Wissenschaftler erforscht bedrohte Hundshaie vor Helgoland

Stand: 10.09.2021 12:10 Uhr

Vier Hai-Arten gibt es in der Nordsee. Es ist noch längst nicht alles über sie bekannt. Ein Forscher hat sich den bedrohten Hundshaien angenommen - und sie vor Helgoland mit Satellitensendern ausgestattet.

von Laura Albus

In der Nordsee vor Helgoland. Die Angelrute, die gerade noch in den Himmel ragte, neigt sich mit einem Ruck in Richtung Wasser. Etwas hat angebissen. Ein Hundshai, wenn alles gut gelaufen ist. Jetzt muss bei Forscher Matthias Schaber jeder Handgriff sitzen. Er streift sich zwei Handschuhe über, huscht auf dem kleinen Fischerboot noch schnell unter Deck, um die letzten Utensilien für die Besenderung zu holen.

Makrelen als Hai-Köder

Matthias Schaber ist Haiforscher, er arbeitet fürs Thünen-Institut in Bremerhaven. Vor Helgoland will er die gefährdeten Hundshaie mit Satellitensendern versehen. Dafür haben er und Hochseeangler Michael Janke eben erst frische Makrelen als Köder ausgeworfen. Einer könnte jetzt wenige Meter unter dem Boot, keine zehn Minuten später, angebissen haben. Michael Janke zieht die Angel Stück für Stück aus dem Wasser: "Ich kann ihn schon sehen."

Behutsam ziehen die beiden Männer einen ausgewachsenen Hundshai aus dem Wasser. "Großartig, jetzt müssen wir ihn nur noch erfolgreich anlanden, dann können wir ihn markieren", ruft der Haiforscher und versucht zu verhindern, dass sich das Tier um die Angelschnur wickelt.

"Das ist ein sehr wütendes Weibchen" Haiforscher Matthias Schaber

Mit einem Platsch landet das Hundshai-Weibchen auf der Arbeitsfläche. Die beiden Männer schnaufen. Das Tier muss einige Kilogramm wiegen, wie viel, wissen sie nicht. Zum Wiegen ist keine Zeit, der Hai soll so schnell es geht wieder ins Wasser. Das Weibchen misst 1,50 Meter. Es zappelt hin und her, schlägt mit Kopf und Schwanzflosse zu beiden Seiten aus.

Matthias Schaber legt dem Tier ein nasses Tuch über die Augen, was den Hundshai beruhigt: "Das ist ein sehr wütendes Weibchen." Er hält den Hai mit der einen Hand fest, mit der anderen bereitet er den Sender vor. Normalerweise liegt das Equipment parat, wenn ein Hai an Bord geht. Doch dass sie so schnell Erfolg haben, damit haben die beiden Männer nicht gerechnet.

Niemand weiß, wo Hundshaie ihren Nachwuchs aufziehen

Zwei Männer bringen an einem Hundshai einen Sender an.  Foto: Laura Albus
Haiforscher Matthias Schaber (r.) bei der Arbeit mit Hochseeangler Michael Janke. Schaber stattet das Hundshai-Weibchen, das mit dem nassen Tuch beruhigt werden soll, mit einem Sender aus.

Mehrere hundert Hundshaie tummeln sich derzeit vor Helgoland. Sie ernähren sich von frisch gehäuteten Taschenkrebsen, einer Delikatesse für die Haie. Aber warum sie dort sind und wo sie ihren Nachwuchs aufziehen - das ist nicht erforscht. Bisher zumindest - denn Matthias Schaber will mit seinen Satellitensendern Antworten auf genau diese Fragen finden. Der Sender, oval und gut acht Zentimeter lang, zeichnet Daten über Wassertiefe, Temperatur und Licht auf. "Daraus kann nachher modelliert werden, wo der Hai lang schwimmt", erklärt Schaber.

Ein Jahr bleibt der Sender am Hai

In den vergangenen beiden Jahren hat der Haiforscher bereits einige Hundshaie vor Helgoland mit Sendern ausgestattet. 15 haben ihm inzwischen Daten übermittelt. Sie zeigen, wo die Haie unterwegs sind. Beispielsweise, dass sie das Gebiet um Helgoland im Oktober wieder verlassen und in Richtung Ärmelkanal ziehen.

Zurück im kleinen Fischerboot: Matthias Schaber stanzt mit einer Lochzange ein Loch in die Rückenflosse und befestigt den ersten Sender. "Jetzt hoffe ich, dass ich ein Jahr lang nichts von dem Hai höre", sagt Schaber. Dann soll der programmierte Sender sich eigenständig lösen. Sobald er an die Wasseroberfläche getrieben wird, überträgt er die Daten per Satellit. Einen zweiten Sender setzt Schaber daneben: "Das ist so eine Art Hausnummer, damit der Hai weiterhin erkennbar ist."

Die Tiere sind lange Strecken unterwegs

Durch die Forschung internationaler Kollegen, aber auch durch seine eigenen Daten der vergangenen beiden Jahre, weiß Matthias Schaber, dass die Hundshaie lange Strecken zurücklegen. Einige Tiere sind sogar bis Madeira geschwommen. Diese weiten Strecken seien auch einer der Hauptgründe, warum es so schwierig sei, die Tiere zu schützen. Denn wo die Hundshaie im Nord-Atlantik ihren Nachwuchs aufziehen, ist noch nicht bekannt. "Also auf Helgoland scheint das nicht der Fall zu sein", sagt Schaber.

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Dennoch will der Forscher mithilfe von Blutproben herausfinden, ob die Weibchen trächtig sind oder trächtig waren. Doch bei dem Tier, dass er gerade auf der Arbeitsfläche liegen hat, klappt die Entnahme der Blutprobe in der Schwanzflosse nicht. "Sie haben hier unten relativ starkes Knorpelgewebe, wo man nicht immer durchkommt." Er schüttelt den Kopf: "Nee, lassen wir es. Wir lassen sie lieber frei."

Weltweit fünf Hundshai-Populationen

Die beiden Männer packen den anderthalb Meter langen Hundshai, und - zack - ist die Szene auch schon vorbei und das Weibchen ist abgetaucht - mit ihr die beiden Sender. Aufatmen bei Forscher Matthias Schaber und Hochseeangler Michael Janke. Sie haben soeben den fünften Hai in diesem Jahr mit einem Sender versehen und nur noch einen einzigen weiteren dabei. Diese Sender sind teuer, mehrere tausend Euro kostet einer.

"Was man bisher weiß, ist, dass die weltweit fünf Populationen nicht miteinander verwandt sind" Haiforscher Matthias Schaber

Michael Janke ist bereits dabei, die beiden Angeln wieder auszuwerfen, während Matthias Schaber Genetikproben in ein Röhrchen packt. Die Proben will er nach Schottland schicken, wo ein Team von Wissenschaftlern eine Datenbank erstellt. Weltweit gibt es fünf verschiedene Hundshai-Populationen, die genetisch voneinander getrennt sind: im Nordostatlantik, im südlichen Atlantik bei Südafrika, im Pazifik vor den USA und Kanada, im Südpazifik nahe Australien und im Südwest-Atlantik vor Südamerika. "Was man bisher weiß, ist, dass diese Arten nicht miteinander verwandt sind", sagt Schaber.

Wenig später beißt der nächste Hai an

Der Forscher kommt gar nicht dazu, die neue Genetikprobe sauber zu beschriften und zu verstauen, denn da hat bereits der nächste Hundshai angebissen. Dieses Mal ist es ein deutlich kleineres Weibchen, noch nicht ganz ausgewachsen. Und genau das freut den Wissenschaftler besonders. Denn so kann er erfahren, ob sich junge Hundshaie anders verhalten als die Ausgewachsenen. "Und das hier ist mit Abstand der kleinste, den wir bisher hatten", freut sich der Wissenschaftler.

Das kleine Weibchen misst 1,04 Meter und lässt sich den Sender problemlos anbringen. Matthias Schaber wirft den Hai zurück ins Wasser: "Jetzt heißt es Daumen drücken." Mehr Sender hat er nicht dabei. Dass er so schnell so erfolgreich angelt, damit hat er nicht gerechnet. Die Besenderung ist fürs Erste erledigt. Sie fahren zurück in Richtung Helgoland. Unter ihnen die Hundshaie, über die dann hoffentlich bald mehr bekannt ist.

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Schleswig-Holstein Magazin | 10.09.2021 | 19:30 Uhr

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