Hilfe für Feuerwehren: Spezialdecke für E-Auto-Brände

Stand: 06.10.2020 05:00 Uhr

Wenn ein E-Auto brennt, kann das lange dauern - und für die Umwelt schädlich sein. Die Akkus entzünden sich immer wieder. Eine Spezialdecke aus Norwegen soll Feuerwehren helfen.

von Lena Haamann

"Auf dem Rastplatz Moorkaten an der A7 hat ein Mini Feuer gefangen." Auch dass es sich dabei um ein Elektroauto handelt, geht aus dem Notruf hervor, den Einsatzleiter Claas-Hendrik Heß und die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) im Mai vergangenen Jahres erhalten. Also wappnen sie sich mit speziellen Schutzanzügen und Atemschutzmasken, bevor sie sich dem brennenden Kleinwagen nähern. Denn der Akku setzt hochgiftige Dämpfe und Säuren frei. Der Vorfall zeigt: E-Auto-Unfälle sind bisher eine große Herausforderung für die Feuerwehr.

Problem: Das "Thermische Durchgehen"

Der Akku besteht aus Hunderten einzelnen Zellen. Gerät er in Brand, heizen brennende Zellen ihre Nachbarzellen auf, bis diese auch anfangen zu brennen. Das bezeichnet man auch als "Thermisches Durchgehen". Durch diese Kettenreaktion kann sich ein E-Auto immer wieder selbst entzünden, auch wenn es schon einmal gelöscht worden ist - und das sogar Tage später noch. Ein brennendes Elektroauto muss dauerhaft gekühlt werden.

Löschen im Container ist aufwendig und teuer

Also ordert Einsatzleiter Claas-Hendrik Heß vergangenen Frühsommer über die Leitstelle einen Telekran und einen Container. Den fluten die Kameraden mit Löschwasser und versenken das E-Auto mit dem Kran darin. Die Gefahr ist gebannt. Aber so ein Löschverfahren kostet Zeit, ist aufwendig und teuer. An einigen Orten, wie zum Beispiel in Tiefgaragen oder auf Fähren, ist es gar nicht möglich.

Einsatzkräfte der Feuerwehr bei einer Übung mit einem brennenden Auto. © Feuerwehrverband Segeberg
Wenn beim Löschen kein Wasser benötigt wird, kann auch kein Wasser durch die Akkus der E-Autos kontaminiert werden.

Und mit dem Löschen an sich ist es noch nicht getan. "Die Entsorgung stellt uns vor das nächste Problem", sagt Einsatzleiter Heß. Denn die Akkus sondern Flusssäure aus, die das Löschwasser kontaminiert. "Was passiert mit dem Wasser? Und wie wird das Fahrzeugwrack entsorgt, das auch nach Tagen noch wieder in Brand geraten kann? Das sind alles Fragen, die noch nicht geklärt sind", sagt Heß.

77.200 angemeldete E-Autos in diesem Jahr

Nach dem Einsatz macht sich Jörg Nero, Kreiswehrführer in Segeberg, Gedanken, wie man Elektroautos einfacher löschen könnte. Noch sind Vorfälle wie der mit dem brennenden Mini selten, aber E-Autos sind auf dem Vormarsch. Seit 2015 hat sich die Anzahl der Neuzulassungen fast verdreifacht. Allein seit Jahresbeginn wurden rund 77.200 E-Autos angemeldet - so viele wie noch nie. Insgesamt sind auf deutschen Straßen rund 136.000 strombetriebene Fahrzeuge unterwegs.

Die Löschdecke ist fast 40 Kilogramm schwer

Bei seiner Recherche stößt Kreiswehrmeister Nero auf eine Löschmethode, die in Skandinavien genutzt wird, wo E-Mobilität schon weiter verbreitet ist: eine Löschdecke, fast 40 Kilogramm schwer. Als er sich die Löschwirkung vorführen lässt, ist er sofort überzeugt - und bringt auch die Politik auf seine Seite. 282.000 Euro stellt der Kreis der Feuerwehr zur Verfügung, für 116 Löschdecken, eine für jede Wehr.

Hitzebeständig bis zu 1.000 Grad durch Quarzsand

"Augenkontakt halten und dann beherzt ziehen", erklärt der Kreiswehrführer den Kameraden der Feuerwehr Kaltenkirchen, an die er die Decke als erstes ausgeliefert hat. "Der Umgang ist eigentlich ganz einfach, Übung braucht es trotzdem." Zwei Feuerwehrleute laufen mit der Decke auf das Übungsauto zu, aber brechen vorher ab. Sie waren zu weit vom Auto entfernt gestartet und konnten die Decke nicht mehr halten.

Beim zweiten Versuch klappt es. Sie legen die Decke über das Auto und stecken sie unten fest. "Das ist wichtig, damit kein Sauerstoff mehr an den Brand gelangt", sagt Nero. Die Decke kann bis zu 1.000 Grad Hitze standhalten, 48 Stunden lang. "Zwar ist sie nur einen Millimeter dick, aber extrem engmaschig gewebt und mit Quarzsand versehen", erklärt der Kreiswehrführer.

Für den Einsatz sind nur zwei Personen nötig

Bis zu 50 Mal kann die Decke eingesetzt werden, überall und sofort. "Man braucht nur zwei Personen dafür. Und wir setzen kein Wasser ein, haben keine Kontamination von Löschwasser in die Kanalisation und die Umwelt", sagt Nero.

Die Feuerwehr Kaltenkirchen fühlt sich jetzt besser gewappnet für den Fall eines E-Auto-Brandes. Bis Ende der Woche sollen auch alle anderen Wehren im Kreis mit den Decken versorgt sein - als erste in Schleswig-Holstein.

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Schleswig-Holstein Magazin | 06.10.2020 | 19:30 Uhr

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