Stand: 21.08.2019 05:00 Uhr

Randy Schallehn und ihr neues Leben mit kleinerem Magen

von Andrea Schmidt

Randy Schallehn kommt gerade vom Sport. Die 45 Jahre alte Mönkebergerin (Kreis Plön) trägt modische Leggings und ein T-Shirt. Sie ist leicht verschwitzt - und sie strahlt. Noch vor einem Jahr war jede Bewegung die Hölle für sie. Da wog die 1,66 Meter große Frau noch 150 Kilogramm, hatte Arthrose und Schmerzen überall. Sie konnte sich kaum 30 Meter weit schleppen. Jetzt - nach ihrer Magenverkleinerung vor genau einem Jahr - trainiert sie regelmäßig mit ihrem Personaltrainer. "Ich war sogar im Wanderurlaub in Österreich und habe mich gefreut, dass ich in die Sommerrodelbahn passe", lacht sie. "Für mich war die Operation das Beste, was passieren konnte." Allerdings muss Randy Schallehn nun ein Leben lang mit den Konsequenzen leben - und die sind nicht ohne.

Von Kleidergröße 58 auf 44 - dank kleinerem Magen

Schlimmes Erlebnis mit Essen kompensiert

Aber der Reihe nach: Früher, als Schulkind und auch noch als Studentin, hatte die Mönkebergerin eine normale Figur. Nicht super schlank, aber auch nicht dick. "Ich habe viel Sport gemacht, Handball, Fechten, Schwimmen." Dann passierte ein schlimmes Erlebnis während ihrer Studentenzeit, über das sie nicht weiter reden möchte. "Und das habe ich mit Essen kompensiert", erzählt sie. Randy Schallehn wurde immer dicker und dicker. Begleiterkrankungen ließen nicht lange auf sich warten: Bluthochdruck, Arthrose in allen Gelenken mit starken Schmerzen, eine Schlafapnoe und angehende Diabetes. "Ich habe alle Diäten dieser Welt ausprobiert, und auch mal 20 bis 40 Kilo abgenommen. Aber das hatte ich dann auch schnell wieder drauf", blickt die 45-Jährige auf schwierige Jahre zurück.

"Mein Leben war 'ne reine Katastrophe"

Bewegung? Ging nicht. Ein paar Schritte, schon folgten Schweißausbrüche. Die Brühe, schildert Randy Schallehn, lief ihr immer nur so runter. Ausflüge mit ihren zwei Töchtern funktionierten nicht mehr. Essen gehen mit Freunden? Lieber nicht. Stattdessen wurde heimlich alles Mögliche reingeschaufelt. "Mein Leben war 'ne reine Katastrophe. Ich fühlte mich auch sozial isoliert und bekam schwere Depressionen." Die Folge waren lange Klinikaufenthalte.

Zwei Drittel des Magens sind nun weg

Am 8. August 2018 ließ sie sich schließlich operieren. Da ihr neuer Freund in Hamburg lebt, entschied sie sich für das UKE in der Hansestadt. Die 45-Jährige, die übrigens einen BMI von 54 hatte, bekam eine Härtefallregelung - es konnte also ziemlich schnell losgehen. "Als die Ärztin mir sagte, dass alles bewilligt wurde, bin ich in Tränen ausgebrochen." Die Entscheidung fiel für einen Schlauchmagen und gegen einen Magenbypass. Ihr Magen wurde also um zwei Drittel verkleinert. 17,8 Zentimeter lang und 10,2 Zentimeter breit - solch ein großes Magenstück wurde entfernt. Übrig bleibt nun ein zwei bis drei Zentimeter dicker Magenschlauch. Ziemlich winzig.

Essen und Trinken niemals gleichzeitig

Und genau da muss jetzt das ganze Essen rein. Wobei - Probier-Portiönchen wäre wohl der bessere Ausdruck. Randy Schallehn trinkt zum Frühstück eine Tasse Tee. Erst eine halbe Stunde danach darf sie ein halbes Brötchen essen. Das gleiche Prozedere dann mittags: eine kleine Kartoffel, ein Drittel Bratwurst, zwei Esslöffel Möhrengemüse und wiederum eine halbe Stunde später folgt dann ein Getränk. "Ich darf mein Leben lang jetzt nicht mehr gleichzeitig essen und trinken. Das ist wirklich mühsam, aber ich halte mich fast immer dran", sagte sie. Und wenn nicht, folgt umgehend die Quittung. Dann hat Randy Schallehn Magenschmerzen oder muss sich übergeben.

Nicht jeder bleibt eisern

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Die Portionen müssen nach einer Magenverkleinerung sehr klein sein. Und Essen und Trinken sollten zeitlich getrennt werden.

Außerdem muss die Schleswig-Holsteinerin ein Leben lang Vitamintabletten nehmen. An ihrem Körper ist nach dem Verlust von 60 Kilogramm nun natürlich viel überflüssige Haut - plastische Operationen werden wohl noch folgen müssen. Wer die bezahlt, ist noch nicht geklärt. Die größte Herausforderung für Randy Schallehn wird sein, nun ein Leben lang diszipliniert zu essen. "Nicht jeder schafft das", sagt Professor Matthias Laudes vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Einige nehmen auch wieder zu, denn auch ein operierter Schlauchmagen kann sich wieder ausdehnen. "Eine Magenoperation ist keine Heilung der Problematik, sondern eine Hilfestellung", sagt Matthias Laudes.

Immer mehr Magenverkleinerungen in SH

Insgesamt geht die Zahl der Operationen nach oben. Eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass sich die Zahlen der Magenverkleinerungen bundesweit vervierfacht haben. Im Jahr 2006 gab es laut Professor Matthias Laudes 1.759 OPs, fünf Jahre später bereits 6.164 Eingriffe. Die aktuelle Zahl hat er nicht. Am UKSH liegen die Magenverkleinerungen ebenfalls im Trend. "2011 hatten wir hier noch 70 OPs, 2017 und 2018 lagen wir schon bei rund 200 Eingriffen pro Jahr", sagt der Professor. Bei den Krankenkassen nehmen die Anträge zu. Sprecher Jens Kuschel von der AOK Nordwest präsentiert folgende Zahlen: 2017 gab es in Schleswig-Holstein bei den Gesetzlichen Krankenversicherungen 510 Magenoperationen aufgrund von Adipositas, 2018 dann schon 598. "Grundsätzlich gilt aber, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für korrigierende plastische Operationen nicht übernehmen dürfen. Es muss schon eine akute Krankheit vorliegen", erklärt der Arzt.

Volkskrankheit Adipositas

In der gesamten Allgemeinen Chirurgie wachse der Bereich der Magenverkleinerungen am stärksten, hieß es in der Kieler Uniklinik. Kein Wunder: 52 Prozent der deutschen Bevölkerung sind laut UKSH übergewichtig, bei einem Drittel liegt der BMI (Body Mass Index) sogar über 30. Ab diesem BMI-Wert sprechen Ärzte von Adipositas. "Mal umgerechnet auf die Landeshauptstadt Kiel bedeutet das: Rund 70.000 Menschen leiden in der Stadt an Adipositas", rechnet Matthias Laudes vor.

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Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegt ein Jahr: Randy Schallehn mit 150 Kilogramm und mit 90 Kilogramm - nach der OP.
Rundumerneuerung und große Ziele

Für Randy Schallehn soll nun das anstrengende, übergewichtige Leben vorbei sein. Eine Gelenkversteifung an den Fingern wurde behandelt, ein künstliches Knie hat sie auch bekommen, das zweite wird folgen. Eine Rundumerneuerung sozusagen. Außerdem nimmt sie kaum noch Blutdrucktabletten, braucht nachts kein Beatmungsgerät mehr und hat eine fast komplett regenerierte Fettleber. "Ich bin einfach nur glücklich. Meine Töchter nehmen mich manchmal in den Arm und freuen sich mit mir. Ich bin so froh, dass ich auch wieder an ihrem Leben aktiv teilnehmen kann." Shoppen gehen zum Beispiel - das wird jetzt gemeinsam gemacht. Kleidergröße 44/46 statt 58, Schuhgröße 39 statt 41. Da bringt das Geld ausgeben endlich wieder Spaß, wie sie sagt. Und sportliche Ziele hat die 45-Jährige auch noch: "Im nächsten Jahr mache ich beim Kiellauf mit. Dazu brauche ich jetzt nur noch mein zweites neues Knie."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.08.2019 | 08:00 Uhr

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