Eine rothaarige Frau steht an einer Reeling an einem Hafen. © NDR Foto: Christoph Klipp

"Ich kann niemals mehr zurück in meine Heimat"

Stand: 16.08.2021 20:00 Uhr

Die Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen. Afghanen aus Schleswig-Holstein sind entsetzt über die Lage in ihrem Heimatland. Sie machen sich Sorgen um ihre Familien oder müssen selbst um ihr Leben fürchten.

von Christian Wolf

Wolken bedecken den Kieler Himmel, es nieselt immer wieder an diesem Montagnachmittag. Die junge Frau möchte unerkannt bleiben, sie hat viel zu viel Angst, dass ihrer Familie in ihrer afghanischen Heimat etwas passieren kann. "Ein Schriftsteller hat sich in sozialen Medien kritisch über die Taliban geäußert. Dann verschwand er, jetzt ist er tot", erzählt die 33-Jährige. Immer wieder muss Shamsia gegen die Tränen ankämpfen und Luft holen. Es fällt ihr schwer zu begreifen, was gerade in Afghanistan passiert. Seit sechs Jahren lebt sie in Kiel, weil sie vor den Taliban flüchten musste: "Ich bin eine Menschrechtsaktivistin und habe damals Drohbriefe bekommen. Als dann Menschen gestorben sind, wusste ich, dass ich weg muss."

Shamsia: "Ich werde meine Familie nie wiedersehen"

Shamsia baut sich in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt ein neues Leben auf und studiert an der Christian-Albrechts-Universität Internationale Politik und Internationales Recht. Sie möchte den Menschen in ihrer Heimat helfen und hat immer wieder davon geträumt, an den Hindukusch zurückzukehren. "Ich weiß jetzt, dass ich niemals mehr in meine Heimat zurück kann und meine Familie nie wiedersehen werde", sagt sie mit Tränen in den Augen. Sie versucht sich jetzt, hier in Deutschland für die Menschen in Afghanistan einzusetzen: "Ich möchte jedem helfen, nicht nur meiner Familie, damit sie raus können. Wir haben auch schon Briefe geschrieben an alle möglichen Hilfsorganisationen", sagt Shamsia und fügt an: Unter der Regierung der Taliban, könne kein Mensch leben.

Jawad: "Kiel war beste Zeit meines Lebens"

So sieht es auch Jawad. Genauso wie Shamsia hat er Angst, seine Identität zu nennen. Der junge Mann hat vier Jahre lang in Kiel gelebt: "Das war die beste Zeit meines Lebens." Doch 2016 muss er das Land verlassen und zurück nach Afghanistan. Für ihn sei es das Schlimmste, was passieren konnte. "Ich wollte nach meinem Master-Studium der Agrarwissenschaften an der Kieler Uni hierbleiben. Ich habe aber keine Aufenthalts-Genehmigung bekommen", erklärt der 35-Jährige.

Seit Tagen versteckt er sich mit seiner Frau uns seinen drei Kindern in der afghanischen Hauptstadt Kabul. "Es ist draußen sehr ruhig, aber immer wieder fahren die Taliban mit ihren Militär-Jeeps durch die Straßen", sagt der Familienvater. Die Machtübernahme der Taliban macht Jawad sehr zu schaffen: "Wenn man über Gefängnisse spricht, dann ist es so, dass die Menschen in einem Raum eingesperrt werden. Hier werden aber die Gedanken eingesperrt, so fühle ich mich gerade."

Hoffnung auf Frieden

Die Stimmung in der Hauptstadt Kabul beschreibt Jawad als ruhig, Feuergefechte gebe es keine. "Die Menschen haben Angst, bleiben zu Hause und wer weiß, was die Zukunft uns bringt. Ich glaube, dass alles ist der Anfang von etwas ganz Schrecklichem", meint der 35-jährige Absolvent der Christian-Albrechts-Universität. Vor allem fragt er sich, was wohl als Nächstes passieren wird, was die Taliban ankündigen werden. Viele seiner Freunde versuchen, so wie Tausend anderer Afghanen auch, einen Flug aus dem Land zu bekommen.

"Ich kann nicht weg, ich habe drei Kinder, wie sollen wir flüchten", fragt Jawad. Auch wenn die Taliban jetzt das Sagen in seiner Heimat haben, hofft der junge Afghane dennoch auf Frieden: "Der beste Platz zu leben ist immer die eigene Heimat. Die Menschen hier haben es verdient, in Frieden zu leben. Vielleicht haben sich die Taliban verändert und werden friedlich regieren. Wir wissen es nicht, können es aber für uns alle hoffen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.08.2021 | 17:00 Uhr

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