Die Schulsozialarbeiterin Jenny Last spricht mit einer Schülerin,d ie vor einem iPad sitzt. © NDR

Schulsozialarbeit im Lockdown: "Man sieht nur einen kleinen Punkt"

Stand: 17.02.2021 19:54 Uhr

Die meisten Schüler sind nicht da - und manche brauchen jetzt erst recht Unterstützung. Schulsozialarbeiter erleben, wie es Familien im Lockdown geht - wo es hakt, was zermürbt. Davon erzählen Jennifer Last und Lutz Maxwitat aus Pönitz.

Wer schafft die Hausaufgaben nicht mehr? Wer hängt nur noch vor der Spielkonsole? Wer hält es zu Hause nicht mehr aus, weil dort Streit oder Langeweile herrscht? Diese Fragen beschäftigen Jennifer Last und Lutz Maxwitat. Sie sind an der Grund- und Gemeinschaftsschule Pönitz (Kreis Ostholstein) zusätzlich zu den Lehrern Ansprechpartner für Sorgen von Schülern und Eltern. Das Wichtigste für die beiden im Lockdown: Den Kontakt halten, ansprechbar bleiben und auch mal zwischen den Zeilen lesen.

Frau Last, Herr Maxwitat: Sie sind Schulsozialarbeiter an einer Grund- und Gemeinschaftsschule. Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?

Die Schulsozialarbeiterin Jenny Last sitzt mit einem Kollegen in der Grund- und Gemeinschaftsschule in Pönitz. © NDR
Lutz Maxwitat und Jennifer Last sind Schulsozialarbeiter an der Grund- und Gemeinschaftsschule Pönitz.

Jennifer Last: Wir haben eine Familie, da haben die Kinder schon im normalen Präsenzunterricht große Schwierigkeiten und auch die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus war herausfordernd. Für uns war es auch dann schwer, die Familie überhaupt im Lockdown zu erreichen. Jetzt ist es für uns ganz wichtig, dass wir den Kontakt halten können. Und das versuchen wir über eine Videokonferenz zu geregelten Zeiten, sodass wir da am Ball bleiben und die Familie im Blick behalten.

Lutz Maxwitat: Ich kümmere mich viel um die Schüler aus unserer Flex-Klasse. Das ist eine besondere Klasse, die ein Jahr lang mehr Zeit hat, einen Schulabschluss zu absolvieren. Die sind sehr stark damit beschäftigt, wie es für sie weitergeht. Einige lassen sich hängen, wollen eventuell die Klassenstufe wiederholen. Es sind sehr viele persönliche Fragen. Da beraten wir sehr stark.

Was ist ihr Eindruck: Tun sich die Kinder und Jugendlichen schwerer mit dem zweiten Lockdown?

Ein Desinfektionsspender hängt vor einem leeren Klassenraum in der Grund- und Gemeinschaftsschule in Pönitz. © NDR
Viele Klassenräume in der Schule sind leer.

Lutz Maxwitat: Die Zeitspanne ist ein Problem, dass es sich so lange hinzieht. Wir werden die Folgen dann erleben, wenn die Schüler hier sind. Ich denke, dass alle dann gefordert sind - Klassenleitung, Fachlehrer und Schulsozialarbeit. Wir müssen Angebote machen oder erst einmal offen sein für Fragen und hineinhören in die Schüler. So werden wir merken, wem es vielleicht nicht gut geht.

Jennifer Last: Das sehe ich auch so. Ich glaube aber, die meisten Familien haben ihre Strukturen gefunden, weil sie das einfach kennen, auch aus dem letzten Lockdown. Ich glaube, vielen hilft, dass die Kinder täglich eine feste Struktur vorgegeben bekommen. Viele Kinder haben um 8:30 Uhr eine Videokonferenz und um 12:30 Uhr. Da haben wir alle aus dem letzten Lockdown gelernt.

Laut einer aktuellen Studie haben ein Drittel aller Jugendliche psychische Probleme - deutlich mehr als vor dem Lockdown. Wie macht sich das bei Ihnen an der Schule bemerkbar? 

Schulsozialarbeiter Lutz Maxwitat sitzt neben seiner Kollegin Jenny Last in der Grund- und Gemeinschaftsschule in Pönitz vor einer Tafel. © NDR
Lutz Maxwitat kümmert sich an der Schule vor allem um die älteren Schüler.

Lutz Maxwitat: Ich weiß von einigen älteren Schülern, dass sie Depressionen oder sehr dunkle Zukunftsvisionen haben. Alles grau in grau. Die haben auch so ein ganz hohes Anforderungsprofil gerade zu bewältigen. Nehmen Sie mal die Pubertät und all die Fragen, die da kommen. Und dann kommt noch Corona, und dann ist es noch mehr herausfordernd.

Jennifer Last: Es stehen jetzt gewisse Ängste im Raum: Wie schaffe ich meinen Schulabschluss? Wie geht das Schuljahr überhaupt für mich weiter? Vielleicht auch im familiären Umfeld: Wie geht es meinen Eltern? Vielleicht auch, wie kommen wir finanziell über die Runden? Ich glaube, das sind alles Aspekte, die zu weiteren psychischen Belastungen der Kinder führen kann.

Was können Sie bei solchen Problemen tun?

Lutz Maxwitat: Wenn wir im persönlichen Kontakt mit Schülern sind, dann können wir das eine oder andere besprechen und gucken: Wie geht es für jemanden weiter? Es ist aber auch so: Beratungsstellen sind schwer zu erreichen. Die Jugendämter sind schwer zu erreichen, die Kinder und Jugendpsychiater sind überlaufen. Und wenn dort jemand wirklich erhebliche Fragestellungen an sein Leben hat, plötzlich also mit schweren Problemen beschäftigt ist, ist es auch schwierig, eine Versorgung hinzubekommen.

Machen Sie sich darüber Gedanken, dass sie nicht alles mitbekommen?

Lutz Maxwitat: Bei vielen Familien, die wir ja kennen, gibt es ein gutes soziales Netzwerk. Und dann kann man davon ausgehen, dass da viel abgefangen wird. Aber es ist wie beim Eisbergmodell: Man sieht nur einen sehr kleinen Punkt, und der Rest ist darunter. Und wenn Schüler hier sind, kommt man mit ihnen im Alltag gut ins Gespräch. Aber das wird sich vielleicht erst im Nachgang zeigen, wo es wirklich erhebliche Schwierigkeiten gibt - bei Kindern und Jugendlichen oder auch in Familien.

Die Schulsozialarbeiterin Jenny Last spricht mit einem Schüler in der Grund- und Gemeinschaftsschule in Pönitz. © NDR
Jennifer Last ist vor allem in der Grundschule im Einsatz.

Jennifer Last: Wenn wir eine Familie, bei der wir von Schwierigkeiten wissen, nicht erreichen, sei es über eine Videokonferenz, telefonisch, häuslichen Besuch oder über die Lehrkräfte, dann macht man sich natürlich Gedanken. Was ist denn gerade los? Was beschäftigt die Familie? Und wir möchten denen natürlich Unterstützungsmaßnahmen anbieten, was natürlich schwierig ist, wenn wir nicht mit denen in Kontakt stehen.

Was ist das, was aus ihrer Sicht gerade das Wichtigste ist, was sie konkret tun können, um gegen die Probleme an zu arbeiten, die der Lockdown bei Schülern und Familien auslöst?

Lutz Maxwitat: Wir gucken, dass wir so viele unserer Schüler erreichen wie möglich. Ob es Telefonate sind, ob es eine Videokonferenz ist, ob sie hier präsent sind. Und dann müssen wir sehr sensibel sein. Also auch vielleicht mal so zwischen den Zeilen lesen, um zu gucken, wie geht es demjenigen. Wichtig ist auch, eine Haltung gegenüber den Schülern zu haben: Denen irgendwie fröhlich und ja, mit einem gewissen Lebensmut zu begegnen und zu sagen, dass man das schaffen kann.

Jennifer Last: Wichtig ist einfach, dass Schüler und Eltern wissen, an wen sie sich wenden können, dass wir ein offenes Ohr für sie haben. Dass sie wissen, dass sie mit ihren Ängsten und Sorgen zu uns kommen können.

Das Interview führten Daniel Kummetz und Christian Schepsmeier.

Wo es Hilfe und Beratung gibt

Nummer gegen Kummer

  • Für Eltern und andere Erwachsene, die sich um Kinder sorgen: 0800 111 0 550
  • Für Kinder und Jugendliche: 116 111

Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222

Suche nach lokalen Beratungsstellen des Familienministeriums

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 17.02.2021 | 19:30 Uhr

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