Stand: 31.05.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Pflegeheim in Corona-Zeiten: Zaun-Besuch bei Mama

So sieht der Ort unseres Wiedersehens also aus: ein aufgestelltes Zelt links neben dem Alloheim in Bredstedt (Kreis Nordfriesland), zwei Bauzäune im Abstand von etwa drei Metern, ein Heizstrahler und einige Blumen. Viele Wochen habe ich meine Mutter nicht mehr gesehen. Nun sitze ich hier mit meiner kleinen Tochter und meinem Papa - zum Glück ohne Maske.

Wir durften alle zusammen rein, nachdem wir unsere Kontaktdaten hinterlegt haben. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Meine Mama hat Alzheimer. Sie ist seit Oktober im Heim - es ging einfach nicht mehr zu Hause. Eine Pflegerin mit Mundschutz schiebt sie nun im Rollstuhl in das Zelt.

Vier Meter Entfernung und flatternde Zeltwände

Mein Vater plappert die ganze Zeit, und meine Mutter reagiert sofort. Die Pflegerin: "Da ist ihr Mann, Frau Metzner. Sie erkennen seine Stimme sofort wieder, oder?" Sofort schießen meinem Papa Tränen in die Augen, so sehr freut er sich. "Und ihre Tochter und ihre Enkelin sind auch da."

"Ja wirklich? Das ist ja toll", sagt Mama. Aber sie erkennt uns nicht richtig. Wir sitzen bestimmt vier Meter auseinander. Die Geräuschkulisse ist ziemlich laut. Die Zeltwände flattern, und von hinten ertönt irgendein Baulärm.

Ich rufe: "Hallo Mama, schön, Dich wiederzusehen." Meiner achtjährigen Tochter hat es die Sprache verschlagen. Sie sagt kein Wort und ist von der Situation überfordert.

"Kommt doch mal her - was ist das für ein Ding?"

Wir versuchen alle, uns ein wenig zu unterhalten. Aber wer Erfahrung mit schwer Demenzkranken hat, weiß, dass es ohnehin schon mühsam ist, Gespräche zu führen. Diese räumliche Distanz zwischen uns jetzt macht es unglaublich viel schwerer. Normalerweise würde ich Mama jetzt die Hände wärmen, ihr über das Haar streichen (das übrigens in den vielen Wochen ohne Friseur unglaublich lang geworden ist) und sie umarmen.

Auch mein Vater weiß, wie sehr sie das vermisst: "Ihr fehlt die Nähe so sehr." In dem Moment ruft sie: "Nun kommt doch mal her. Was ist das für ein Ding hier?" Wenn Sie könnte, würde sie aufstehen und am Bauzaun rütteln. Sie war immer schon sehr resolut.

Freude über eine winzig kleine Geste hinterm Zaun

Meine Tochter ist aus ihrer Schockstarre erwacht und von meinem Schoß gesprungen. Sie läuft ein bisschen herum, macht Pferdchenhüpfer. Endlich nimmt meine Mutter uns wahr und winkt sogar herüber. Ein so schöner Moment. Ich freue mich über die winzige kleine Geste. Mama lächelt und wir grinsen zurück. Die halbe Stunde ist um - wir müssen uns verabschieden, dürfen aber übermorgen schon wiederkommen.

Streicheleinheiten mit dem Gummihandschuh

Später rufe ich die Heimleiterin Anka Clausen an und spreche lange mit ihr. "Ich weiß, die Situation mit dem Bauzaun ist nicht so schön. Aber die Alternative wäre eine Schutzscheibe, und das macht das Hören so schwer", sagt sie. Im Alloheim wohnen etwa 30 Demenzkranke und 50 weitere alte Menschen. Alle wollen jetzt Besuch haben - eine logistische Meisterleistung für das Personal.

"Für die Demenzkranken ist es besonders schlimm. Sie verstehen Corona nicht. Sie brauchen die Umarmungen, sie müssen die Nähe der Angehörigen spüren", sagt Frau Clausen. Diesen Part übernehmen jetzt die Pfleger - es gibt sozusagen Streicheleinheiten mit dem Gummihandschuh. Ich bin froh, dass man sich hier im Alloheim so gut um die Bewohner kümmert und ich sehe, wie alle ihr Bestes geben in diesen schlimmen Zeiten.

Zehntausenden Angehörigen geht es ähnlich

"Ihre Mutter hat am Anfang der Corona-Krise auch geweint. Und später geschimpft. Jetzt hat sie sich besser mit allem arrangiert", sagt Frau Clausen. Es tut weh, das alles zu hören. Man ist so hilflos. Was kann ich machen, um ihr ein paar schöne Momente zu schenken? Das fragen sich im Moment Zehntausende Angehörige.

Eine Bekannte aus Bredstedt, die wir am Heim getroffen haben, war furchtbar traurig, weil ihr Mann sie jetzt nach den vielen Wochen Besuchsverbot im Heim gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Frau Clausen sagt mir noch, dass mein Vater auch direkt ins Zimmer meiner Mutter könnte, allerdings nur mit Schutzanzug und Maske. Das bringt auch nichts, denke ich. Sie würde ihn vermutlich nicht mal richtig erkennen.

Stress, Unruhe, leere Blicke - Mama versteht es nicht

Zwei Tage später nehmen meine Tochter, mein Papa und ich also wieder Platz auf dem Plastikstuhl im Zelt und besuchen meine liebe Mutter. Wir sind ganz guter Dinge, denn letztes Mal war es ja auch irgendwie schön. Doch heute ist alles anders. Mama hat einen leeren Blick, sie ist unruhig und kann sich auf keinen Wortwechsel einlassen. Die Pflegerinnen versuchen, den Heizstrahler zu erwärmen.

Mein Papa erklärt meiner Mutter zum wiederholten Mal die Situation: "Es gibt ein ganz schlimmes Virus, das hat sich überall in der Welt ausgebreitet und deshalb können wir nicht dichter an dich heran." Mama versteht es nicht.

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Sie will nach 15 Minuten von selbst wieder rein ins Haus. Frau Clausen hatte uns vorgewarnt: "Diese Situationen bedeuten auch Stress für die Demenzkranken. Sie müssen hier im Zelt eine hohe Konzentration aufbringen, und das können sie nicht."

"Scheiß Corona" - aber ein Lächeln ist besser als nichts

Bedrückt fahren meine Tochter und ich wieder zurück Richtung Kiel. "Scheiß Corona", denke ich wütend. Was ist mit den Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft? Natürlich, wir wollen und müssen sie schützen, aber ihre Vereinsamung jetzt ist wirklich unendlich traurig. Aber vielleicht denken wir Angehörigen das auch nur, und in Wahrheit ist es gar nicht so schlimm?

Wie auch immer: An den Besuchseinschränkungen wird sich nichts ändern in naher Zukunft. Da bin ich mir sicher. Es wird noch viele Monate so gehen. Und ich werde mir schon bald den nächsten Termin für den Bauzaun holen. Ein kleines Lächeln meiner Mutter ist besser als nichts.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.05.2020 | 08:00 Uhr

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