Stand: 31.10.2016 10:38 Uhr  | Archiv

Wohin mit giftigem Dämmmaterial?

von Franka Welz, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Wärmedämmung wird seit Jahrzehnten aggressiv propagiert und staatlich gefördert. Dabei kommen besonders oft Platten aus Polystyrol zum Einsatz - besser bekannt als Styropor. Seit dem 1. Oktober gilt Polystyrol in Deutschland offiziell als Sondermüll. Schuld daran ist das giftige Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan - kurz HBCD -, das diesen Platten jahrelang beigefügt wurde. Seit der Änderung stockt die Entsorgung von Polystyrol-Platten.

Abbruchunternehmer sind sauer

Abfallsäcke gefüllt Dämmstoff Polystyrol, das ab 1.10.2016 als Sondermüll entsorgt werden muss © NDR Foto: Franka Welz
Meterhohe Berge von Abfallsäcken gefüllt mit Polystyrol-Platten behindern die Bauarbeiter bei ihrer Arbeit.

Abbruchunternehmer Matthias Strauch von der Hamburger Firma Ehlert und Söhne deutet auf einen Berg weißer Plastiksäcke, der den zwei Meter hohen Bauzaun der Baustelle deutlich überragt: "Durch diese Säcke ist hier alles blockiert und wir können nicht so arbeiten, wie wir müssten. Wir haben parallel 35 bis 40 andere Baustellen, wo wir ähnliche Probleme haben." Neben dem Berg steht ein großer Container eines Entsorgungsunternehmens, ebenfalls randvoll. Dahinter manövriert ein gelber Bagger vorsichtig auf dem aufgetürmten Bauschutt. Allein auf dieser Baustelle liegen rund 150 Kubikmeter HBCD-haltiges Dämmmaterial. Auf allen Baustellen der Firma zusammen sind es bisher gut 2.000. Der Abbruchunternehmer ist mit seiner Geduld am Ende: "So kann es nicht weitergehen!"

Platten dürfen nicht mit anderem Bauschutt entsorgt werden

Das Flammschutzmittel HBCD gilt als langlebiger organischer Schadstoff, der unter anderem die Fortpflanzung beeinträchtigen kann. Er tritt nicht aus, solange Dämmplatten unbeschädigt verbaut sind. Das Problem entsteht bei der Entsorgung. Zum ersten Oktober wurde eine EU-Richtlinie in deutsches Recht umgewandelt. Zusätzlich hat der Bundesrat die Abfallregeln verschärft. Seitdem sind mit HBCD behandelte Dämmplatten offiziell Sondermüll. Sie dürfen daher nicht länger zusammen mit anderem Bauschutt gesammelt und abgefahren werden. Enno Simonis von der Entsorgungsfirma Otto Dörner: "Durch die neue Verordnung ist uns das Vermischen dieser Abfälle nicht mehr möglich. Die Verbrennungsanlagen können es technisch in Mono-Fraktionen nicht annehmen und insofern ist eine Entsorgung dieses Materials nicht mehr möglich."

Flammhemmer HBCD

Hexabromcyclododecan (HBCD) soll im Brandfall verhindern, dass sich ein Feuer an der Fassade schnell ausbreitet. Doch HBCD gilt laut Europäischer Chemikalienagentur als "besonders besorgniserregend":  Es reichert sich in der Natur und in Organismen an und steht im Verdacht, die Fortpflanzung zu schädigen. Im Brandfall stehen HBCD-belastete Dämmplatten zudem unter Verdacht, die Entstehung von hochgiftigen Dioxinen und Furanen zu ermöglichen.

Entsorgungs-Frage wurde vernachlässigt

Entsorger nehmen die Dämmstoffplatten nicht mehr an. Müllverbrennungsanlagen können sie nicht ohne weiteres - wie vorgeschrieben - getrennt von anderen Abfällen verbrennen. Denn das Material hat einen so hohen Brennwert, dass reine Polystyrol-Ladungen die Öfen beschädigen könnten. Ein Entsorgungsstau mit Ansage, sagt Architekturprofessor Bert Bielefeld von der Universität Siegen: "Man weiß darüber schon seit über zehn Jahren Bescheid. Aber man hat versäumt, präventiv dafür zu sorgen, dass die Entsorgung ab dem ersten Oktober auch funktioniert."

Material darf bis 2018 weiter verbaut werden

Seit 2014 sind Herstellung und Verwendung von HBCD weltweit verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen, auch in der EU. In Deutschland wird der Stoff weiter verbaut, voraussichtlich bis Februar 2018. Dämmstoffhersteller sollen genug Zeit haben, um HBCD zu ersetzen. Außerdem wird der Einsatz dieser Dämmstoffe nach wie vor sogar noch staatlich gefördert. Ein Zeichen der Stärke der deutschen Dämmstofflobby, sagt Herbert Oberhagemann vom Verband Privater Bauherren. Sein Verband erlebe regelmäßig: "Dass sie in den wesentlichen Ausschüssen - bis im Bundesbauministerium - an maßgeblicher Stelle mitwirken und bislang erfolgreich verhindert haben, dass man ihr Material zum Teufelszeug erklärt".

Länder arbeiten an Lösung

Geschätzte 40 Millionen Quadratmeter Wärmedämmung werden jedes Jahr hierzulande eingebaut. Ein guter Teil davon mit HBCD, denn solche Dämmplatten sind besonders kostengünstig. Mehrere Bundesländer, darunter Niedersachsen, haben inzwischen Ausnahmegenehmigungen für die Entsorgung HBCD-haltiger Abfälle erteilt. Auch Hamburg arbeitet an einer Lösung für den Entsorgungsstau. An dem Grundproblem ändere das jedoch nichts, sagt Lys Birgit Zorn, die Vorsitzende der Entsorgergemeinschaften Hamburg und Schleswig-Holstein: "Das heißt, wir verbauen jetzt noch immer Material, was später als gefährlicher Abfall entsorgt werden muss und das ist schon recht absurd."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 31.10.2016 | 10:38 Uhr

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