Stand: 25.03.2019 18:00 Uhr

Smartphone-App: Hört Facebook Gespräche mit?

von Ann-Brit Bakkenbüll

Wer die sozialen Netzwerke Facebook oder Instagram nutzt, dem wird in der jeweiligen Smartphone-App Werbung gezeigt. Vielen Nutzern ist aufgefallen, dass bei ihnen Werbung zu Themen oder Marken erscheint, über die sie sich kurz zuvor unterhalten haben. Schon seit Jahren gibt es Gerüchte, dass Facebook die privaten Gespräche seiner Nutzer über das Mikrofon des Smartphones mithören und die gesammelten Daten für personalisierte Werbung nutzen könnte. Facebook streitet das ab.

Allein in Deutschland hat Facebook nach eigenen Angaben 32 Millionen angemeldete Nutzer, weltweit sind es fast 2,3 Milliarden. Der Konzern hat auch Zugriff auf die Nutzerdaten von Instagram und WhatsApp, die seit 2012 beziehungsweise 2014 zu Facebook gehören.

Werbung auf Smartphones.

Smartphone-App: Hört Facebook Gespräche mit?

Markt -

Hört Facebook private Gespräche seiner Nutzer ab, um die Daten für personalisierte Werbung zu nutzen? In einem Experiment hat Markt den Verdacht überprüft.

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Beschwerden von Nutzern häufen sich

Auf Anfrage von Markt bestätigte der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit bereits im Spätsommer 2018, dass sich die Beschwerden von Nutzern hinsichtlich der Vermutungen zu Abhörvorgängen in den Monaten zuvor gehäuft hätten. Allerdings fehlte der Behörde damals nach eigenen Angaben das Personal, um den Vermutungen im Detail nachzugehen. Die Behörde ist für Facebook zuständig, weil der Konzern seine Deutschland-Zentrale in Hamburg hat.

Abhör-Verdacht: Bisher keine Beweise

Im Juni 2018 hat Facebook ein Patent für eine Technik angemeldet, die es dem Unternehmen ermöglichen soll, mit dem Smartphone der Nutzer Umgebungsgeräusche auszuwerten. Damals ließ der Konzern verlauten, dass es üblich sei, Patente einzureichen, um Vorstößen anderer Unternehmen vorzubeugen.

Dass das Abhören und Auswerten von Sprache technisch schon möglich ist, bestätigt Informatik-Experte Professor Hannes Federrath von der Universität Hamburg: Sobald der Nutzer einer Smartphone-App den Zugriff auf das Mikrofon gestatte, könne das Programm das eingebaute Mikrofon nutzen.

In verschiedenen Untersuchungen konnte der Experte bisher jedoch keine Anhaltspunkte dafür finden, dass Apps im Hintergrund unbemerkt Sprache aufzeichnen und die Daten auf dem Smartphone oder auf Servern auswerten.

Experiment: Hört Facebook mit?

In einem Experiment hat Markt versucht, den Verdacht zu überprüfen. Dazu hat die Redaktion vier Smartphones eingesetzt:

  • zwei iPhones mit dem Betriebssystem iOS
  • zwei Geräte mit dem Betriebssystem Android

Bei jeweils einem der beiden Smartphones ("Kontrollhandy") wurden die Mikrofon-Eingänge abgeklebt, bei den anderen Handys blieben sie frei. Sind Unterschiede festzustellen, welche Werbung auf den abgeklebten Handys und auf den Handys mit offenen Mikros erscheint?

Alle vier Smartphones wurden für den Test auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt. Anschließend wurden die Apps Facebook, WhatsApp, Facebook Messenger und Instagram mit identischen Zugriffsrechten installiert, etwa Standortfreigabe und Zugriff auf Mikrofon und Kamera.

Für jedes Handy wurde ein anderes Nutzerprofil verwendet, jedoch mit denselben personenbezogenen Angaben wie Alter, Geschlecht und Wohnort. Lediglich die Namen und die hinterlegten E-Mail-Adressen unterschieden sich.

Ergebnisse des Abhör-Experiments

  • Test-Phase 1: Alle Apps bleiben geschlossen. Einige Tage lang sprechen die Tester regelmäßig über vorher festgelegte Themen wie Mode, Kosmetik, Brautkleider und Urlaubsziele, während die Smartphones im gleichen Raum liegen. Bei der Auswertung nach einigen Tagen wird auf dem Android-Handy mit nicht abgeklebten Mikrofonen Werbung für eine Bodylotion angezeigt. Auf den anderen Smartphones erscheint keine passende Werbung.

  • Test-Phase 2: Die Apps sind geöffnet, während wir über die vorher festgelegten Themen sprechen. Bei den Android-Geräten stellt der Redaktion anschließend keine passende Werbung fest. In der Instagram-App des iOS-Geräts erscheint ein Bild, auf dem ein Brautkleid zu sehen ist.

  • Test-Phase 3: Bei Telefonaten mit dem Facebook Messenger werden mehrmals am Tag die vorher festgelegten Begriffe und ganz ausdrücklich das Urlaubsziel Peru erwähnt. Einige Tage danach erscheint auf dem Android-Smartphone die Werbung eines Modeunternehmens, auf dem iOS-Smartphone eine Anzeige für Flüge nach Peru. Die Testperson, mit der die Gespräche geführt wurden, sieht auf ihrem privaten Handy bei Facebook und Instagram plötzlich viel Werbung zum Thema Hochzeiten.

Experte: Kein Beweis für den Abhörverdacht

Informatik-Professor Federrath von der Universität Hamburg hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass ein technisch mögliches Abhören und Auswerten der Gespräche und Telefonate der Grund für die vermeintlich passende Werbung sein könnte. Für wahrscheinlicher hält der Experte intelligente Algorithmen, die beispielsweise den Standort auswerten.

Stellungnahme von Facebook

Auf Anfrage von Markt schreibt Facebook:

"Facebook hört oder liest nicht mit. Die Facebook-App greift nur dann auf das Mikrofon zu, wenn ein Nutzer dies der App vorher ausdrücklich erlaubt hat und gleichzeitig eine bestimmte Funktion aktiv nutzt, welche Audiosignale erfordert, wie beispielsweise die Aufnahme eines Videos oder einer Sprachnachricht. Grundsätzlich nutzt keine App der Facebook-Familie das Handy-Mikrofon, um Werbung oder Beiträge im News Feed in irgendeiner Weise zu beeinflussen."

Vorsicht im Umgang mit Daten

Die Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit empfiehlt, bei jeder App vorsichtig mit der Freigabe von Daten zu sein. Vor der Freigabe sollte sich jeder Nutzer genau überlegen, ob der Zugriff auf Standortdaten, Kamera oder Mikrofon für die Funktionalität der App wirklich nötig sind.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 25.03.2019 | 20:15 Uhr

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