Corona-Wirrwarr im Sport: Droht erneute Zwangspause?

Stand: 26.10.2020 09:56 Uhr

Steigende Neuinfektionen, falsche Testergebnisse und ein Durcheinander um unterschiedliche Verordnungen machen dem Sport zu schaffen. Wettbewerbsverzerrung und ein Termin-Chaos drohen. Gibt es erneut eine Zwangspause?

von Andreas Bellinger

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt. Auch im Sport "kommen die Einschläge immer näher", so Werder-Sportchef Frank Baumann - aber eine klare Linie im Umgang mit der Pandemie ist im Sport nur schwer zu erkennen. Während Werder Bremen am Sonntag in der Fußball-Bundesliga vor leeren Rängen gegen Hoffenheim spielen musste, wurde tags zuvor in Hamburg 1.000 Zuschauern, bei Union Berlin 5.000 und in Hannover sogar 8.900 Fans Zugang ins Stadion gewährt.

Obwohl ursprünglich schon bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 35 keine Fans mehr zugelassen werden sollten - ein Wert, der hier wie dort deutlich überschritten wurde - und sich die Bundesländer doch schon am 15. September auf diese bundesweiten Vorgaben für Sportveranstaltungen geeinigt hatten.

Antwerpen: "Mit Fußball nichts mehr zu tun"

Es ist tatsächlich schwierig, eine Stringenz in den Regelungen auszumachen. Wie auch, wenn die Länder den Beschluss nicht in ihre eigenen Corona-Schutzverordnungen übernommen haben, die für die lokalen Gesundheitsämter bindend sind. Dabei sollte eine einheitliche Regelung im Sinne der Chancengleichheit die Basis aller Wettkämpfe sein.

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Aber was war beispielsweise mit den Würzburger Kickers, die vor dem Spiel beim Hamburger SV einen Testmarathon überstehen mussten? Trainer Marco Antwerpen kommentierte das einigermaßen genervt dem NDR: "Grundsätzlich hat das mit Fußball nichts mehr zu tun."

Mehr Sicherheit dank Maske?

Die Virologin Ulrike Protzer von der TU München kann sich sogar eine Lockerung der Vorgaben vorstellen - wenn die Besucher wie beispielsweise bei Union Berlin nicht singen dürfen und im Stadion permanent einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Dem "Deutschlandfunk" sagte sie: "Diese Maßnahmen tragen erheblich zur Sicherheit bei und wenn jetzt die Erfahrung zeigt, dass bei einer Inzidenz von 35 noch nicht viel passiert, da kann man sicherlich drüber nachdenken, ob man das noch ein bisschen lockern kann und nicht ganz so strikt bei den 35 bleibt.“

Staatsrat: "Situation ist beängstigend"

Im Risikogebiet Hamburg ist die Inzidenz inzwischen auf über 80 gestiegen - und doch durften am Sonnabend 1.000 Zuschauer ins Volksparkstadion. Der im Hamburger Senat für Sport zuständige Staatsrat Christoph Holstein (SPD) will die Beurteilung der Lage den Experten überlassen. "Das Problem sind nicht der Sportplatz oder das Spielfeld, sondern die Kabine mit dem Bier hinterher", sagt er dem NDR. "Die Ansprache des Trainers ohne Mundschutz, längere Busfahrten, wo man den Eindruck hat, wir sind hier alle zusammen und alles ist ganz entspannt." Eins sei klar", so Holstein: "Die Situation ist sehr beängstigend."

Falsch positive Tests komplettierten das Chaos

Und zuweilen verwirrend, wie jüngst scheinbar positive Corona-Fälle zeigten. Da werden Spieler wie Serge Gnabry vom FC Bayern München und insgesamt sechs Spieler von Zweitligist Heidenheim positiv getestet, und wenig später stellen sich die Ergebnisse als Fehler des Labors heraus. Kann passieren - offenbar in zwei Prozent der Fälle. Aber wird das auch bei negativen Tests überprüft?

Handball-Trainer Jansen vermisst klare Entscheidungen

Das Durcheinander fördert auch das unterschiedliche Vorgehen der Gesundheitsämter bei einem positiven Test mit dem Rest der Mannschaft. Mal muss das komplette Team in Quarantäne, dann wieder nur die betroffenen Spieler. "Uns fehlt so eine Klarheit in den Entscheidungen", sagt Torsten Jansen, Trainer von Handball-Zweitligist HSV Hamburg. "Die Zahlen gehen täglich in die Höhe. So gesehen kann ich die Abwägung nicht ganz verstehen, ob man nur vier Spieler oder das ganze Team in Quarantäne schickt."

Acht positive Corona-Fälle hat der einstige Champions-League-Gewinner bereits registriert. Mit gerade noch acht Feldspielern konnte der HSV schließlich zum Auswärtsspiel nach Großwallstadt (28:27) starten. "Wir sind arg gebeutelt wie andere Vereine auch", so Jansen. "Obwohl wir alle versuchen, uns an die Hygienevorschriften zu halten."

Spielbetrieb im Amateurfußball gestoppt

Der Spielplan ist schon ordentlich durcheinandergeraten. Absagen und Zwangspausen häufen sich - wie jüngst auch für die Osnabrücker und HSV-Fußballer oder auch für Braunschweig im Basketball-Pokal. "Das Zeitfenster wird immer kleiner; das Sportliche gerät zunehmend in den Hintergrund", sagt Jansen. "Es wird immer schwieriger, für eine Fortsetzung der Serie zu plädieren." Der Bremer und der Hamburger Fußball-Verband haben den Spielbetrieb vorerst gestoppt. "Ich denke, das ist sinnvoll auch im Sinne des Sports", sagt Hans-Joachim Böhm vom OSC Bremerhaven. "Wir haben hier einen absoluten Ausnahmezustand."

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Holstein hofft auf Einigkeit, wenn Cut kommen muss

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stemmt sich derweil gegen eine sich anbahnende neuerliche Zwangspause. Sportartenübergreifend soll ein neues Hygienekonzept Vereinen und Verbänden Bausteine für eigene Konzepte liefern. "Es soll ein aktiver Beitrag sein, dass Sport Deutschland weiterhin in Bewegung bleiben kann", so DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Für den professionellen Sport geht es vor allem auch um das monetäre Wohl. Allein die fehlenden Einnahmen bei Geisterspielen in der Fußball-Bundesliga drohen manchen Verein in die Pleite zu stürzen. Aber es mehren sich auch Stimmen, so Holstein, insbesondere im Breitensport, die aus Angst vor einer Ansteckung ihren Club meiden. Auf den Hamburger Sport als gesellschaftspolitische Instanz vertraut der Staatsrat: "Ich bin überzeugt, dass wir uns einig sein werden, wenn der Punkt erreicht ist zu sagen, wir müssen einen Cut machen."

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 26.10.2020 | 10:25 Uhr

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