Stand: 29.03.2020 08:00 Uhr

Eine Brauerei für Desinfektionsmittel

von Johannes Tran

Der Mann, der wegen Corona kein Bier mehr braut, steht im schwarzen Arbeitspullover in seiner Brauerei, einem holzverkleideten Gebäude mit zwei Stockwerken. Neben ihm ein Gärtank, in der Ecke stapeln sich Bierkästen. Torsten Schumacher ist 60 Jahre alt, seit elf Jahren führt er die kleine Brauerei in Grönwohld im Kreis Stormarn. Doch an Bierbrauen ist hier seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr zu denken. "Unsere Umsätze gehen gegen null", sagt Schumacher. Bierverköstigungen, Feiern, Brau-Events – alles abgesagt. Es ist ein unternehmerisches Desaster. Eine Not, aus der Schumacher eine Tugend machen will. Ab kommendem Mittwoch sollen hier Tausende Liter Desinfektionsflüssigkeit hergestellt werden.

Betriebskosten sollen reingeholt werden

Auf die Idee gebracht habe ihn sein Sohn, erzählt Schumacher. Überall sind Desinfektionsmittel knapp, die Regale in den Drogeriemärkten mancherorts leergefegt. "Dann hab‘ ich mich sofort schlau gemacht. Ich fand die Idee grandios. Wir haben jetzt die Möglichkeit, zu helfen." In den Kesseln und Gärtanks der Brauerei könne man die Zutaten zusammenmischen und anschließend mehrere Tage lagern. Gewinn will er damit nicht machen, nur seine eigenen Betriebskosten wieder hereinholen. Der Brauer machte seine Idee über Facebook öffentlich und löste einen Sturm an Dank, Zustimmung und Anfragen aus, mit dem er niemals gerechnet hätte.

Fast stündlich klingelt jetzt das Telefon

Torsten Schumacher von der Grönwohlder Brauerei.
Den Menschen helfen und seine Betriebskosten decken. Thorsten Schumacher kämpft für seine Idee - und hat Erfolg.

Mehr als 100.000 Menschen hätten seine Nachricht gelesen, erzählt Schumacher.  "Das hätten wir nicht gedacht, dass wir so etwas lostreten. Aber was wir derzeit merken ist einfach die Furcht, die Angst und der Wunsch der Leute nach Desinfektionsmittel. Das ist irre." Der Brauer sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm liegen große und kleine Zettel in wilder Unordnung. "Desi für Schule Abiturprüfungen", steht auf einem. Es ist nur eine Anfrage von vielen: eine Schule, die um Desinfektionsmittel bittet. Fast stündlich klingelt jetzt das Telefon. Dabei hat die Produktion noch gar nicht begonnen.

Umsetzung dank Gesetzeslücke

Hinter Schumacher liegt ein tagelanger, nervenaufreibender Kampf. Er telefoniert mit Behörden, Apotheken, Krankenhäusern, am Ende sogar mit dem Gesundheitsministerium. Alles, um sicherzustellen, dass das, was er machen will, legal ist. Stellenweise ist er frustriert, es gibt Tage, da denkt er: "Ich will doch nur helfen, aber die lassen mich nicht." Dann ergibt sich eine Gesetzeslücke: Er selbst dürfe das Desinfektionsmittel zwar nicht herstellen, aber seine Brauerei einem Apotheker für diesen Zweck zur Verfügung stellen. So erzählt es Schumacher. Außerdem dürfe es sich offiziell nicht um ein Arzneimittel handeln, sondern nur um ein Produkt für den Alltagsgebrauch. Es ist das grüne Licht, auf das er gewartet hatte.

2.000 Liter Desinfektionsmittel – an einem Tag

Voller Tatendrang kontaktiert er die Apotheken in seiner Umgebung und fragt sie, ob sie mitmachen wollen. Apotheker könnten in ihren eigenen Laboren oft nur wenige Liter Desinfektionsmittel auf einmal herstellen, sagt Schumacher. In seiner Brauerei seien es bis zu 500 Liter pro Vorgang. Schnell melden die ersten Apotheken Interesse an, darunter auch eine Kette. Ihre Vertreter kommen zu Schumacher in die Brauerei und klären die Details ab. Dann steht fest: Am kommenden Mittwoch sollen erstmals 2.000 Liter Desinfektionsmittel in der Brauerei produziert werden. Der Kampf durch den Behördendschungel hat sich ausgezahlt. Für Schumacher geht es jetzt erst richtig los: "Wir wollen einfach Menschen helfen. Damit ist uns allen geholfen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 29.03.2020 | 19:30 Uhr

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