu können, den Frauenfußball nachhaltig zu beeinflussen.

Seit April sind Sie Mutter von Zwillingen. Wie bekommen Sie Familie und Beruf unter einen Hut?

Schult: Es ist schon sehr anstrengend mit Nächten ohne Schlaf, den ersten Krankheiten, den ersten Zähnen, aber ich will mich nicht beschweren. Ich habe zwei gesunde Kinder, eine tolle Familie drum herum, und es macht einfach Spaß, seinen Nachwuchs aufwachsen zu sehen. Wenn man nebenher noch arbeiten kann, ist das ein großer Segen. Ich bin dankbar, dass meine Eltern und Schwiegereltern das sehr, sehr unterstützen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

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Wolfsburgs Torhüterin Almuth Schult © imago images  / Hartenfelser

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Schult: Als erstes schaue ich mir den Trainingsplan an, wann ich in Wolfsburg zu sein habe, und ich hoffe, dass sich keine Zeit verschiebt. Dann wird geguckt, welches Großeltern-Teil der Kinder wann Zeit hat und abgesprochen, wann man die Kinder wo abgibt und wer sie wieder abholt, weil mein Mann ja auch arbeitet. Wir machen die Kinder fertig, packen die Taschen, sprechen ab, was an dem Tag passieren soll, was sie essen sollen, ob die Nacht unruhig war, ob sie krank sind. Und dann gehe ich eigentlich guten Gewissens zum Training, weil ich weiß, dass sie gut aufgehoben sind. Und nachher freue ich mich, nach einem langen Tag die Kinder wiederzusehen und mit ihnen den Rest des Tages zu verbringen. Ja, und dann hofft man, dass sie nachts gut schlafen, damit man am nächsten Tag wieder Energie hat fürs Training. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn die Kinder irgendwann ihren eigenen Tagesablauf haben, mit Kindergarten, mit Schule.

Bekommen Sie Unterstützung vom Verein und vom Verband?

Schult: Es gibt keine Strukturen für so ein Modell. Das muss sich erst finden. Ich habe von der Athletenvereinigung gehört, dass sie das Thema Gleichstellung angehen und versuchen wollen, Frauen zu unterstützen, die in der aktiven Karriere Mutter werden. Grundsätzlich ist es ein sehr großer Spagat. Und im Mannschaftssport ist es noch mal schwieriger, weil man seine Trainingszeiten nicht selber bestimmen kann. Als normale Arbeitnehmerin bleibt man ein Jahr zu Hause und kommt wieder, wenn die Kinder in die Kita gehen. Aber als Profisportlerin verliert man viel Zeit, wenn man ein Jahr raus ist. Klar wäre es eine große Erleichterung, wenn man wüsste, man kommt zur Arbeit und dort gibt es eine Kita für die Kinder, so wie es in großen Firmen ja auch gemacht wird.

Wie ist es in anderen Ländern für fußballspielende Mütter?

Schult: In den USA ist es gang und gäbe, dass die Kinder betreut werden, dass sie mit im Hotel sind und die Kosten übernommen werden für die Reisen. Ich will das nicht einfordern. Es wäre für uns schon etwas Großes, wenn ich meine Familie mitbringen könnte. Ich würde die Kosten dafür selber tragen. Man wird da einen Kompromiss finden müssen. Mal sehen, worauf es hinausläuft.

Bisher war es im deutschen Frauenfußball meist so, dass ein Kinderwunsch gleichbedeutend war mit dem Karriereende.

Schult: Das ist schade, weil wir talentierte und erfahrene Spielerinnen verlieren. Celia Sasic hat aufgehört, Lira Alushi. Das sind Spielerinnen, die auch sehr große Gesichter waren für den Frauenfußball in Deutschland. Bei Frauen im Sport hört es sich häufig garstig an, wenn sie sagen, ich gehe jetzt wieder in den Beruf. Aber warum? Bei Männern hört es sich doch auch nicht garstig an. Ich liebe meine Kinder und ich gebe sie auch schweren Herzens weg, aber ich freue mich umso mehr, sie nach einem halben Tag wiederzusehen. Ich schöpfe Energie auf dem Trainingsplatz, und das ist auch gut für die Kinder. Die Kinder haben mehr Bezugspersonen, von denen sie jeweils das Beste bekommen. Sie sehen nur glückliche Menschen.

Wie läuft Ihre Rückkehr zur Mannschaft ab?

Schult: Man muss früh wieder anfangen mit dem Training, aber auch viel auf seinen Körper hören. Ich bin froh, wie bislang alles gelaufen ist, weil so eine hormonelle Umstellung gar nicht einfach ist. Es ist auch anders als bei einer Verletzung, wo man für den Aufbau einen Zeitraum abstecken kann. Das kann ich nicht. Aber grundsätzlich ist die Wiedereingliederung wie nach einer Verletzung. Ich muss dasselbe Fitnesslevel erreichen, bevor ich wieder auf den Platz darf, ich durchlaufe dieselben Tests.

Das Interview führte Kristoffer Klein

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Noelle Maritz (r.) vom VfL Wolfsburg © picture alliance/Pressefoto Baumann Foto: Hansjürgen Britsch

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.10.2020 | 23:35 Uhr

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