Illegale Waldbauten in SH nehmen durch Corona zu

Stand: 29.05.2021 06:00 Uhr

Viele Menschen haben seit Beginn der Corona-Pandemie die Natur als Erholungsort für sich entdeckt. Doch einige nutzen die Wälder illegal für Survival-Trainings.

von Elin Halvorsen

Im Segeberger Forst werden militärisch anmutende Anlagen mit Feuerstellen gebaut, im Gemeindewald Barsbüttel hüfthohe Schützengräben ausgehoben. Seit er diese Bauten gefunden hat, kontrolliert Christoph Büll seinen Abschnitt regelmäßig. Er ist der neue Sachbearbeiter für Umweltangelegenheiten in Barsbüttel (Kreis Stormarn). Erst Ende letzten Jahres hatte er den Posten übernommen und bei einem Rundgang in seinem neuen Bereich zufällig die Bauten entdeckt. "Die waren schon in einer sehr gut versteckten Ecke, ich kann nicht sagen, wie lange die dort schon sind, aber sowas habe ich noch nicht gesehen."

Viel Müll ist schon weg

Auf dem Waldboden hat Büll Plastikkugeln von Softair-Pistolen gefunden - auch etwas, dass nicht in den Waldboden gehöre, sagt er. Etliche Autoreifen, alte Kanister, einen Spaten, große Metalltonnen, Plastik- und Verpackungsmüll hat er bereits abtransportieren lassen. "Hier wurden lange Nägel und Schrauben verbaut, da wollte jemand, dass das wirklich für lange Bestand hat", sagt er. Die Anlage müsse über einen längeren Zeitraum errichtet worden sein, das sei nicht mal eben am Wochenende zu schaffen, glaubt Christoph Büll. Noch immer liegen hier kaputte Stühle, verkohltes Holz und große Plastikteile.

"Bushcrafting" in Segeberg?

Ähnlich wie Barsbüttels Sachbearbeiter für Umweltangelegenheiten geht es auch Förster Matthias Sandrock. Er hat in seinem Revier, dem Segeberger Forst, schon seit einiger Zeit mit der Zunahme an illegalen Bauten zu kämpfen. Die Palisadenfestung und andere Burgen ordnet der Förster einer Szene zu, die sich Bushcrafting nennt - zu deutsch: Busch-Handwerk. Dabei handelt es sich um naturverbundene Personen, die Überlebenstraining mit einfachen Mitteln in freier Wildbahn erproben. Viele Bushcrafter achten die Natur, doch die illegale Szene ist seit Corona deutlich aktiver geworden. In seinem Forst findet Sandrock vermehrt Tarnnetze, Planen, um geschützt übernachten zu können und überdachte Lager für Feuerholz.

Ausmaß der illegalen Bauten ist neu

Dabei handelt es sich nicht mehr um Buden, wie Kinder sie mal bauen - das störe niemanden, da sind sich Förster und Sachbearbeiter einig. Die Größenordnung sei das Problem. Sie schade dem Wald und Wild, gerade in der Brut- und Setzzeit. Das Wild ziehe sich zurück ins Dickicht, käme nicht mehr an Flächen zum Grasen. "Wir haben hier seltene Vogelarten und viele Bodenbrüter, die bei Unruhe flüchten und die Eier im Nest zurück lassen", sagt Förster Matthias Sandrock.

Viele Anfragen zu Survival-Training

Normalerweise verstehen sich Bushcrafter als waldschützende oder als solche, die im Einklang mit der Natur existieren. Sie kennen den Wald und haben den Grundsatz "Leave no trace", hinterlassen also weder Müll noch sonstige Spuren im Wald. Matthias Sandrock bekommt schon seit Pandemiebeginn ständig Anfragen aus der Szene, ob Übernachtungen im Wald möglich wären, manchmal auch vereinzelt von Familien, die ein Lagerfeuer machen möchten. "Ich sage den natürlich allen ab. Nachts braucht der Wald Ruhe - und Feuer ist das letzte was wir im Wald gebrauchen können", sagt er. Wenn er einer Gruppe erlauben würde Survival-Training im Wald zu machen, müsste er es allen erlauben. Das würde der Wald nicht verkraften, sagt er.

Wurzeln zum Teil zerstört

Christoph Büll hockt an einem Schützengraben und fotografiert. Er dokumentiert den Zustand der Bäume. "Bei vielen Bäumen ist fast die Hälfte der Wurzeln zerstört, das führt dazu, dass die Pflanzen kein Wasser mehr aufnehmen können und keinen Halt mehr im Boden haben", sagt er. Außerdem könnten so schnell Pilze eindringen und der Baum verfaulen. Die Gräben hätten hier eine Brachfläche hinterlassen, auf der nichts mehr wächst, sagt er.

Bislang keine Lösung in Sicht

Förster Matthias Sandrock sammelt eine Glasschale ein. "Die darf hier natürlich nicht liegen bleiben, bis wir die großen Hölzer abgebaut haben. Feuer können wir gar nicht im Wald gebrauchen", sagt er. Dafür hat er eine Nulltoleranzgrenze, so wie für den Einsatz von Äxten oder Sägen im Forst. Trotzdem wünscht er sich legale Flächen, auf denen so etwas zukünftig möglich sein soll, denn er hat auch Verständnis dafür, dass die Menschen in Corona-Zeiten raus müssten. Ihm schwebt ein Tummelplatz für Kinder vor und ausgewiesene Areale, wie es sie bereits für Hundehalter und Hundehalterinnen gibt - "nur eben für Survial-Training-Verrückte.". In Barsbüttel wird Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Gräben werden schnellstmöglich wieder mit Erde zugeschüttet, so dass sich der Wald wieder erholen kann. Außerdem soll jetzt mehr kontrolliert werden, um neue illegalen Bauten zu verhindern.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.05.2021 | 19:30 Uhr

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