Stand: 03.05.2015 18:00 Uhr  | Archiv

Ratgeber für Finanzen auf dubiosem Kundenfang

Der gemeinnützige Ratgeber für Finanzen e.V. will Verbraucher beraten und schützen, so steht es zumindest in der Satzung. Doch nach Recherchen von NDR Info will der bundesweit tätige Verein vor allem ahnungslosen Kunden bisweilen hochriskante Finanzprodukte aufschwatzen.  

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Dirk Scheuttner investierte nach einem Gespräch mit dem Verein Ratgeber für Finanzen e.V. 100.000 Euro in Hochrisiko-Papiere.

Dirk Scheuttner (Name geändert) erinnert sich noch gut an seinen ersten Kontakt mit dem Ratgeber für Finanzen. Vor etwa einem Jahr klingelte bei dem Einzelhändler aus Hamburg das Telefon. Ein Mann, der sich als "ehrenamtlicher Sachverständiger" des Ratgeber-Vereins ausgab, wollte mit ihm über Finanzanlagen sprechen. Der Verein, für den er arbeitet, sei eingetragen und vor allem als gemeinnützig anerkannt, erklärte der Anrufer. Das sei für ihn ganz wichtig gewesen, so Scheuttner: "Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich da nicht zugehört und auch nicht mitgemacht."

Bei einem Beratungstermin überprüft der "Sachverständige" dann Scheuttners Lebensversicherung und kommt zu einem klaren Urteil: Die Police werfe viel zu wenig Geld ab. Er solle sie besser an eine gewisse Treuk AG mit Sitz in Köln verkaufen, das würde mehr Geld bringen. Scheuttner steckte daraufhin seine gesamte private Altersvorsorge in die dubiose Firma. Insgesamt mehr als 100.000 Euro. Was ihm nicht klar war: Er hatte sein Geld jetzt in Hochrisiko-Papiere investiert - mit Totalverlust-Risiko.

Hochrisiko-Papiere statt Lebensversicherungen

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Gabriele Schmitz rät dazu, sich im Zweifelsfall Rat bei einer Verbraucherzentrale zu suchen.

Kein Einzelfall, sagt Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg. Schmitz berät derzeit mehrere Verbraucher, die mit dem Verein zu tun hatten. "Es geht offenbar darum, Kunden ihre Lebensversicherungen abzuschnacken", so Schmitz. Auch Verbraucherzentralen in anderen Städten ist der Verein bekannt. Kein Wunder, denn der Ratgeber für Finanzen e.V. ist in 17 deutschen Städten aktiv. Darunter Hannover, Hamburg, Bremen, Berlin und Köln.

Gegenüber den Verbraucherzentralen und NDR Info berichten zahlreiche Kunden, dass ihnen von Beratern des Vereins nahegelegt wurde, ihre Lebensversicherungen aufzukündigen und zu verkaufen. Beispielsweise an die Treuk AG. Die Verbraucherzentrale Hamburg warnt davor. Denn der Kunde sieht sein Geld offenbar erst nach mehreren Jahren wieder - und im Falle einer Firmeninsolvenz droht ihm der Totalverlust. Auch weitere hochriskante Anlageprodukte sollen Kunden von Beratern angeboten worden sein.

Gemeinnütziger Verein oder ausgefuchstes Vertriebssystem?

Auf der seiner Homepage gibt sich der Verein äußerst seriös, man wolle die "Verbraucherberatung" und den "Verbraucherschutz" stärken, und zwar "neutral", "kostenfrei" und "ehrenamtlich", heißt es. Laut eigener Darstellung ist der Verein zudem als gemeinnützig anerkannt. Im offiziellen Vereinsregister findet sich dazu kein Hinweis. In einer Selbstdarstellung heißt es außerdem, jeder Sachverständige des Vereins sei "selbstlos tätig und verfolgt keine eigenen eigenwirtschaftlichen Zwecke". Doch es sind Zweifel angebracht, ob dem wirklich so ist. Denn der Zusammenschluss ist in der Vertriebsbranche keineswegs unbekannt.

Zweifel an der Seriosität des Vereins

Von Ehrenamt oder Gemeinnützigkeit ist in den Marketing-Videos, die sich in einschlägigen Foren finden, allerdings nicht die Rede. Vielmehr werden professionelle Verkäufer von Kapitalanlageprodukten dazu aufgefordert, Mitglied in dem Verein zu werden, um auf diese Weise Neukunden zu gewinnen. In einem Video heißt es: "Sie werden förmlich von den Kunden darum gebeten, deren Vermögensverhältnisse neu zu strukturieren. Eine absolute Steilvorlage für jeden guten Verkäufer."

Ernsthafte Zweifel an der Seriosität des Vereins sind aber noch aus einem anderen Grund geboten. Offenbar gibt es Verbindungen zwischen dem Verein und der von ihm beworbenen Treuk AG. Ein früheres Vorstandsmitglied des Vereins ist heute Geschäftsführer der Treuk AG. Weder die Treuk AG noch der Ratgeber für Finanzen e.V. wollen sich auf Nachfrage von NDR Info zu den Vorwürfen äußern. Seit einigen Tagen ist die Internetseite des Vereins nicht mehr abrufbar.

Verbraucherschützer und Rechtsanwälte warnen

Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg beobachtet derzeit, dass vermehrt "unabhängige Berater" Kunden Finanzprodukte ab- beziehungsweise aufschwatzen wollen. Bisweilen behaupten selbsternannte Berater sogar, direkt mit der Verbraucherzentrale zusammenzuarbeiten, meint Schmitz: "Damit wird dann eben Vertrauen generiert und behauptet, man sei im Interesse der Verbraucher tätig."

Auch der Rechtsanwalt Dirk Buggenthin berät derzeit mehrere Klienten, die durch Berater aus ihren Lebensversicherungen gekündigt wurden. Unter Umständen mache es, trotz der schwierigen Zinssituation, Sinn, Lebensversicherungen weiter zu halten, glaubt Buggenthin. In jedem Fall sollten Verbraucher "ganz genau prüfen, was ihnen dort angeboten wird", so der Hamburger Anwalt.

Schmitz rät Verbrauchern, die selbst mit dem Verein zu tun hatten, sich im Zweifelsfall Rat bei einer Verbraucherzentrale zu suchen. Das hat auch der Hamburger Dirk Scheuttner gemacht. Mittlerweile hat er - mit Hilfe eines Anwalts - einen großen Teil seines Geldes wieder zurückerhalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.05.2015 | 06:00 Uhr

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