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Einzelhändler in der Krise: "Das Gefühl ist brutal"

Stand: 29.01.2021 05:00 Uhr

Viele Unternehmen in Schleswig-Holstein stecken weiter in der Warteschleife fest: Die Wirtschaftshilfen des Bundes fließen nur langsam - oder reichen nicht aus.

von Alexandra Bauer

Eigentlich verkauft Uwe Wiethaup frische Wurstgerichte in seinem kleinen Feinkost-Imbiss in der Holtenauer Straße in Kiel. Aber seit dem Lockdown ist auch sein Laden zu. Sein Geschäft hat er seit der Gründung 2018 ausgeweitet. Inzwischen besitzt er auch einen eigenen Food Truck, bietet Catering an und verkauft eigene Produkte im Einzelhandel. Doch das wird jetzt zum Problem. Die Fixkosten sind im vergangenen Jahr gestiegen - als Bemessungsgrundlage für Wirtschaftshilfen gilt aber der Umsatz des Vorjahresmonat.

80.000 Euro Verlust im vergangenen Jahr

Insgesamt hat der Unternehmer im vergangenen Jahr rund 80.000 Euro Verlust gemacht. Nicht nur das geschäftliche Konto sei leer, sondern auch das private, schildert er. Den eigenen Lohn zahlt sich der Unternehmer schon seit gut zehn Monaten nicht mehr aus, weil nicht genug Geld da ist. "Das Gefühl ist brutal. Meine Frau und ich haben zwei Kinder, wir haben Mitarbeiter mit Familie, wir haben Verantwortung. Ich habe schlaflose Nächte, denn ich möchte keinen meiner Mitarbeiter verlieren", sagt der Einzelhändler. Im Landtag in Kiel verweist Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) am Donnerstag auf Darlehen aus dem Härtefallfonds des Landes, die Selbständigen schneller helfen sollen. Doch Kredite seien jetzt nicht gefragt, denn die müsse man zurückzahlen, entgegnet Wiethaup, der sich die Debatte im Livestream anschaut. Er fordert andere Mittel.

Programme vom Bund sehen keine individuellen Lösungen vor

Im ersten Lockdown habe er nach langer Wartezeit 9.000 Euro Soforthilfe bekommen. Das habe gerade mal für einen Monat gereicht. Auch bei den November- und Dezemberhilfen bleibe nicht viel übrig, sagt er. Problem sei, dass sein Imbissladen nicht als Gastronomie, sondern als Mischbetrieb eingestuft wird, weil er nebenher eigene Produkte produziert. Dadurch kriegt er jeden Monat 30.000 Euro weniger. Eine individuelle Lösung gäbe es für ihn nicht. Im Landtag sind sich in dieser Woche immerhin fraktionsübergreifend darin einig: Unternehmen müsse schneller geholfen werden. Doch in der Pflicht stehe der Bund.

Außer-Haus-Verkauf bringt fast nichts ein

Momentan öffnet Wiethaup zwei Mal die Woche zum Mittagstisch und verkauft auf Bestellung Geschenkkörbe an Stammkunden. Viel Umsatz mache er damit nicht. "Das kann man in Zahlen nicht ausdrücken", meint der Unternehmer. Es gehe eher darum, "dass die Leute mitkriegen, dass es uns überhaupt noch gibt." Zusammen mit anderen Einzelhändlern aus der Holtenauer Straße engagiert sich Wiethaup im Verein "Die Holtenauer". Als Vorstandsmitglied hat er zusammen mit seinen Kollegen Mitte Januar einen Brandbrief geschrieben, der auch an den Wirtschaftsminister ging. In dem Schreiben machen sie auf ihre Probleme aufmerksam und fordern eine realistische Chance, ihre Geschäfte bis zum Ende der Pandemie zu retten.

Pandemie gemeinsam schultern

Im Moment gehe die Pandemie zu Lasten einiger Branchen, kritisiert Wiethaup. In der Holtenauer Straße funktioniere es nur, weil es so einen guten Zusammenhalt gäbe und Vermieter und Mieter sich die Kosten teilen würden, um die Krise gemeinsam zu schultern. Für Wiethaup ist die Lage schwer zu ertragen. "Wir stehen jeden Tag wieder auf und überlegen uns, was können wir tun, um mehr Einnahmen zu generieren", sagt er und fügt an: "Das ist jeder Tag ein psychischer Druck." Seine Frau Julia ergänzt: "Normalerweise ist er der starke Mann, der mich auffängt. Aber so langsam kommt auch er an seine Grenzen."

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