Stand: 08.05.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Alkohol in Corona-Zeiten: Steigt die Suchtgefahr?

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So manch einer fragt sich in Corona-Zeiten: Ist mein Alkoholkonsum schon problematisch?

"Ich stelle fest, dass ich mittlerweile eigentlich jeden Abend Wein trinke, um zu entspannen. Muss ich mir Sorgen machen?" Diesen Anruf einer selbst reflektierenden Frau bekam Kai Sachs, Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein (LSSH), vor einigen Tagen. Die Corona-Zeit ist für viele Menschen herausfordernd: Existenzängste, soziale Isolation, Überforderung mit Homeoffice und Kinderbetreuung - der ein oder andere gewöhne sich jetzt regelmäßiges Trinken an. "Gefährlich wird es dann, wenn es außer Kontrolle gerät. Wenn ich mir eigentlich vorgenommen habe: 'Heute trinke ich nicht', und dann tue ich es doch wieder", sagt der Diplom-Pädagoge.

Suchtberater bekommen vermehrt Anrufe

Alkoholismus ist ein schleichender Prozess. "Es dauert oft ein bis zwei Jahre bis die Leute ihr eigenes Konsumverhalten als problematisch ansehen", weiß der Geschäftsführer des LSSH. Dennoch berichten einige Suchtberater, dass sie schon jetzt vermehrt Anrufe bekommen. Inga Hansen zum Beispiel. Sie ist Landesvorsitzende der Guttempler in Schleswig-Holstein. "Die Nachfrage steigt. Manchmal klingelt in einer Tour das Telefon. Kiel ist ein regelrechter Hotspot", sagt sie.

Selbsthilfegruppen fallen weg

Problematisch ist laut Inga Hansen der Wegfall der Selbsthilfegruppen. "Normalerweise kommen wir etwa einmal die Woche mit etwa zehn Menschen zusammen und sprechen über die Sucht. Das müssen wir jetzt am Telefon machen, und da fällt natürlich die persönliche Bindung weg." Suchtberatung am Telefon habe eine ganz andere Qualität. "Normalerweise befruchtet man sich ja auch gegenseitig im Gespräch mit der Gruppe." Auch Kai Sachs hofft, dass Selbsthilfegruppen bald wieder möglich sind. Besonders für diejenigen, die gerade eine Therapie abgeschlossen haben, sei solch eine Gruppe enorm wichtig.

Angehörige in Sorge

Bei der Suchtberatung Ahrensburg merkt der Berater Stefan Mahlstaedt, dass immer öfter auch Angehörige anrufen, die sich Sorgen um ein Familienmitglied machen. Trinkt der Vater oder die Mutter derzeit nicht doch zu viel? Ab wann wird es problematisch? "Ich bin mir sicher, dass das sicherlich in der nächsten Zeit noch sehr viel mehr Thema werden wird", sagt Mahlstaedt. Schon jetzt rufen mehr Menschen an - die telefonischen Bürozeiten wurden verlängert.

Einzelhandel verkauft mehr Alkohol

Tatsächlich wird in Deutschland seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Alkohol verkauft. Bundesweit gingen von Ende Februar bis Ende März laut dem Nürnberger Marktforschungsinstitut GFK gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn betrug die Steigerung 31,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Handelsverband Nord hat für Schleswig-Holstein keine konkreten Zahlen, sagt aber, dass Genussmittel allgemein in Corona-Zeiten mehr verkauft werden. Allerdings - so sagen Experten - darf man auch nicht vergessen, dass Restaurants und Kneipen geschlossen haben. Statt dort Alkohol zu trinken, wird dies nun zuhause getan.

Insofern kann nach Expertenansicht nicht automatisch die Schlussfolgerung gezogen werden: Corona verstärkt die Alkoholsucht. Und natürlich werde auch nicht jeder sofort süchtig, nur weil er zurzeit etwas mehr trinke, sagt Kai Sachs von der Landesstelle für Suchtfragen. "Es gibt Menschen, die haben auch nach jahrelangem Trinken keine körperlichen Schäden, und bei anderen sieht es ganz anders aus." Dennoch: Alkohol sei ein Nervengift und nicht zu unterschätzen, sagt Sachs.

Harte Drogen - Sorgen um Süchtige

Bei den Suchtberatungen melden sich natürlich auch viele, die abhängig von illegalen Drogen sind. Marihuana, Kokain, LSD, Crack - die Liste der Substanzen ist lang. "Um diese Menschen machen wir uns sehr große Sorgen. Wir wissen nicht so genau, wie sie zurzeit an die Suchtmittel herankommen", sagt Sachs. Betteln auf der Straße funktioniere kaum noch, der Stoff werde außerdem teurer und die Verfügbarkeit geringer.

Polizei ohne verlässliche Zahlen

Auch das Landespolizeiamt kann hier keine genauen Antworten geben. "Wir haben einen starken Rückgang der polizeilichen Meldungen, aber ich wage zu bezweifeln, dass die Drogenkriminalität abgenommen hat", sagt Sprecher Torge Stelck. Das Landeskriminalamt sagt ebenfalls, dass bei diesem Thema eigentlich nur "weiche Daten" zur Verfügung stünden. Wie auch immer: Das Thema Sucht ist in Corona-Zeiten auf jeden Fall problematisch, und Kai Sachs von der Landesstelle für Suchtfragen bemängelt: "Dieser ganze Bereich Sucht hat zurzeit in der Politik einen viel zu geringen Stellenwert."

Suchtprobleme: Hilfe in Schleswig-Holstein

Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein

Die LSSH versteht sich als überregionaler Ansprechpartner und Schnittstelle zum Themengebiet "Sucht". Hier finden Betroffene auch einen Suchthilfeführer für passgenaue Hilfe vor der Haustür. Telefon: 0431 / 65 73 94 40.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 07.05.2020 | 08:00 Uhr

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