Stand: 11.09.2019 05:00 Uhr

Klimawandel und Baumsterben: Krise ist auch Chance

von Anne Passow

Am Vorabend hat es geregnet. Die Blätter der Büsche sind noch feucht, Sebastian Bohne macht einen großen Schritt über eine Pfütze auf dem Waldboden. "Das reicht noch lange nicht aus, um die Dürre, die wir davor hatten, auszugleichen", sagt er. Der 36-Jährige ist Förster bei den Landesforsten und in Tangstedt (Kreis Stormarn) und zuständig für zehn Wälder mit einer Gesamtfläche von etwa 1.700 Hektar. Er will zeigen, welche Probleme seine Wälder haben - und wie er und seine Kollegen darauf reagieren. Bohne stößt mit dem Fuß in die feuchte Erde. "Wenn wir jetzt ein bisschen graben würden, dann würden wir gleich auf staubtrockenen Boden stoßen."

Wenn Wetter und Klima den Wald verändern

Grundwasserspiegel sinkt

Die Trockenheit und die Probleme der Wälder in Schleswig-Holstein sind heute auch Thema auf dem Waldgipfel der CDU-Fraktion. Dort sollen Wege gefunden werden, wie 15.000 Hektar Fläche in Schleswig-Holstein aufgeforstet werden können. Aufforstung gilt als effektiver Klimaschutz. Denn das Klima und das Wetter verändern sich. Die 173.000 Hektar Wald in Schleswig-Holstein müssen seit etwa zwei Jahren mit deutlich weniger Niederschlag als zuvor klarkommen.

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Das große Problem der Trockenheit zeigt sich auf ganz verschiedene Weisen. So sinkt der Grundwasserspiegel. Laut dem Verband der Waldbesitzer kommen viele Bäume mit ihren Wurzeln nicht mehr an das Wasser heran - und vertrocknen. Und die durch die Trockenheit geschwächten Bäume sind außerdem anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Der Borkenkäfer zum Beispiel geht gerne auf Fichten. Da unter anderem in der Nachkriegszeit viel Fichte aufgeforstet wurde, bestehen laut dem Thünen-Institut deutschlandweit etwa 25 Prozent des Waldes aus dieser Baumart. Das ist mit dem verstärkten Aufkommen des Borkenkäfers nun ein Problem für die Wälder.

"Da blutet einem schon das Herz"

"Die vergangenen zwei Jahre hatten wir hier eine richtige Borkenkäferkatastrophe", fasst Förster Bohne zusammen. Sein Revier ist von den Förstereien der Landesforsten mit am stärksten betroffen von der Käferplage. Es geht einen Waldweg im Tangstedter Forst entlang - und plötzlich steht man vor einer großen Lichtung. "Vor drei Jahren war das hier ein dichter Fichtenwald", sagt Bohne. Dann kam die Trockenheit - und der Borkenkäfer. Der Schädling bohrt sich in die Rinde der Bäume und unterbricht damit den Wasser- und Nährstofftransport. Die Bäume sterben ab. "Da blutet einem schon das Herz", sagt Bohne, seufzt und erzählt dann, wie er seit zwei Jahren versucht, die Schädlinge aus seinen Wäldern zu kriegen.

Befallenes Holz muss aus dem Wald

"Die einzige Chance ist, den Befall rechtzeitig zu erkennen", sagt Bohne - und führt zwischen Farn und Dornengestrüpp tiefer in das Unterholz. Am Stamm einer Fichte zeigt er auf dunkles Mehl am Boden. "Daran sehen wir, dass der Borkenkäfer in diesem Baum anfängt, seine Brutgänge zu graben." Auch wenn eine Fichte stark harzt, kann das ein Anzeichen für den Käfer sein. Sebastian Bohne und seine Kollegen versuchen dann, den Baum schnell zu fällen, aus dem Wald herauszuziehen und zu verkaufen.

"Die Larven dürfen sich gar nicht erst entwickeln. Das Holz muss aus dem Wald, bevor Zehntausende Käfer ausfliegen und andere Bäume befallen", so Bohne. Da aber Wälder in ganz Europa derzeit ein Borkenkäferproblem haben, gibt es aktuell ein Überangebot an Fichtenholz. Die Förster bleiben zum Teil auf ihrem Holz sitzen - und müssen für weniger Geld als sonst verkaufen. Eine weitere Maßnahme sind die Borkenkäferfallen mit Insektiziden, die nun erstmals seit Jahrzehnten wieder bei den Landesforsten eingesetzt werden. "Damit können wir das Problem zumindest eindämmen", so Bohne.

"Wir brauchen einen Mischwald"

Langfristig, sagt er, müsse man aber dem Fakt Rechnung tragen, dass sich die Wetterbedingungen veränderten. "Deshalb müssen wir den Wald umbauen", so Bohne. "Wir müssen weg von Monokulturen. Wir brauchen einen Mischwald mit verschiedenen Nadel- und Laubbaumarten." Nur so könne verhindert werden, dass ein Schädling, wie der Borkenkäfer, ganze Wälder niederstrecke, wie es zum Beispiel im Harz passiert ist. Dort, wo der Borkenkäfer die Fichten in Sebastian Bohnes Wäldern platt gemacht hat, ist es inzwischen aber nur noch auf den ersten Blick kahl. "Gucken Sie mal nach unten", fordert Bohne auf - und tatsächlich: Auf der Lichtung tut sich was. Zig junge Bäume kämpfen darum, groß zu werden: Laubbäume wie Eichen, Birken und Buchen sieht man hier und Nadelbäume wie Douglasien, Kiefern - und die ein oder andere junge Fichte, die es trotz Borkenkäfer doch nochmal versuchen will. Teilweise hat Sebastian Bohne die jungen Bäume gepflanzt. Teilweise haben sie sich selbst ausgesät.

Umbau hat schon begonnen

Nicht jeder Baum wird es schaffen. "Hier, die jungen Buchen brauchen eigentlich Schatten. Die wären besser gekommen, wenn die Fichten noch gestanden hätten", meint Bohne und reibt ein vertrocknetes Blatt einer jungen Buche zwischen seinen Fingern. Trotzdem: "Ich sehe die Trockenheit und die Borkenkäferplage auch als Chance", sagt der Förster. Die Chance, den Wald umzubauen - und die reinen Fichtenbestände, die in der Nachkriegszeit aufgeforstet wurden, auszutauschen durch Laubbäume und andere Nadelhölzer. "Mein Vorgänger hat mit dem Umbau ja schon angefangen", so Bohne. Durch den teilweise Kahlschlag, den der Borkenkäfer hinterlassen hat, geht nun alles ein bisschen schneller.

"Man braucht eine gewisse Ruhe"

Wenn Bohne in etwa 30 Jahren sein Revier an seinen Nachfolger übergibt, dann glaubt er, wird die Fichte kaum noch vertreten sein. "Ich werde wahrscheinlich einen Mischwald übergeben, mit vielen jungen Laubholzbäumen, mit einigen Douglasien - und wenigen Fichten, die die Katastrophe überlebt haben." Wie genau diese Bäume mit den neuen Wetterbedingungen klarkommen, das kann Sebastian Bohne heute noch nicht einschätzen. Auch ob neue Baumarten aus wärmeren Ländern die Lösung sind, die deutschen Wälder langfristig zu erhalten, kann er nicht sagen. "Klimaveränderung heißt ja nicht nur Trockenheit. Das kann ja auch extreme Niederschläge bedeuten", merkt er an.

Im Moment arbeitet er mit den Bäumen, die auch jetzt schon in seinem Wald wachsen. Er versucht eben nur, eine bessere Durchmischung der verschiedenen Arten hinzukriegen. Bohne betont: "Als Förster braucht man eine gewisse Ruhe. Wir können nicht, wie in der Landwirtschaft, im nächsten Jahr ein anderes Getreide anbauen. Wir müssen warten, wie sich der Wald entwickelt." In vielleicht 50 Jahren wird man sehen, wie sich der Mischwald bewährt, den Bohne und seine Kollegen jetzt anlegen.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.09.2019 | 08:00 Uhr

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