Stand: 16.10.2016 07:00 Uhr

Sechs Tage in türkischer Haft

von Christian Nagel

Die Kielerin Yüksel C. ist Ende August fast eine Woche lang von türkischen Behörden in ihrer alten Heimat festgehalten worden. Sie verbrachte sechs Tage und Nächte in einer Gefängniszelle in Balikesir – unschuldig, wie sie sagt. Nur mit Glück kann sie der türkischen Justiz entkommen, flüchtet in einem Auto zurück nach Deutschland. Wochen nach ihrer Rückkehr spricht sie offen über ihre Erlebnisse. Und sie kritisiert die deutschen Behörden. Bis heute habe sie vom Auswärtigen Amt keine Hilfe bekommen.

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Ein Urlaub in der alten türkischen Heimat wird für die Kielerin Yüksel C. zum Horrortrip.

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Türkei-Urlaub werden. Ein Treffen mit Freunden und Bekannten in der alten Heimat. Etwas mehr als einen Monat nach dem gescheiterten Putsch von Teilen des Militärs gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan reist Yüksel C. in die türkische Region Balikesir. Die Kielerin, die seit 1974 in Deutschland lebt und seit knapp 20 Jahren deutsche Staatsbürgerin ist, will sich dort erholen. Gemeinsam mit Freunden bezieht die 51-Jährige eine Ferienwohnung.

Merkwürdige Stimmung in der Heimat

Schon bei ihrer Ankunft kommt der Kielerin die Türkei seltsam verändert vor. Überall hätten türkische Fahnen gehangen, sagt sie. An Geschäften und privaten Gebäuden. Sie vermutet, dass die Menschen möglicherweise dazu gezwungen werden. Gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes in Balikesir bekommen die Urlauber in ihrer Ferienwohnung Besuch von sechs türkischen Jugendlichen. Es seien Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF (Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu - Föderation der sozialistischen Jugendverbände) gewesen, sagt Yüksel C. in unserem Gespräch in einem Kieler Café einige Wochen später. Eine Gruppierung, die in der Türkei zwar nicht verboten, aber auch nicht besonders angesehen ist. Die Mitglieder werden laut Yüksel C. von Polizei und Gerichten wie Terroristen behandelt.

Sie will sich solidarisch mit den Menschen in Kobane zeigen

Die Jugendlichen der SGDF hatten 2015 nach einem Terroranschlag des sogenannten Islamischen Staats (IS) im südtürkischen Suruç nahe der Grenze zu Syrien geholfen. Gemeinsam mit rund 300 weiteren Jugendlichen halfen sie dem Menschen beim Wiederaufbau der fast vollständig zerstörten Stadt. Nach eigenen Angaben unterstützt Yüksel C. die Kampagne. Sie vermutet, dass nicht nur die Mitglieder der SGDF in der Türkei, sondern auch ihre Unterstützer in Deutschland möglicherweise unter Beobachtung der türkischen Behörden stehen.

Polizei überrascht die Deutsche im Schlafzimmer

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Die Kielerin Yüksel C. erzählt NDR Reporter Christian Nagel von den Tagen im türkischen Gefängnis und den Terror-Vorwürfen.

Plötzlich, noch am Tag der Ankunft, dringt völlig überraschend ein Spezialkommando der türkischen Terrorabwehr in die Ferienwohnung ein. "Ich war gerade im Schlafzimmer, da sprang ein Polizist durch das geschlossene Fenster", schildert Yüksel C. rückblickend die Situation. "Wir wurden von den Anti-Terror-Polizisten als Mitglieder der verbotenen PKK (kurdische Arbeiterpartei, Anm. d. Red.) und als Terroristen bezeichnet". Alle seien von der Polizei festgenommen worden. Yüksel C. ist schockiert, wehrt sich nicht gegen die Festnahme. "Widerstand hätte die Situation nur noch schlimmer gemacht", sagt sie. Was man ihr und den zehn anderen Festgenommenen genau vorwirft, erfahren sie nicht. "Wir haben mehrfach nachgefragt, aber keine Antwort bekommen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.10.2016 | 08:00 Uhr

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