Kohlekraftwerk Wedel und der mühsame Kampf einer Bürgerinitiative

Stand: 19.02.2021 05:00 Uhr

Fünf Jahre streitet sich eine Wedeler Bürgerinitiative schon mit den wechselnden Betreibern des Kohlekraftwerks in ihrer Nachbarschaft - und den Überwachungsbehörden.

von Philipp Eggers

Kerstin Lückow sitzt an ihrem Küchentisch. Vor ihr das quergestellte iPad und eine Tastatur. Ihre Finger rasen über die Buchstaben, man hört Tippgeräusche und spürt ihre Konzentration. Keine Zeit für den Blick aus dem Küchenfenster, vor dem die Elbe fließt. Ihr Thema ist das Kohlekraftwerk Wedel (Kreis Pinneberg) in ihrer direkten Nachbarschaft. Sie muss einen neuen Anwalt finden - und Geld auftreiben, damit alle Rechnungen beglichen werden können. "Es ist unglaublich anstrengend. Es kostet unglaublich viel Zeit und auch unglaublich viel Geld. Ich habe teilweise sogar die Wochenenden durchgearbeitet und bin kaum dazu gekommen, meiner eigentlichen Arbeit nachzugehen", sagt Kerstin Lückow.

Jahrelanger Rechtsstreit mit Betreibern und Behörden

Im Jahr 2012 gründen Wedeler Bürger eine Bürgerinitiative. Eine von ihnen ist Kerstin Lückow. Damals wehren sie sich erfolgreich gegen das von Vattenfall geplante Mega-Kraftwerk. Seit 2016 drehen sich die Streitigkeiten aber nur noch um das Kohlekraftwerk. Ab 1961 gebaut ist es eins der Ältesten in Deutschland. Es gilt als marode. Aus den Schornsteinen kommen, so die Ansicht der Wedeler Bürger, saure und ätzende Partikel. Diese Partikel sorgen für Ätz-Schäden in Autolacken und auf Wintergärten, wie die Anwohner sagen.

Ein vom früheren Kraftwerksbetreiber Vattenfall in Auftrag gegebenes Gutachten ergab 2019 sogar, dass die Partikel mit pH-Werten von 1,9 und 1,6 teilweise so sauer sind, dass sie als ätzend für die Haut gelten und schwere Augenschäden verursachen könnten. Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) und das Gesundheitsministerium bestreiten eine Gesundheitsgefahr.

Teure Gutachten und Anwaltskosten

"Am Anfang hat sich die Firma Vattenfall für die ganzen Schäden entschuldigt und den Anwohnern Gutscheine für die Autowäsche angeboten. Die Aufsichtsbehörde in Kiel hat eine Anordnung erlassen, dass diese Partikelemissionen bis 31. August 2017 zu mindern sind", sagt Kerstin Lückow. Nach dem Stichtag war nach ihrer Aussage gar nichts gemindert. "Spätestens Ende 2017 hatten wir eine richtige Schadenserie - und was passierte dann? Dann wurde einfach nicht mehr gezahlt, so nach dem Motto: Jetzt darf ich keine Schäden machen, jetzt zahle ich die nicht mehr", ärgert sich die Wedelerin.

18 Gutachten hat die Bürgerinitiative deshalb im Laufe der Jahre selbst in Auftrag gegeben, um die Gesundheitsgefahr zu belegen und die Lackschäden konkret auf die Partikel des Kraftwerks zurückzuführen. Kostenpunkt für die Gutachten und die Anwälte: 270.000 Euro. Alles, damit der Partikelregen aufhört und das Kraftwerk instand gesetzt wird.

Spenden sammeln per E-Mail-Newsletter

Vor der Corona-Pandemie ging sie oft von Haustür zu Haustür, um Spenden zu sammeln. Jetzt läuft das alles per E-Mail und Newsletter. "Ganz oft nutze ich meinen Verteiler. Da schreibe ich einfach, dies und das und jenes muss bezahlt werden. Ich habe die und die Rechnung und bitte um Spenden. Oder eben dass wir auch persönlich gefragt haben. Ich kenne ja auch viele Leute hier. Oder wir haben uns einfach mal vorgestellt."

Organisation wichtig für den Erfolg einer Bürgerinitiative

Der Verwaltungsrechtler Jürgen Punke sagt, wichtig für den Erfolg von Bürgerinitiativen sei vor allem eine klare Organisationsstruktur und ein gemeinsam definiertes Ziel. Beachtlich sei neben dem vielen eingesammelten Geld vor allem der lange Zeitraum, in dem sich Kerstin Lückow und die Wedeler Bürger engagieren. "Das spricht für ein hohes Engagement und lässt sich auch nur aufrecht erhalten, wenn Personen beteiligt sind, die mit einem großen zeitlichen Aufwand die Dinge für die Bürgerinitiative organisieren. Das meint nicht nur Sprecher, sondern dazu gehört mittlerweile bei solchen Beträgen auch ein, man mag es kaum sagen, Verwaltungsaufwand."

Zugriff auf das Spendenkonto hat Kerstin Lückow nicht

Die Verwaltung des Geldes haben sie deshalb aufgeteilt. Kerstin Lückow kümmert sich darum, dass die Spenden reinkommen. Auf das Konto mit dem ganzen Geld hat sie aber keinen Zugriff. Die Spendenbereitschaft ihrer Mitbürger motiviere sie, weiterzumachen, sagt sie. "Also jetzt geben wir nicht auf. Wir haben am 12. Mai einen Gerichtstermin in Schleswig. Und bis dahin werden wir das wohl noch durchhalten." Angst, dass sie diesen Prozess verlieren könnten, sagt Kerstin Lückow, habe sie nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.02.2021 | 19:30 Uhr

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