Stand: 09.10.2017 17:35 Uhr

Die dunkle Seite von weißem Kalbfleisch

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Auch Kälber, die in der Natur schon entwöhnt wären, werden vorwiegend mit Milch gefüttert, wie diese sechseinhalb Monate alten Tiere.

Zart und saftig soll Kalbfleisch sein und auch noch möglichst weiß. Denn erst dann gilt es als Delikatesse. Um dieses Fleisch zu produzieren, ist es allerdings erforderlich, die Kälber in der Mast überwiegend mit Milch zu füttern - bis sie geschlachtet werden. Bis zu 80 Prozent der deutschen Mastkälber kommen in diese sogenannte Weißmast. Diese Kälber erhalten auch in einem Alter, in dem sie normalerweise von der Milch entwöhnt werden, fast ausschließlich weiterhin Milch. Und eben kaum "Raufutter" aus Gras, Mais, Heu, Stroh oder Hülsenfrüchten. Das enthält nämlich viel Eisen. Doch genau das würde das Fleisch der Kälber rot färben, aber das ist nicht gewollt.

Experten halten Milch-Mast für nicht artgerecht

Gesetzlich ist die Weiß- oder auch Milch-Mast erlaubt. Aber unter vielen Experten gilt sie als nicht artgerecht. Das sieht auch die Schweizer Tierärztin Corinne Bähler so: "Ich bin der Meinung, dass eine tier- oder kälbergerechte Ernährung Eisen enthalten muss. Denn Eisen ist eine sehr wichtige Substanz, um das Immunsystem zu optimieren. Dann können die Kälber möglichst selbst  gegen Krankheiten kämpfen und müssen nicht mit mehreren Medikamenten behandelt werden."

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Die Milch, die in der Milch-Mast verfüttert wird, ist im Übrigen (meist) keine echte Kuhmilch, sondern ein sogenannter Milchaustauscher, der möglichst wenig Eisen enthält. Die Haupt-Komponenten: Palmölfett, Eiweiß- und Magermilch- oder Molkepulver, angerührt mit Wasser. Es gebe sogar Betriebe, die das Eisen aus dem Wasser herausfilterten, erzählt Bähler.

Gesundheitliche Folgen für die Kälber

Wie unnatürlich ist die Weißmast? Und wie ungesund? Tierärztin Corinne Bähler, selbst Mitglied im Schweizerischen Verband der Kälbermäster, führt regelmäßig Untersuchungen von Mägen geschlachteter Kälber durch. Damit überprüft sie, ob es ihnen gut ging.  Denn: "Es gibt gewisse Indizien, zum Beispiel, wenn man die Mägen sich anschaut, ob sie Läsionen oder Geschwüre haben. Das sind Hinweise auf Stressfaktoren. Wir sehen schon, dass bei einer schonenden Haltung weniger Läsionen im Magen zu finden sind."

In einer vom 45-Min-Team beauftragten Untersuchung seziert die Schweizer Tierärztin 30 Kälbermägen. Die Organe dafür in Deutschland zu bekommen, ist so gut wie unmöglich. Die Geschwüre, die Bähler findet, müssen eine Qual für die Tiere gewesen sein. "Das brennt immer, wenn der Mageninhalt über die Geschwüre läuft", erklärt sie. Solche Geschwüre entstehen durch Stressfaktoren wie die frühe Trennung von der Mutter, aber auch durch Platzmangel, Langeweile, und Eisenmangel sowie zu viel gefütterte Milch.

Magengeschwüre weit verbreitet bei Mastkälbern

Die Tierärztin berichtet von Untersuchungen in Italien, nach denen dort 90 Prozent der Kälber solche Geschwüre aufweisen würden. In der Schweiz seien es mittlerweile nur noch zehn bis 20 Prozent. Aber dort scheint es auch einen neuen Trend zu geben. Die reichen Schweizer sind anscheinend bereit, mehr für Kalbfleisch aus artgerechter Haltung zu bezahlen.

In Deutschland gibt es zu Magenschwüren bei Mastkälbern keine Studien. Aber eine aktuelle Untersuchung aus Österreich geht davon aus, dass im Schnitt 80 Prozent der Kälber in der EU-Weißmast solche Geschwüre haben und darunter leiden. Eine der Empfehlungen dieser Studie: eine andere Art der Fütterung, nämlich mit mineralien- und damit eisenhaltigem Futter.

Kalbsmägen werden in Deutschland nicht untersucht

Wie es in den Mägen von Milch-Mastkälbern aussieht, weiß in Deutschland kaum jemand. Laut den von 45 Min angefragten Veterinärämtern werden die Mägen in Schlachthöfen nur in ganz seltenen Fällen aufgeschnitten. In den vergangenen Jahrzehnten hat hierzulande niemand die Mägen von Kälbern auf Geschwüre hin untersucht. Die Universitätsinstitute, mit denen Autor Fabian Sabo gesprochen hat, hätten das zwar gern getan. Doch ihnen fehlen die Mittel. Niemand weiß also, wie es in den Mägen der deutschen Mastkälber aussieht,

Das bestätigen auch die Fleischkonzerne, die ein Jahr nach einer entsprechenden Anfrage schriftlich antworteten, dass die Tiere ausreichend Eisen bekämen. Die Unternehmen berufen sich außerdem darauf, dass sich die ganze Milchmast innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewege.

Steht Verbraucherwohl über dem der Kälber?

Folgt man dem Ergebnis der österreichischen Studie, ist davon auszugehen, dass die Kälber in der Weißmast leiden - ganz legal. Eine größere Rolle scheinen aber das Wohlergehen und die kulinarischen Vorlieben der Verbraucher zu spielen. Für Fleischverzehr insgesamt gilt: Wer billig einkauft, muss einkalkulieren, dass die Tiere so wirtschaftlich wie möglich gehalten werden; was oft wenig artgerecht ist. Für eine gute Tat zahlt der Verbraucher aber sogar weniger: Wenn er kein weißes Kalbfleisch mehr kauft, sondern roséfarbenes. Fleisch von Kälbern, die artgerecht gefüttert wurden.

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Dieses Thema im Programm:

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