Seegras am Strandufer.

Seegras - vom Sorgenkind zum Rohstoff

Stand: 20.11.2020 12:29 Uhr

Die Entsorgung von zum Teil großen Mengen Seegras ist mit hohem Aufwand und mit Kosten verbunden. Viel sinnvoller wäre es, das Seegras als Rohstoff-Ressource zu begreifen und zu nutzen.

von Anina Pommerenke

Wenn Seegras aus dem Meer an die Badestrände entlang der Ostsee gespült wird, dann ist das für Gemeinden erst mal ein Problem: Das Seegras muss für viel Geld mit Maschinen aufwendig entfernt werden. Das kostet zum Beispiel in Eckernförde etwa 100.000 Euro im Jahr. Denn nach wie vor empfindet die Mehrheit der Touristen es als unschön und unangenehm an den Füßen. Und wenn sich Algen darin verheddert haben, riecht es zudem noch schlecht. Doch eigentlich ist Seegras eine wertvolle Rohstoff-Ressource. Swantje Streich und Jörn Hartje haben das erkannt. Sie leben in einem über 100 Jahre alten roten Backstein-Haus in Westerau im Kreis Stormarn in Schleswig-Holstein. Seit acht Jahren betreibt das Paar einen Seegrashandel, nachdem es die Wände und das Dach des eigenen Hauses erfolgreich mit dem Naturrohstoff gedämmt hat. "Auf dem Dach waren vorher 100 Jahre alte Dachziegel", erzählt Swantje Streich, "die haben wir durch neue Tonziegel ersetzt und von innen haben wir mit Seegras gedämmt."

Seegras-Dämmung: Dach isolieren und Heizkosten sparen

Jörn Hartje zeigt trockenes Seegras auf seinem Dachboden. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Jörn Hartje zeigt, wie das Seegras auf seinem Dachboden trocknet.

Unter dem Dach befinden sich jetzt 20 Zentimeter Seegras. Beim Dämmen wird es einfach mit der Hand in Hohlräume gestopft. Jörn Hartje hat dafür Rahmen aus Holz vor die Wände gesetzt: "Man muss aufpassen, dass man gut in jede Ecke reinkommt. Durch die langen Fasern verzwirbelt es sich und bildet eine Art Matte." Anders als herkömmliches Dämmmaterial, sackt das Seegras kaum ab. Für Swantje Streich ist das Klimaschutz pur: "Zum einen spart man durch das Dämmen Heizkosten, das liegt auf der Hand. Zum anderen wird beim Herstellen von herkömmlichen Dämmstoffen sehr viel Energie gebraucht - das nennt man graue Energie. Seegras aber bindet CO2 und es wird kaum oder keine Energie benötigt, um es zu gewinnen."

Allergiker schwören auf Bettzeug aus Seegras

Swantje Streich und Jörn Hartje handeln mit Seegras. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Jörn Hartje und Swantje Streich wollen den Handel mit Seegras gern ausbauen.

Das Seegras wird bisher vor allem in Dänemark von Landwirten direkt am Strand gesammelt und auf Wiesen verteilt. Der Regen spült das Meersalz ab, damit es kein Wasser mehr zieht. Getrocknet wird es von der Sonne oder in Biogasanlagen. Das Material gilt als brandfest und ist resistent gegen Schimmel und Schädlinge. Und nicht nur beim Bau ist es nützlich, auch Allergiker schwören bei der Polsterung von Kissen, Decken und Matratzen darauf. Die Nachfrage ist höher, als der Seegrashandel im Moment liefern kann, erklärt Jörn Hartje: "Wir verkaufen so circa 50 Tonnen im Jahr, wir wollen aber 100 bis 200 Tonnen im Jahr verkaufen."

Infrastruktur zum Sammeln von Seegras fehlt

An der deutschen Ostseeküste fehlt es laut Jörn Hartke noch an Betrieben, die das Seegras in großem Stil einsammeln und aufbereiten. Bisher landet es vielerorts einfach in Kompostierungsanlagen. Was er und seine Partnerin aus Dänemark beziehen oder selbst am Strand einsammeln und im Garten mit Regenwasser in einer Wanne ausspülen, könne die Nachfrage nicht decken: "Es werden sicher bis zu 30.000 Tonnen angespült - und es wäre natürlich schön, wenn man zumindest einen kleinen Teil davon nutzbar machen würde, je mehr desto besser. Und das wollen wir auf jeden Fall anstoßen."

Berge von Seegras am Strand der Ostsee © NDR.de Foto: Jörn Rollfinke

AUDIO: Seegras als Dämmstoff und Kissenfüllung (5 Min)

Klimaschutz: Seegras als wichtiger CO2-Speicher

Küstengeograf Horst Sterr erforscht für die Uni Kiel das Nutzungspotential von Seegras und betont die Bedeutung der Pflanze: "Seegras ist laut weltweiten Untersuchungen einer der wichtigsten CO2-Speicher überhaupt und ist von hoher Bedeutung für den Klimaschutz." Es soll sogar 35 mal so viel CO2 pro Hektar Fläche speichern, wie der tropische Regenwald." Es ist außerdem sowohl im Wasser wie auch am Strand ein wichtiger Lebensraum für Tiere und gut für den Küstenschutz, erklärt er: "Die Auflage von Seegras auf dem Strand bietet einen natürlichen Schutz gegen Wellen, die den Strand überspülen - und sonst den Sand abtragen würden." Sterr und andere Forscher haben sich deshalb auf die Fahnen geschrieben - zum Beispiel mit Informationstafeln - bei Touristen für mehr Verständnis für die ökologische Bedeutung von Seegras zu werben. Wo es geht, sollte es am Strand liegenbleiben und ansonsten sinnvoll zu Dämmmaterial, Matratzen oder Kissen weiterverarbeitet werden.

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