Stand: 11.12.2019 16:05 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Herabgestuft wegen der sozialen Herkunft?

von Christian Schepsmeier, Constantin Gill

Niemand weiß, was aus ihnen geworden wäre, wenn sie damals nicht misshandelt worden wären: Heimkinder, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in Psychiatrien und Heimen, auch in Schleswig-Holstein, untergebracht waren. Sie leiden heute noch an den Folgen von Schlägen, sexuellem Missbrauch oder Medikamentenversuchen. Man habe sie um ihre Chancen gebracht, sagte Sozialminister Heiner Garg (FDP) vor einem Jahr auf einer Veranstaltung im Landeshaus zu Ehren ehemaliger Heimkinder.

Auch Franz Wagle war damals dabei. An ihm wurden im Landeskrankenhaus Schleswig Medikamente erprobt. Auch er wurde also um seine Chancen gebracht. Niemand weiß, was aus ihm geworden wäre. Das dachte Franz Wagle zumindest. Doch von einer Landesbehörde hat er gerade schwarz auf weiß bekommen, dass aus ihm - auch ohne die schrecklichen Erlebnisse im Heim - wohl ohnehin nichts geworden wäre.

Amt: Wagle hätte keine Berufsausbildung gemacht

Es geht um seinen Antrag auf Berufsschadensausgleich. Opfer von Gewalttaten können ihn beantragen - quasi als Ausgleich für entgangenes Einkommen im Job. Im Fall Franz Wagles erkennt das Landesamt für soziale Dienste seine geistigen und körperlichen Schäden an, etwa eine posttraumatische Belastungsstörung und chronische Schmerzen. Wagle bekommt also Geld. Wie viel, das hängt allerdings davon ab, wie viel er vorher verdient hat - oder verdient hätte, denn Wagle hat nach seinem Aufenthalt im Heim nie einen Beruf erlernt.

In dem Bescheid des Landesamtes heißt es: "Es ist nicht anzunehmen, dass Sie eine Berufsausbildung abgeschlossen hätten." Diese Einschätzung machen die Beamten an den Familienverhältnissen Wagles fest: "Ihre Eltern waren nicht in der Lage, ihre Erziehung zu gewährleisten, so dass ihnen das Sorgerecht entzogen wurde." Über die Berufsausbildung der Eltern sei nichts bekannt, heißt es im Schreiben weiter - es sei "unwahrscheinlich", dass sie eine hätten. Der Vater sei minderbegabt und gewalttätig gewesen, so heißt es. Das Fazit: "Aus diesen Umständen ist zu schließen, dass Sie von Ihren Eltern keine Unterstützung erfahren haben und Sie auch ohne die Schädigung keine Berufsausbildung abgeschlossen hätten."   

Sozialministerium: Amt ist an Bundesgesetze gebunden

Für Franz Wagle ein Schlag ins Gesicht. "Die stellen mich als Deppen dar", sagt er. Nach seiner Heimzeit habe er den Schulabschluss nachgeholt, einen Lkw-Führerschein gemacht und auf dem Bau gearbeitet. "Und dann kriege ich zu hören, aus mir wäre nichts geworden." Und das verletzt ihn - viel mehr als die Tatsache, dass er den niedrigstmöglichen Satz gezahlt bekommt.

Das Sozialministerium, in dessen Bereich das Landesamt für soziale Dienste angesiedelt ist, will sich zum konkreten Fall nicht äußern - und verweist auf Bundesgesetze. An die müsse sich das Amt halten, so ein Sprecher. Und: Der Berufsschadensausgleich sei auch nur ein Teil einer möglichen Opferentschädigung. Das Land hat bisher insgesamt rund 6,9 Millionen Euro über die Stiftung Anerkennung und Hilfe an betroffene Heimkinder in Schleswig-Holstein ausgezahlt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.12.2019 | 17:00 Uhr

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