Stand: 15.04.2018 08:00 Uhr

So läuft der U-Boot-Notausstieg in 30 Metern Tiefe

von Maik Vukan

Ein deutsches U-Boot in Not. Feuer an Bord, ein Wassereinbruch, eine Kollision in großer Tiefe - Notfallszenarien, die hoffentlich niemals eintreten, auf die sich die Marine aber trotzdem sorgfältig vorbereitet. Die wichtigsten Fragen dabei: Wie kann die Besatzung schnellstmöglich gerettet werden? Wie können die Soldaten das havarierte U-Boot verlassen, wenn es aus eigener Kraft nicht mehr an die Wasseroberfläche auftauchen kann?

Ein Hochhaus voll Wasser im Hafen von Neustadt

Wir sind zu Besuch im "Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr" der Marine in Neustadt in Holstein. Wir dürfen dabei sein, wenn U-Boot-Fahrer sich auf eine der wohl schlimmsten Situationen vorbereiten. Schon von Weitem sieht man im kleinen Hafen an der Ostsee einen riesigen, grauen Klotz. Ein fast fensterloses Hochhaus auf dem Kasernengelände. Hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich seit 1977 der sogenannte Tieftauchtopf. "In dieser Art und Dimension ist diese Anlage weltweit einmalig", erklärt Fregattenkapitän Michael Bergemann, der Leiter der seemänische Basisbildung an diesem Standort. "Viele befreundete Nationen beneiden uns darum und schicken ihre U-Boot-Besatzungen regelmäßig hierher zum Training. Und auch die Armeen, die auf der Kieler Werft ThyssenKrupp Marine Systems U-Boote kaufen, buchen meist gleich die Notfallausbildung bei uns mit dazu."

Für die Männer geht es weit nach unten

Rund 36 Meter tief ist das Tauchbecken - sieben Meter hat es im Durchmesser. Um bei den Zahlen zu bleiben: 1,25 Millionen Liter Wasser passen in den Tauchtopf. In der Regel werden sie für Wartungsarbeiten zweimal im Jahr komplett abgelassen. Vorsichtig dosiert, durch einen speziellen Einlass direkt ins Neustädter Hafenbecken. "Aber wir rufen vorher trotzdem sicherheitshalber immer beim Hafenmeister an, dass es ein bisschen kabbelig werden könnte", erklärt uns einer der Betriebstechniker schmunzelnd. Und auch die Befüllung will gut geplant sein: "Das melden wir schon rechtzeitig bei den Stadtwerken an, schließlich nutzen wir das städtische Trinkwassernetz und wollen ja nicht, dass unsere Nachbarn sich keinen Kaffee mehr kochen können." Eineinhalb Tage dauert es, den Tieftauchtopf voll Wasser zu bekommen, meist passiert das nachts.

Ausbilder sind Apnoetaucher, arbeiten ohne technische Hilfsmittel

Acht Ausbilder steigen in blauen Bademänteln in den Fahrstuhl, drücken auf den Kopf der obersten Etage. Sie sind die Stammbesatzung, bringen den Neulingen das richtige Atmen bei, versuchen ihnen die Angst zu nehmen vor der ungewohnten Situation in großer Tiefe. Um sich selbst fit zu halten, sind sie täglich im 34 Grad warmen Wasser. Sie sind Apnoetaucher, haben sich auf das Tauchen ohne technische Hilfsmittel spezialisiert. Keine Geräte mit Atemluft, keine Bleigürtel, um leichter abzutauchen. Sie klettern ins Becken und demonstrieren ihr Können.

Im Tieftauchtopf den Untergang proben

Aufstieg wie in Zeitlupe

Sie Schwimmen hinunter bis auf 32,5 Meter Tiefe, wo eine U-Boot-Sektion in den Boden des Tauchbeckens eingelassen ist. Durch eine Luke schwimmen sie hinein, durch eine zweite wieder heraus. Nun beginnt die Phase des langsamen Aufstiegs. Streng nach Vorschrift, fast wie in Zeitlupe. Nur zehn Meter dürfen die Männer pro Minute aufsteigen, müssen sich bis zur Wasseroberfläche also mehr als drei Minuten Zeit lassen. "Wenn man ganz schnell hochkommt, wäre das extrem gefährlich, weil die Lunge sich durch den veränderten Druck plötzlich ausdehnen und vermutlich reißen würde", beschreibt Martin Kalmring, einer der Ausbilder, die Bedrohung.

"Ich bin schon ein bisschen angespannt"

Eine Lehrgangsgruppe ist eingetroffen. Ein gutes Dutzend angehender U-Boot-Fahrer, die heute ihre Grundausbildung im Tauchtopf absolvieren müssen. Das Ziel: Aufstiege aus einer Schleuse in zehn Metern Tiefe. Wer das nicht schafft, darf nicht auf ein U-Boot. "Ich bin schon ein bisschen angespannt", sagt einer der Soldaten. "Ich habe bislang eigentlich keine Taucherfahrung und muss erst einmal mit der Situation unter Wasser klarkommen. Das ist auch eine ziemliche Kopfsache." Die Männer ziehen orangefarbene Rettungsanzüge an. Exakt die Modelle, die auch an Bord der deutschen U-Boote bereitgehalten werden. Der Fahrstuhl bringt sie ein paar Stockwerke nach unten, zur sogenannten Zehn-Meter-Meter Schleuse. Also genau zehn Meter unter der Wasseroberfläche. "Wenn alle Kameraden in der Schleuse sind, wird die Kammer verriegelt und langsam geflutet", erklärt Ausbilder Kalmring. "Es bleibt eine Luftblase für die Köpfe der Männer. Dann öffnet sich die Luke zum Inneren des Tauchtopfes und wir Ausbilder ziehen einen nach dem anderen aus der Schleuse in das große Becken hinein."

Taucherarzt bei der Übung dabei

"Ganz wichtig ist, dass man sich genau an die Abläufe hält, die man uns vorher beigebracht hat", schildert einer der Neulinge uns den entscheidenden Moment später. "Im Rettungsanzug muss man eine kleine Sauerstoffflasche öffnen. Die ausströmende Luft bläst den Kopfteil des Anzuges auf, sodass man atmen kann und auch genug Auftrieb hat, um an die Wasseroberfläche zu kommen." Aus zehn Metern Tiefe ist der Aufstieg deutlich weniger gefährlich, die Soldaten schießen in ihren Anzügen förmlich hoch an die Wasseroberfläche. Ein Taucherarzt nimmt sie in Empfang und prüft sofort, ob alle den Notaufstieg unbeschadet überstanden haben.

Notaufstieg als allerletzte Möglichkeit

"Der Notaufstieg ist für unsere Besatzungen nur das allerletzte mögliche Mittel, sich selbst aus einem havarierten U-Boot zu retten", verdeutlicht Fregattenkapitän Bergemann. Die Notfallkonzepte der Marine seien schließlich so ausgelegt, dass man immer versuchen würde, aus einem Unterwasser-Notfall einen Überwasser-Notfall zu machen. Soll heißen: ein manövrierunfähiges U-Boot an die Oberfläche zurückzuholen. "Nur wenn das partout nicht funktioniert, hätten die Soldaten unten immer noch die Möglichkeit, mit ihrem Rettungsanzug selbst an die Wasseroberfläche zu kommen."

Nur ein Soldat war gesundheitlich angeschlagen, durfte nicht mitmachen und muss das Rettungstraining nun nachholen. Alle anderen haben heute den Notaufstieg geschafft und damit die Voraussetzung für ihre weitere Ausbildung als U-Boot-Besatzung. "Sie werden auch dringend gebraucht," schildert Presseoffizier Bastian Fischborn. "Nach aktuellem Planungsstand werden wir nämlich voraussichtlich noch im zweiten Halbjahr mindestens drei oder vier unserer insgesamt sechs U-Boote nach Werftaufenthalten wieder einsatzbereit haben."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.04.2018 | 19:30 Uhr

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