Es wird bunt - Tätowierer kommen aus der Corona-Pause

Stand: 08.03.2021 05:00 Uhr

Tattoo-Studios dürfen seit Montag wieder öffnen. Die Tätowiererin Nina Lorenzen aus Kiel freut das. Trotzdem möchte sie sich in Zukunft breiter aufstellen.

von Samir Chawki

Ein wenig verdutzt war Nina Lorenzen schon, als sie am vergangenen Mittwoch plötzlich erfuhr, dass sie bald wieder arbeiten darf. Aber die Erleichterung bei der Kielerin überwog, schließlich durfte sie ihr Tattoo-Studio monatelang nicht öffnen: "Ich freue mich schon, endlich meine Kunden wieder glücklich zu machen." Sie hat vieles vermisst: Das typische Surren der Nadel, ihre Kunden, die mit einem schmerzverzerrten Gesicht zufrieden auf ihre neue Körperbemalung hinab lächeln, und natürlich auch, endlich wieder arbeiten zu können. 

Über Monate war das für sie nicht erlaubt, weshalb ihr sämtliche Einnahmen verloren gingen. Etwas frustriert hatte sie daher auf die Wiedereröffnung der Friseure in der vergangenen Woche geschaut, da alle anderen körpernahen Dienstleistungen noch nicht zugelassen waren. Das war nicht nur für sie selbst schwer: "Einige meiner Kunden stecken noch mitten in halbfertigen Projekten und warten teilweise seit dem ersten Lockdown auf einen neuen Termin."

Nicht alle haben die lange Zwangspause durchgehalten

Viel länger hätte sie die erzwungene Arbeitspause auch nicht aushalten können: "Ich kam bis jetzt gut über die Runden, aber seit Ende November ist bei mir die Tinte trocken. So kann ich nicht mehr für meine eigene Existenz sorgen." Wie viele andere Tätowierer in Schleswig-Holstein konnte sie in den vergangenen zwölf Monaten maximal die Hälfte der Zeit arbeiten und Geld verdienen. "Einige meiner Freunde haben schon aufgegeben, da ihnen die Perspektive fehlt." 

Die Tätowiererin Nina Hoffmann aus Kiel hält eine Banane in der Hand auf der steht: Lasst uns arbeiten. © NDR Foto: Samir Chawki
Die Kieler Tätowiererin Nina Lorenzen kann ab sofort den Skizzenblock wieder gegen die Haut der Kunden tauschen.

Nina Lorenzen hat durchgehalten - zum Glück, denn nun kann sie ihr Studio bald wieder öffnen. Ursprünglich war dies erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 vorgesehen. Dass diese nun auf 50 erhöht wurde, freut die Kielerin: "Wie hätte man denn mit einer Erhöhung der Testungen die 35 erreichen sollen?" Doch die kurzfristige, ja fast überraschende Erlaubnis bringt noch einige Vorbereitungen mit sich.

Mund-Nasen-Bedeckungen sind Standard

Laut der neuen Landesverordnung ist der Betrieb nur zulässig mit entsprechenden Hygienekonzepten und der Erhebung von Kontaktdaten. Außerdem müssen nun Kunden und Personal qualifizierte Mund-Nasen-Bedeckungen tragen. Kunden, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können, müssen ein negatives Testergebnis vorlegen, das nicht älter als vom Vortag sein darf.

Raus aus der Schmuddelecke

Ein Hygienekonzept muss allerdings nicht noch extra ausgearbeitet werden, das gibt es bereits - ohnehin achtet man in guten Tattoo-Studios extrem auf Sauberkeit am Arbeitsplatz. Tätowierer sind längst weg von dem früheren Schmuddel-Image und mit ihren Werken mitten in der Gesellschaft angekommen.

Nach einer Studie der Universität Leipzig ist mittlerweile jeder fünfte Deutsche tätowiert. Es sind also längst nicht mehr nur Seemänner und Rocker, die in dunklen Hinterzimmern von Zigarette rauchenden Männern im Unterhemd bemalt werden. Vielmehr sind Tätowierer heute Experten für Dermatologie, die die Hygienevorschriften beachten und wissen, welche Farben sie gefahrlos verwenden können. 

Konto fast leer, aber Nase voll

Nina Lorenzens Ersparnisse sind nach mehreren Monaten ohne Einkommen fast komplett aufgebraucht. Sie hat in der Zeit des Lockdowns lediglich Arbeitslosengeld II bezogen, mehr war aufgrund ihrer Selbstständigkeit nicht möglich. Die Überbrückungs- und die Neustarthilfe für Januar konnte sie noch nicht beantragen: "Es ist alles so bürokratisch, ich warte gerade auf einen Zugangscode des Finanzamtes, vorher kann ich nichts beantragen", sagt sie etwas genervt.

Nina Lorenzen ist enttäuscht von diesen Hürden: "Ich habe die Nase voll: Man hängt tagelang in Hotlines, um irgendjemandem zu erreichen. Dann gibt es ständig neue Sachbearbeiter, denen man seine Situation immer wieder von vorne erklären muss." Glücklicherweise hat dies bald ein Ende.

Große Nachfrage

Die Tätowiererin Nina Hoffmann aus Kiel hält eine Banane in der Hand auf der steht: Lasst uns arbeiten. © NDR Foto: Samir Chawki
Fast fünf Monate konnte Nina nicht arbeiten. In der Zeit hätte sie viel Geld mit Schwarzarbeit verdienen können, doch sie widerstand der Versuchung.

Normalerweise sticht sie bis zu sechs Projekte pro Woche. In den vergangenen Monaten während des Lockdowns gab es deutlich mehr Anfragen als sonst. "Alle waren ja plötzlich zu Hause und hatten nichts zu tun. Da wollte jeder ein neues Tattoo." Die Verlockung war groß und das Widerstehen war teilweise nicht leicht, wie Nina Lorenzen ehrlich erzählt: "Ich konnte das ja nicht annehmen, aber wenn man nur noch 20 Euro im Portemonnaie hat und weiß, dass die nächsten Betriebsausgaben bald abgebucht werden, ist das hart."

Sonderschichten wird sie in den kommenden Wochen trotzdem nicht einlegen: "Das fände ich unverantwortlich, außerdem muss ich erst wieder ins Training kommen nach der langen Pause." Obwohl Kunden eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen oder einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen müssen, bleibt sie vorsichtig: "Ich möchte nicht zu viele Kontakte in der Woche haben, auch ein Kunde würde mir reichen."

Warten, Heilen, Stechen

Sie blickt jetzt erst mal wieder optimistischer in die Zukunft, denn an Anfragen mangelt es Nina in ihrem Tattoo-Studio nicht. "Ich freue mich schon über sehr viele Termine, aber für neue Kunden wird in diesem Jahr leider kein Platz mehr sein." Trotzdem möchte sich Nina Lorenzen in Zukunft breiter aufstellen, denn "man weiß ja nie, wann die nächste Pandemie kommt", sagt sie mit einem zaghaften Lächeln. Deshalb hat sie schon vor einiger Zeit mit einer Ausbildung zur Heilpraktikerin begonnen. 

Die schriftliche Prüfung hätte im März vergangenen Jahres stattfinden sollen. Diese fiel allerdings coronabedingt aus. Den Nachholtermin im September 2020 hat sie bestanden. Jetzt fehlt nur noch die mündliche Prüfung, welche ursprünglich im Januar hätte stattfinden sollen. Doch auch diese musste verschoben werden und kann frühestens im April nachgeholt werden.

Nina Lorenzen kann momentan also in allen Bereichen nur warten. Warten auf ihre mündliche Prüfung, warten auf den Tag, an dem sie endlich wieder das Surren der Nadel in ihrem Kieler Studio hören kann. Dann hat sich das lange Warten auch endlich gelohnt.

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