Martina Kramer-Kahl verteilt Lebensmittel an Obdachlose. © NDR Foto: NDR

Elmshorner Suppenhühner auf Tour: Hilfe für Obdachlose

Stand: 24.12.2020 13:16 Uhr

Alle zwei Wochen rollen sie durch Hamburg und Elmshorn, um Obdachlosen zu helfen: die Elmshorner Suppenhühner. Essen, Kaffee, Sachspenden - das Hilfsangebot läuft auch in Corona-Zeiten weiter.

von Lisa Synowski

An einem sonnigen Tag Mitte November steht Martina Kramer-Kahl in einem kleinen Container auf einem Lagergelände in Elmshorn zwischen Isomatten, Schlafsäcken und Hygieneartikeln. Gleich geht es los auf große Tour durch Hamburg und Elmshorn - wie jeden zweiten Sonntag. Die 61-Jährige hilft wohnungslosen Menschen mit warmem Essen, Kaffee und Sachspenden. Ihr Minivan ist schon gut gefüllt. Eine letzte Ladung warme Winterpullover packt sie noch ein. Die sind bei den kälter werdenden Temperaturen gerade besonders gefragt. "Die meisten können sich das nicht leisten, weil das viel zu teuer ist", sagt sie. Einem Mann hat sie vor zwei Wochen versprochen, dieses Mal einen Pullover in seiner Größe für ihn zu reservieren: "Ich hoffe, dass er da ist und ich ihm damit helfen kann. Und dass die Tour heute auch sonst gut verläuft!"

Suppenhühner auf der Reeperbahn

Um elf Uhr hat sie den Mini-Van fertig beladen. Unterstützt wird sie dabei seit zwei Jahren von mehreren Freiwilligen. Gemeinsam nennen sie sich "Elmshorner Suppenhühner". Der erste Stopp auf der Tour ist die Hamburger Reeperbahn - 40 Minuten dauert die Fahrt. Vor Ort hat sich schon eine Schlange gebildet. "Das dürften so an die 200 Menschen sein. Das ist ganz normal. Die wissen ja, dass wir kommen", erzählt Martina Kramer-Kahl. Viele der wohnungslosen Menschen kennt sie schon lange persönlich, hat von einigen sogar die Handynummer. Schon nach wenigen Minuten kommen die ersten auf sie zu, um sie zu begrüßen. Martina hört ihnen zu, fragt, was sie brauchen, und wie es ihnen geht.

"Wie eine Mama für mich"

"Für mich ist es nicht nur wichtig, dass sie hier bei der Verteilung ist, sondern dass sie auch als Mensch da ist", sagt Jackie, die schon seit vielen Jahren auf der Straße lebt. "Ich freue mich immer, wenn ich sie sehe, weil sie einfach ein Mensch ist und auch so mal privat nach uns schaut. Sie ist ein bisschen wie eine Mama für mich." Man merkt Martina Kramer-Kahl die Rührung bei diesen Worten an. Aber nur kurz. Dann krempelt sie ihre Ärmel hoch und hilft den anderen Suppenhühnern bei der Essensausgabe. Die haben inzwischen drei Campingtische aufgebaut und schenken aus mehreren Thermobehältern heißen Kaffee aus und servieren Gulasch. Aus dem Wagen heraus verteilen einige von ihnen warme Klamotten und Isomatten.

Angefangen hat alles mit einem Bollerwagen

Vor fünf Jahren war das alles noch eine Nummer kleiner. Martina Kramer-Kahl zog damals mit ihrem Mann, ihrer Tochter und einem Bollerwagen los, weil sie in einem kalten Herbst helfen wollten. Irgendwie sei sie dann dabeigeblieben, sagt sie. Und das Angebot habe sich schnell rumgesprochen. Nach drei Jahren tauscht sie ihren Bollerwagen schließlich gegen den Familien-Minivan. Auch, weil sie inzwischen Hilfe von anderen Freiwilligen hat. Bei Organisation und Vorbereitung können ihr aber nicht alle Suppenhühner helfen. Denn viele arbeiten Vollzeit und haben deswegen nur am Wochenende Zeit. Martina hat einen Teilzeitjob und beginnt oft schon Tage vor der sonntäglichen Tour mit Einkaufen, Gemüse schneiden und Spenden sammeln.

Essen für die kleine "Familie" in Elmshorn

Nach etwa zwei Stunden sind auf der Reeperbahn alle versorgt. Die Schlange hat sich aufgelöst, hier und da wird noch ein wenig geschnackt und dann geht es wieder zurück nach Elmshorn für den zweiten Stopp an diesem Tag. In der kleineren Stadt gibt es weniger wohnungslose Menschen und es geht ruhiger zu. "Wir sind hier eine Familie, so zehn Leute vielleicht, und wir halten zusammen", sagt einer der Männer, der sich bei den Suppenhühnern Essen holt. In Elmshorn kann Martina Kramer-Kahl mit vielen persönlich sprechen und fragt nach, ob sie beim nächsten Mal etwas Bestimmtes mitbringen soll. Der Mann, der sich vor zwei Wochen einen Pullover in seiner Größe gewünscht hat, ist auch da und freut sich sehr über das eingelöste Versprechen. Aber nicht nur die Stammgäste werden von den Suppenhühnern gut umsorgt: "Ich finde, das ist eine sehr liebe und nette Geste und einfach toll, dass es solche Menschen gibt", sagt einer, der zum ersten Mal gekommen ist. Martina Kramer-Kahl sieht das als Bestätigung, weiterzumachen.

Spenden erwünscht

Gegen 16 Uhr ist auch in Elmshorn alles verteilt. Mit dem Auto geht’s für Martina Kramer-Kahl noch einmal zurück ins Lager. Sachen ausladen und die Bestände für die nächste Tour checken. Sachspenden sammeln die Elmshorner Suppenhühner mehrmals im Monat mit ihrem Van ein. Für den Winter hoffen sie besonders auf Schlafsäcke und Isomatten. Und auch helfende Hände können Martina-Kramer Kahl und ihre Elmshorner Suppenhühner noch gebrauchen. Damit auch bei der nächsten Tour wieder alles so reibungslos klappt wie heute.

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Dieses Thema im Programm:

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