Wo Papier lebendig wird - das Papiertheater in Preetz

Stand: 13.02.2021 11:04 Uhr

Sie sind Kulissenbauer, Drehbuchschreiber und Schauspieler in einem: Barbara und Dirk Reimers aus Preetz (Kreis Plön). In ihrem eigenen Theater ist alles aus Papier. Nur das Publikum nicht - und deshalb leiden auch sie unter Corona.

von Lena Haamann

Es ist dunkel in dem kleinen Theatersaal im Heimatmuseum in Preetz. Bis Musik einsetzt und sich der Vorhang zur beleuchteten Bühne langsam hebt. Darauf stehen ein einbeiniger Zinnsoldat, eine Ballerina und ein Teufel - Spielzeuge in einem Kinderzimmer. Das ist eine Szene aus dem "Standhaften Zinnsoldaten", den Barbara und Dirk Reimers schon seit mehr als 30 Jahren aufführen.

Das Besondere: Bühnenbild, Vorhang, Schauspieler, Kulisse, und das Theater selbst - alles ist aus Papier. Und das meiste sogar selbst gestaltet. "Wenn wir uns auf ein neues Stück geeinigt haben, ist mein Mann dafür zuständig, den Text zu schreiben. Und ich fange an, die Figuren zu zeichnen. Währenddessen beginnen sie für mich, lebendig zu werden", erzählt Barbara Reimers.

Ein Papiertheaterspieler bei der Arbeit. © NDR
Dirk Reimers ist Kulissenbauer und Schauspieler in einem.
Eine Welt aus Papier

Auf der Bühne erwecken sie und ihr Mann das Papier dann auch für das Publikum zum Leben. Indem sie die Figuren an Drähten von der Seite aus bewegen, ihnen hinter dem Vorhang live ihre Stimmen verleihen, Musik einspielen und die Beleuchtung steuern. So fangen die starren Figuren in der Phantasie der Zuschauer an, sich zu bewegen. Das Publikum mit so einfachen Mitteln zu verzaubern und in eine ganz andere Welt zu entführen, das macht für die Reimers die Faszination am Papiertheater aus. "Außerdem wollte ich immer schon mal Schauspieler sein. Hier kann ich es und hier bin ich es. Und wenn mal eine Figur umfällt, bin nicht ich schuld, sondern das Papier", erzählt Dirk Reimers.

Seit zehn Monaten ohne Einnahmen

Ein Regal voll mit Miniatur-Theaterkulissen aus Papier. © NDR
Etwa 150 Papiertheater haben die Reimers über die Jahre gesammelt.

Seit April wird das Papier in ihrem Theater nicht mehr lebendig. Die Reimers spielen nur noch gelegentlich für sich selbst, um nicht aus der Übung zu kommen. Wegen Corona haben sie zum ersten Mal seit 34 Jahren keine regelmäßigen Auftritte mehr vor Publikum. So lange spielt das Ehepaar schon öffentlich Papiertheater, vor ihrer Rentnerzeit auch lange neben ihren Berufen als Bankkauffrau und Verwaltungsangestellter in der Computerbranche. Für 125 Euro konnte man eine Privatvorstellung in ihrem kleinen Theatersaal buchen - mit Platz für bis zu 14 Zuschauer. Vor allem an den Adventswochenenden hatten die Reimers immer gut zu tun.

Seit April haben sie keine einzige Vorstellung mehr gespielt. Ihre Einnahmen sind komplett weggebrochen. "Wir vermissen es schmerzlich, zu spielen. Und auch die leere Kasse hat uns getroffen", sagt Barbara Reimers. Denn von dem Geld haben sie und ihr Mann das Material gekauft, um neue Kulissen zu basteln und alte Papiertheater instand zu halten. Das Ehepaar spielt nicht nur Papiertheaterspieler, sondern sammelt die Bühnen auch. Durch ihre Ausstellung im Dachgeschoss des Heimatmuseums haben sie vor Corona regelmäßig Besuchergruppen geführt. Jetzt sind sie selbst seit Monaten die einzigen Besucher, die noch kommen, um nach dem Rechten zu sehen.

Seniorenheim für Papiertheater

So wie heute. "Hier müsste dringend mal wieder Staub gewischt werden", sagt Barbara Reimers zu ihrem Mann, als sie den Raum im Dachgeschoss betreten, in dem ihre Schätze aus Papier ringsherum aufgebaut sind. Sie gehen durch eine märchenhafte Papierwelt, vorbei an "Hans im Glück", "Schneewittchen und die sieben Zwerge", "Des Kaisers neue Kleider" und "Der Karneval der Tiere". Etwa 150 Papiertheater haben die Reimers über die Jahre gesammelt. Und zu jedem können sie eine Geschichte erzählen. 85 Prozent der Bühnen sind bespielt worden, und das wollen die Reimers auch zeigen. Deshalb restaurieren sie sie nur ganz grob.

"Dieses Theater hier hat bei der großen Flut in Hamburg in einem Keller geschwommen", kommentiert Dirk Reimers eine Papierbühne von 1890, auf der noch Wasserflecken zu sehen sind. "Zu diesem hat Picasso die Vorlage gezeichnet. Und mit dem hier waren wir schon viel auf Reisen." Er zeigt auf eine große Bühne, die dem Königlichen Theater in Kopenhagen nachempfunden ist. Zu Beginn haben sie die Theater noch gekauft und ersteigert, mittlerweile bekommen sie sie geschenkt - mit der Auflage, sie auszustellen und nicht weiterzuverkaufen. Deshalb bezeichnen sie sich auch als "Seniorenheim für Papiertheater". Ihr ältester Bewohner ist von 1865.

Intime Wohnzimmeratmosphäre

Zur Biedermeierzeit durfte das Papiertheater in keinem großbürgerlichen Haushalt fehlen. Damals wurden aktuelle Theaterstücke für Freunde und Familie im eigenen Wohnzimmer nachgespielt - beleuchtet mit Kerzenschein und begleitet von Geige, Klavier und zum Beispiel einer mit Erbsen gefüllten Papprolle als "Regenmaschine", Topfdeckeln oder Pfeifen. Vorläufer für die Theater im Mini-Format, die es seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts gibt, waren Guckkästen und Ausschneidebögen.

Die intime Wohnzimmeratmosphäre braucht das Papiertheater bis heute. Barbara und Dirk Reimers hoffen, dass sie irgendwann in diesem Jahr ihr nächstes Stück auf die Bühne bringen können. Gerade arbeiten sie an "Der fliegende Koffer". Denn: "Für mich ist es das Schönste, wenn das Publikum mir sagt, ich hab mich wie als Kind gefühlt, ihr habt Ausschneidepuppen lebendig werden lassen", schwärmt Barbara Reimers.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.02.2021 | 19:30 Uhr

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