Stand: 06.03.2018 05:00 Uhr

Nach Aus bei Senvion: Der Weg zurück in den Job

von Sebastian Duden

Bild vergrößern
Vor einem Jahr kündigte der Windanlagenbauer Senvion an, seinen Standort Husum zu schließen.

Husum versinkt an diesem Tag Ende Februar im Schnee, und Melanie Cornils ist auf dem Weg in ein neues Arbeitsleben. Die alleinerziehende Mutter hat ein halbes Jahr voller Existenzängste hinter sich. Doch jetzt ist das vorbei, die 42-Jährige hat einen neuen Job in einem großen Autohaus in ihrer Heimatstadt. "Hallo, ich bin Melanie, die neue Kollegin", sagt sie, als sie um kurz vor acht Uhr durch die Glastür zum Empfang geht. Der ist nun ihr Arbeitsplatz, hier macht sie ab sofort unter anderem die Dispo und Abrechnungen, begrüßt auch die Kunden. Ein echter Neuanfang nach einem jähen Ende beim Windkraftanlagenbauer Senvion in Husum.

Von der Schließung aus dem TV erfahren

Dort hatte Melanie Cornils 13 Jahre lang als kaufmännische Angestellte gearbeitet. Bis der Konzern den Standort komplett dicht machte. Im März 2017 hatte der Konzern seine Pläne bekannt gegeben, die Produktion größtenteils ins kostengünstigere Ausland zu verlagern - unter anderem nach Portugal. Sie sei in Deutschland zu teuer, lautete die Begründung. Zwei Monate danach wurde die Produktion eingestellt, die letzte ihrer Art im "Wind-Land" Schleswig-Holstein. Deutschlandweit strich die Firmenleitung etwa 700 Arbeitsplätze, etwa 150 davon in der Husumer Produktion, eben auch den von Melanie Cornils. Von den Plänen ihres Arbeitgebers erfuhr sie aus dem Fernsehen. Cornils war damals nicht Zuhause, sondern auf Mutter-Kind-Kur.

"Den Chef interessierte nur noch die Abgabe der Laptops"

"Ich habe richtig Panik bekommen", sagt sie. Sie ließ sich nach dem ersten Schock sofort ihre Unterlagen zum Kurort schicken und schrieb schon am nächsten Tag Bewerbungen. "Auch meine Kinder hatten Angst, dass es uns nicht mehr so gut gehen würde." Im Rückblick kann sie darüber schmunzeln. Auch wenn ein bitterer Beigeschmack bleibt. Eigentlich hat Cornils gerne bei Senvion gearbeitet, ist heute aber nur noch enttäuscht, wenn sie an die Firma denkt: "Das Einzige was meinen Chef am Ende noch interessiert hat, war, ob alle ihre Laptops abgegeben haben. Nichts anderes." Ihr hat es den Abschied erleichtert.

Bedrückendes Wiedersehen

Es gab aber nur wenige gute und passende Jobs, auf die sie sich danach bewerben konnte. Eine Zeit lang hatte Cornils überlegt, in einer Zahntechnik-Firma anzufangen, doch da sollte sie viele Überstunden machen und wäre ohnehin überqualifiziert gewesen. "Ich bin seit 25 Jahren Bürokauffrau, habe was erreicht und möchte auch was Sinnvolles machen. Hier im Autohaus habe ich viel mit Kunden zu tun, es ist abwechslungsreich, und ich fühle mich jetzt schon angekommen." Richtig schrecklich sei aber gewesen, dass mehrere ihrer ehemaligen Kollegen diese Stelle auch gern bekommen hätten. "Alle bewerben sich, dann trifft man sich, und auf einmal ist der Blick ganz anders." Doch nun sei das Kapitel Senvion endgültig Geschichte, sagt Melanie Cornils nachdenklich.

Kaum gute Jobs in strukturschwacher Region

Helge Jürgensen sitzt zurzeit viel im Auto. 300 Kilometer fährt er jedes Wochenende, zwischen Elsdorf und Flensburg. Dort macht er gerade einen Lehrgang zum Schweißfachmann. Bei Senvion arbeitete der 46-Jährige früher als Maschinenbaumeister, hat unter anderem Werkzeug gewartet und repariert. Er war schon in den 90er-Jahren bei Senvion, als die Firma noch gar nicht so hieß, sondern noch Jacobs-Energie. Jürgensen schaut gern zurück auf seine Zeit in Husum: "Das Wichtigste ist für mich, dass ich Spaß an der Arbeit habe. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich dahingefahren bin." Als das Werk in Husum vor knapp einem Jahr dichtgemacht wurde, war das für Jürgensen und seine Familie ein Schock. Sie wohnen bis heute rund 50 Kilometer von Husum entfernt in Elsdorf, im Elternhaus seiner Frau. Beide sind hier fest verwurzelt. Aber in der Nähe einen neuen Arbeitsplatz auf einem ähnlich hohen Niveau zu finden, das ist hier fast aussichtslos.

Aus Wut die Arbeitskleidung verbrannt

Jürgensen hat für seinen Job gekämpft, demonstrierte mit Kollegen in Husum und vor der Firmenzentrale Hamburg. Die Mitarbeiter entwickelten sogar ein Konzept, um aus der Produktion in Husum einen Wartungsstandort für Windkraftanlagen aller Hersteller zu machen - doch letztlich vergebens. Das Konzept blitzte bei der Firmenleitung ab. Stattdessen wurden im vergangenen Jahr immer wieder Durchhalteparolen gestreut: Es gäbe mehrere Kaufinteressenten für den Standort Husum, und viele Mitarbeiter könnten übernommen werden. Doch bis heute passierte - nichts. Die Hallen stehen noch so da, wie sie verlassen worden sind. Die ehemaligen Mitarbeiter dürfen sie nicht mehr betreten. Viele von ihnen waren so sauer, dass sie ihre Arbeitskleidung verbrannten.

Transfergesellschaft hilft

Bild vergrößern
Helge Jürgensen hofft, dass er in der Nähe seiner Heimat Elsdorf einen neuen Job findet, damit er nicht so weit fahren muss.

Helge Jürgensen wurde schnell klar, dass er sich neu erfinden muss. Er kam auf die Idee, Schweißfachmann zu werden. Das passt zu seiner Erfahrung mit Maschinen. "Vielleicht klappt es mit einem Job auf einer Werft", hofft Jürgensen. Seine Frau will ihm auf jeden Fall nicht zu viel zumuten - Hamburg vielleicht noch, aber nur, wenn er sich dort eine kleine Wohnung nimmt. "Das kann er nicht mehr wuppen mit dem Zwischenfahren, das würde ihn kaputt machen."

Der Lehrgang in Flensburg verbessert seine Chancen, den bekommt er auch bezahlt. Das macht die Transfergesellschaft "Wind" möglich, die im vergangenen Herbst gegründet wurde - für insgesamt etwa 440 Senvion-Mitarbeiter, die an acht Standorten betreut werden. Hauptziel ist es, alle fitzumachen für neue Jobs. Dazu gehören Bewerbungstrainings und Kommunikationskurse genauso wie individuelle Seminare, etwa der Schweißkurs von Helge Jürgensen. "Wind" wurde im Rahmen eines Sozialplans zwischen Firmenleitung, Betriebsräten und Gewerkschaften ausgehandelt. Die Mitarbeiter, die hier gelandet sind, bekommen vorübergehend Bezüge, die deutlich über dem Arbeitslosengeld I liegen.

Mit 46 Jahren nochmal auf die Schulbank

Das erleichtert Vieles. Außerdem werden regelmäßig Jobbörsen mit potenziellen Arbeitgebern veranstaltet. Mathias Wötzel, der früher im Betriebsrat war, geht davon aus, dass inzwischen 45 der gut 100 Mitarbeiter in der Transfergesellschaft von Senvion in Husum einen neuen Job gefunden haben. Auch Jürgensen hatte schon mehrere Stellen in Aussicht, arbeitete auch einige Male zur Probe. Doch entweder waren die Gehaltsangebote deutlich unter dem, was er bei Senvion bekommen hat, oder er müsste viel zu weit fahren.

"Dann lieber nochmal auf die Schulbank", erklärt Jürgensen. Inzwischen steht seine Abschlussprüfung als Schweißfachmann an. Dafür muss er 180 DIN-A-4 Seiten auswendig lernen, das Ganze auf einem Tablet-PC - was ihm nicht so leicht fällt. "Angst habe ich deswegen aber nicht. Man muss mit der Zeit gehen, ohne Weiterbildung kommst Du nicht weiter. Und schließlich habe ich noch 20 Jahre Arbeitsleben vor mir." Nach seiner Prüfung hofft Jürgensen auf einen Job, den er mit Herzblut machen kann, mit netten Kollegen und einem tollen Betriebsklima - so wie früher bei Senvion. "Ein paar Eisen habe ich noch im Feuer", sagt Helge Jürgensen und lacht.


06.03.2018 12:00 Uhr

Hinweis der Redaktion. In einer vorherigen Version hatten wir geschrieben, dass Senvion im März seine Pläne bekannt gegeben hatte, die Produktion größtenteils nach Polen und Portugal zu verlagern. Das stimmt so nicht. Sondern der Konzern gab damals bekannt, die Produktion ins kostengünstigere Ausland zu verlagern - unter anderem nach Portugal.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.03.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:38
Schleswig-Holstein Magazin
02:30
Schleswig-Holstein Magazin
02:20
Schleswig-Holstein Magazin