Ein Trikot mit der Aufschrift "Covid-19" und Fußball-Schuhe hängen an einem Zaun © imago images/Hanno Bode

Long Covid: Auch Sportlern drohen Corona-Langzeitfolgen

Stand: 04.12.2021 10:48 Uhr

Die Ursachen von Long Covid sind noch nicht entschlüsselt. Etwa zehn Prozent der Infizierten leiden an den Spätfolgen einer Coronavirus-Erkrankung. Die Therapie kann speziell für Sportler zur Herausforderung werden.

von Andreas Bellinger

Das Infektionsgeschehen der vierten Corona-Welle erreicht ungeahnte Höhen - mehr und mehr erkranken auch Sportlerinnen und Sportler an Covid-19. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich kein Handballer, Fußballer oder sonstiger Spitzenathlet infiziert und zumindest in Quarantäne muss. Junge, fitte und gesunde Menschen - aber auch sie kann es treffen, auch ihnen drohen Langzeitfolgen, die sogar die Karriere gefährden können.

Etwa eine halbe Million Long-Covid-Betroffene

"Studien zeigen, dass zehn Prozent der Infizierten Long-Covid-Symptome entwickeln", sagt Lungenfachärztin Jördis Frommhold im Gespräch mit dem NDR. "Und das sind nicht diejenigen, die im Krankenhaus waren." Von einer halben Million Long-Covid-Betroffenen in Deutschland ist mittlerweile die Rede, und täglich kommen neue hinzu.

Jördis Frommhold, Chefärztin der Median Klinik in Heiligendamm  Foto: Bernd Wüstneck
Expertin für Long Covid: Jördis Frommhold.

Sie können froh sein, einen Reha-Platz wie in der Klinik in Heiligendamm zu bekommen, wo bereits an die 3.000 Patienten behandelt wurden. Frommhold ist dort Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien; ihre Expertise auf dem Gebiet der Long-Covid-Erkrankungen ist gefragt.

Expertin Frommhold: "Bis zu 200 verschiedene Symptome"

Doch die Mediziner tappen bei Spätfolgen der tückischen Virusinfektion noch in vielerlei Hinsicht im Dunkeln. Gesicherte Erkenntnisse fehlen, der Aufwand für die Forschung ist immens. Seit dem Sommer 2020 machen sich Frommhold und Co. Gedanken darüber, wie sinnvoll ihre Behandlungsansätze sind.

Während die Therapien für Post-Covid-Patienten, die sehr lange und schwere Verläufe durchlebt haben, denen anderer Intensivpatienten ähneln und in der Regel erfolgreich praktiziert werden, "kennen wir bei Long Covid noch nicht hundertprozentig die Ursache", so Frommhold. "Es kann bis zu 200 verschiedene Symptome umfassen."

Patienten häufig zwischen 20 und 50 Jahren

Beobachtet wird, dass Patienten häufig jung sind, zwischen 20 und 50 Jahren. Mehr Frauen als Männer, häufig ohne Vorerkrankungen. "Auffällig ist, dass sie im Akutverlauf der Covid-19-Erkrankung eher mildere Verläufe hatten; manchmal sogar gar nicht im Krankenhaus waren", so die Pulmologin, die jüngst als "Frau des Jahres 2021" in Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet wurde. "Aber dann entwickeln sich andere Symptome, ohne dass wir die Ursache genau kennen."

Bleierne Müdigkeit, maximale Erschöpfung, aber auch neurologische Einschränkungen werden diagnostiziert. Bisweilen fällt den Patienten das richtige Wort nicht ein oder schlimmer noch, "es gibt Anzeichen wie bei einer Demenz", so Frommhold. "Häufig auch massiver Haarausfall, Muskel- und Gelenkschmerzen, Neigung zu schnellem Herzschlag und Bluthochdruck."

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Junge Menschen Mitte zwanzig könnten plötzlich nicht mehr folgen in ihrem Studium oder Beruf. Und psychosomatische Störungen treten auf. "Solange die Ärzte das Krankheitsbild nicht vollständig verstanden haben, wachsen natürlich Unsicherheit und Angst", sagt die Medizinerin über die multisystemische Erkrankung.

Long Covid wie andere chronische Erkrankungen betrachten

"Wann ist es denn vorbei?", sei die Frage, die alle Patienten umtreibt. Aber die Antwort kennt auch Frommhold nicht. "Wir können nicht die Garantie geben, dass es wieder so wird wie vorher. Es wird anders sein." Nach ihrem Bauchgefühl und der medizinischen Erfahrung könne die Genesung bis zu zwölf Monate dauern. Gesund und alles wieder wie vorher? Ein Wunschtraum womöglich. "Man sollte Long Covid wie andere chronische Erkrankungen betrachten. Wie hohen Blutdruck vielleicht. Wenn man sich gut darauf einstellt, kann man gut damit leben", so die 39-Jährige.

Ehrgeiz bei Sportlern in der Reha kontraproduktiv 

Eine der größten Gefahren in der Rehabilitation sieht Frommhold im Ehrgeiz, der bezüglich der körperlichen Leistungsfähigkeit bei Spitzensportlern naturgemäß besonders ausgeprägt ist. "Es gibt Tage, an denen es großartig ist und die Patienten 100 oder sogar 150 Prozent geben. Aber das rächt sich, denn danach wird es wieder sehr viel schlechter. Das müssen die Patienten lernen und sich darauf einstellen." Schwer zu akzeptieren - speziell für die, die mit ihrem Sport den Lebensunterhalt verdienen.

Medikamentöse Behandlung fehlt

Das Forschen nach den Long-Covid-Ursachen gleicht derweil der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Eine umfassende medikamentöse Behandlung fehle, so Frommhold. Impfen sei das probate Mittel, weil es das Risiko für schwere Verläufe und Long-Covid-Erkrankungen verringern könne. Zweimal Geimpfte wurden in Heiligendamm noch nicht behandelt. Die Hoffnung, dass eine Impfung nach der Erkrankung den Heilungsverlauf bei Long-Covid-Patienten begünstigen könnte, hat sich indes bislang nicht erfüllt.

Lange Wartzeiten auf Reha-Plätze

Wie sehr die 500.000 prognostizierten Long-Covid-Kranken das Gesundheitssystem belasten werden, ist kaum abzuschätzen - ebenso wie der Schaden für die Volkswirtschaft angesichts der zahlreichen Menschen, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Auch der Sport wird betroffen sein; möglicherweise mehr als bislang vorhersehbar. Und in den Rehakliniken sind die Plätze rar, schon jetzt gibt es Wartezeiten von bis zu zwölf Monaten. Frommhold: "Wenn man die Behandlung auf wenige Zentren konzentriert, wird man der Masse an Patienten nicht Herr werden."

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Sportclub | 05.12.2021 | 22:50 Uhr

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