eSport boomt: Training mit einem Profi-Coach

Stand: 07.01.2022 12:42 Uhr

Der eSport boomt - und ist ein Riesengeschäft. Auch die Akzeptanz für eSport in der Gesellschaft wächst. Sebastian Bauersachs kann von seiner Trainertätigkeit inzwischen leben. Der Profi-Coach gibt sein Wissen auch an Schulklassen weiter.

von Kai Peuckert

Ein kleiner Raum mit Gymnastikmatten auf dem Boden, an einer Seite hängt eine Sprossenwand. Einiges erinnert hier eher an ein Yoga-Studio als an einen Raum im Landeszentrum für eSport (LEZ) in Kiel. Auch die meisten Schüler vom Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft (RBZ) gucken überrascht, als Sebastian Bauersachs seine League-of-Legends-Trainingseinheit mit einem Workout startet.

Beim Computerspielen werden vor allem Nacken, Unterarme und Rumpf beansprucht, erklärt Profi-Trainer Bauersachs und betont, dass eSport nicht bedeutet, den ganzen Tag vor dem PC oder der Konsole zu sitzen und zu spielen - womöglich mit Chips und Cola auf der Couch. Er verfolgt mit seinem Training einen ganzheitlichen Ansatz. "Wir starten mit Sport, weil Sport den Geist genau so fördert wie den Körper. Erst dann starten wir ins tatsächliche Spiel hinein, weil die Leistung sich automatisch steigert, wenn wir vorher eine Aufwärmeinheit im Sport gemacht haben", sagt Bauersachs.

Aufwärmen und Dehnen

Die Zwölftklässler kommen bei Sprüngen, schnellen Trippelschritten und Liegestützen ganz schön ins Schwitzen. Anschließend dehnen sie die Nacken- und Unterarmmuskulatur. "Das mit den Dehnübungen werde ich auf jeden Fall einbauen", sagt René Mohr, der privat fast täglich am Computer spielt. Mattis Kuschnerus spielt drei bis vier Mal in der Woche, auch er hält das Warm-up für sinnvoll. Für ihn hätte es aber noch anstrengender sein können.

Unterrichtsprojekt soll über eSport aufklären

Die Schüler des Wirtschaftsinformatik-Profils am RBZ Wirtschaft in Kiel beschäftigen sich in einem Unterrichtsprojekt mit eSport. Inhalte sind die (Sucht-)Gefahren, Herausforderungen und auch beruflichen Chancen, die sich durch eSport und Gaming ergeben. Außerdem soll das eigene Spielverhalten reflektiert werden. Daher zocken die Schüler League of Legends, haben sich auch für die deutsche Schulmeisterschaft angemeldet. Das Training im LEZ mit Sebastian Bauersachs sollte eigentlich die Vorbereitung auf das Finale im Februar 2022 sein. Die Schüler überstanden aber die Vorrunde nicht. Daher bildet der heutige Tag nun den Abschluss des Projekts.

League of Legends: Fünf gegen Fünf

Nach dem Aufwärmen geht es mit einer Theorie-Einheit weiter. "League of Legends ist tatsächlich der größte eSport-Titel, der zurzeit existiert", sagt Bauersachs. Bei dem Strategiespiel spielen zwei Fünfer-Teams gegeneinander und versuchen, die Basis des Kontrahenten einzunehmen. Jeder Spieler schlüpft in die Rolle eines Charakters. Da das Leistungsgefälle bei den Schülern groß ist, wählt Bauersachs relativ einfache Inhalte. Ohne Vorkenntnisse kann man den Ausführungen des hauptberuflichen Trainers über Waves, Rotations-Ganks oder Minions aber nicht folgen. Anhand von aufgezeichneten Spielzügen aus Profispielen veranschaulicht er, was er später im Spiel von den Schülern sehen möchte.

Bauersachs: Psychologie-Studium für eSport abgebrochen

Eigentlich hatte Bauersachs Psychologie studiert, doch als der Fußballverein Eintracht Frankfurt anklopfte und fragte, ob er die League-of-Legends-Profimannschaft trainieren wolle, hing der Kieler sein Studium an den Nagel. Seitdem verdient er nun seinen Lebensunterhalt mit eSport. Anfang Januar wechselte er den Arbeitgeber und ist für das neu gegründete Team "Kaufland Hangry Knights" verantwortlich. Bauersachs soll es in die Spitzengruppe der Prime League, der deutschen Profiliga, führen.

Computerspielen fördert den Zusammenhalt

Für die Schüler geht es jetzt an den PC. Sie spielen in zwei Teams gegeneinander - in zwei getrennten Räumen. Bauersachs steht ihnen beratend zur Seite. "Wir haben nicht nur eine sportliche Komponente, sondern auch eine pädagogische und eine soziale Komponente, die Schüler connecten untereinander", sagt der Coach. So spielen die Jugendlichen auch mit Klassenkameraden, mit denen sie ansonsten eher weniger oder gar nichts zu tun haben, lernen sich besser kennen. Auch die Kommunikation während des Spiels ist sehr wichtig, denn die nächsten Manöver im Spiel werden über die Monitore miteinander abgesprochen. Entsprechend laut ist es im Gamingzimmer.

Akzeptanz für eSport wächst

Vor der Pandemie haben Ego-Shooter und Sportspiel-Events die größten Hallen in Deutschland gefüllt, wie die Lanxass-Arena in Köln oder die Barclays Arena in Hamburg mit mehr als 6.000 Zuschauern. Dieser Bereich habe in der Pandemie durch die Corona-Maßnahmen gelitten, sagt Martin Müller, Leiter des Landeszentrums für eSport und Digitalisierung in Schleswig-Holstein. Dennoch sieht er eine dynamische Entwicklung der eSport-Szene im Land. Vereine haben eSport-Spaten eröffnet, zusätzlich wurden eSport-Vereine gegründet. "Wir haben seit zwei, drei Jahren eine Flächenförderung in Schleswig-Holstein, so dass Vereine und Organisationen sich mit Infrastruktur und mit Technik ausstatten können", erklärt Müller.

VIDEO: Spielsucht im eSport: "Kontrollverlust ein Anzeichen" (3 Min)

Land fördert in Millionenhöhe

Seit 2019 flossen mehr als eine Million Euro aus Landesmitteln in eSport-Projekte - damit ist Schleswig-Holstein Spitzenreiter im Bund. Für 2022 hat das Innenministerium gerade weitere 120.000 Euro bereitgestellt. Die geplante Gründung von vier weiteren regionalen eSport-Zentren fördert das Land mit 250.000 Euro. "Die große Nachfrage nach einer Unterstützung von Projekten hält an und ist der beste Beleg dafür, dass der Bedarf an einer umfangreichen eSport-Infrastruktur nach unseren Vorstellungen und Vorgaben in Schleswig-Holstein weiter hoch ist", teilt Innenstaatssektretärin Kristina Herbst mit. Sie stellt aber klar: "Prävention von Online-Spielsucht, die Vermittlung von Medienkompetenz und ein ausgleichendes Bewegungsangebot sind Bestandteile unserer Fördervoraussetzungen."

Pandemie lässt Verkaufszahlen steigen

Während der Pandemie stiegen laut einer Studie der FH Westküste die Verkaufszahlen von Computerspielen an - und es wurde auch mehr gespielt. Gerade der Bereich "casual gaminig", also das Spielen "at home", hat in den vergangenen zwei Jahren zugenommen, wie Müller bestätigt: "Wir hatten Zeiten, in denen die Schüler komplett zu Hause waren. Auch ich habe ein bisschen mehr gespielt, weil auf einmal mehr Zeit da war." Der Konsum von Turnieren per Live-Übertragung hat laut Müller und der Studie der FH Westküste ebenfalls zugenommen.

eSport erreicht fast alle Gesellschaftsbereiche

Die Skepsis gegenüber der Branche hat auch viel mit Unwissen zu tun. Für Bauersachs und Müller gilt ein großes Klischee des eSports nicht mehr - und zwar, dass die Spieler alleine im dunklen Kämmlerlein die Nächte durchspielen und sich immer am Rande der Spielsucht bewegen. Durch die wachsenden Strukturen hat der eSport nahezu alle Gesellschaftsbereiche erreicht. Der LEZ bildet außerdem Trainer aus, die Wissen, Kompetenz und Konzepte in die Vereine tragen, und das steigert die Akzeptanz.

"Das ganze wird haptisch und anfassbar. Ein Elternteil sieht auf einmal: Mensch, der trifft sich wirklich mit anderen, spielt mit denen zusammen, trainiert mit denen zusammen und versucht, auch Struktur in sein Spielen zu bekommen", erläutert Müller vom LEZ. Das könne zwar auch online passieren, aber da wird es nicht gesehen. "In dem Moment, wo die Trainingsklamotten eingepackt werden, vielleicht noch die Maus, die Tastatur und das Headset und man sagt: Ich gehe zum Training - ist das ein ganz anderes Gefühl für ein Elternteil", sagt Müller. Außerdem können sich Eltern und Angehörige bei Trainern über das Hobby informieren oder es sich auch zeigen lassen.

Schnelles Geld verdienen durch eSport?

Zurück zum Trainingsspiel der Wirtschaftinformatik-Schüler. Auch solche Trainingseinheiten fördern die Akzeptanz, denn die Zwölftklässler sind Mulitplikatoren auf dem Schulhof oder in ihrem persönlichen Umfeld. Auch dort wissen viele zu wenig über die Strukturen im eSport und dass es auch Möglichkeiten gibt, Geld zu verdienen. Das schnelle Geld lässt sich in der Branche aber nicht machen. "Die Top-Spieler haben neben ihrem monatlichen Einkommen von ihren Teams und Sponsorengeldern in ihren Karrieren auch bereits mehrere Millionen Euro Preisgeld eingesackt. Aber der Weg dahin ist lang und steinig", sagt Bauersachs. "Es geht um hartes Training. Jeder, der diesen Weg gehen möchte, der muss begreifen, dass es sehr intensive Arbeit ist und es sehr häufig wahrscheinlich gar nicht so großen Spaß macht."

Videoanalyse vom Profi-Trainer

Nach etwa 30 Minuten ist das Trainingsspiel vorbei, aber die Einheit noch nicht. Zum Abschluss folgt die Kritik. Bauersachs hat das Spiel aufgezeichnet und kann anhand verschiedener Situationen genau aufzeigen, wo die Spieler seine Vorgaben umgesetzt haben und wo nicht. Der Trainer ist mit seinen Schützlingen sehr zufrieden, "weil man deutlich gesehen hat, dass es nicht nur Ansätze gab, sondern teilweise ganze Konzepte umgesetzt wurden". Auch wenn es hier und da in der Ausführung noch gehapert hätte.

Schüler ziehen positives Fazit

Auch die Schüler gehen mit einem positiven Gefühl aus der Session. "Es ist schon ziemlich kompliziert, auch wenn ich das Spiel schon öfter gespielt habe. Ich habe auf jeden Fall etwas dazugelernt, aber auch nicht alles mitgenommen, was heute gesagt wurde", meint René Mohr, der vor allem sein Angriffsverhalten während einer sogenannten "Wave" zukünftig ändern will. Auch Mattis Kuschnerus will sein Wave-Verhalten optimieren: "Wann man reingeht und wann nicht, das hat schon einiges geholfen. Das hätte ich so nicht erfahren."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.01.2022 | 19:30 Uhr

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