Einsatz-Veteran zur Afghanistan-Krise: Warum musste das alles so kommen?

Stand: 17.08.2021 13:30 Uhr

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat viele überrascht. Rüdiger Hesse war als Soldat drei Mal im Einsatz am Hindukusch. Für ihn sei das jetzige Chaos nicht nachvollziehbar, sagt er im Interview.

Rüdiger Hesse aus Brekendorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) war mehrere Male als Aufklärer in Afghanistan im Einsatz. 2009 in Kunduz, 2011 in der Baghlan-Provinz und 2014 in Masar-e Scharif. Der Einsatz-Veteran hat dabei das Land und die Menschen kennengelernt. Er erlebte Massengräber, Minenfelder, Raketennächte, Anschläge - und tote Kameraden. Die militärische Laufbahn hinterließ bei dem 54-Jährige Spuren. Er leidet an einer posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Im Interview mit NDR.de spricht Hesse über seine Zeit am Hindukusch, die Fehler der Politik und sein Unverständnis für die späte Evakuierung der Menschen aus Kabul.

Herr Hesse, wenn Sie an ihre Zeit in Afghanistan zurückdenken, was sind da Ihre schönsten Erinnerungen?

Rüdiger Hesse: Die Gastfreundlichkeit der Menschen, wie die Kinder sich über einfachste Dinge wie ein Radiergummi freuen konnten. Und natürlich die atemberaubende Schönheit des Landes.

Was sind Ihre schlimmsten Erinnerungen an Ihre drei Afghanistan-Einsätze?

Hesse: Selbstmordanschläge, Angriffe aufs Lager, Hinterhalte, Raketenangriffe. Also tatsächlich alles, was man als Soldat erleben kann, habe ich in Afghanistan am eigenen Leib erfahren.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die aktuellen Bilder in Afghanistan sehen - die dramatischen Szenen am Flughafen von Kabul mit verzweifelten Menschen, die versuchen in Flugzeuge zu gelangen? Die Taliban, die überall im Land Posten beziehen?

Heese: Wir hatten ja als Soldaten einen Auftrag gehabt, nämlich ein sicheres Umfeld zu schaffen. Das ist uns ja auch etwa 10 von insgesamt 20 Jahren dort ganz gut gelungen. Als ich jetzt die Bilder gesehen habe, da habe ich mich schon als Einsatz-Veteran gefragt, warum musste das jetzt alles so kommen, wie es gekommen ist.

Alles, was jetzt passiert, wird ja vermutlich auch Folgen für die Menschen haben, die mit dem Westen zusammengearbeitet haben?

Heese: Natürlich haben wir, wie jede andere Nation auch, die sogenannten Ortskräfte - vom Tellerwäscher bis zum Dolmetscher - genutzt. Natürlich fühlen die sich jetzt zu Recht im Stich gelassen und auch verraten, was ich sehr gut verstehen kann. Meiner Meinung nach haben wir eine Pflicht, diesen Menschen jetzt zu helfen.

Sprechen Sie auch mit anderen Veteranen über die aktuelle Lage?

Heese: Natürlich wird das Thema unter uns Afghanistan-Veteranen gerade heiß diskutiert. Von Wut, Verzweiflung, Traurigkeit sind da gerade alle Gefühle dabei. Wir haben Zeit und Kraft in die Mission gesteckt und teilweise Leib und Leben verloren. Und jetzt stellt sich jedem die Frage, war es das wert? Für mich persönlich ist es, weil ich Kontakt zur afghanischen Bevölkerung hatte, einfach nur eine Tragödie. Mein größtes Opfer ist meine Erkrankung, meine PTBS. War es das wert? Da bin ich mir nicht sicher.

Was glauben Sie, wird die Zukunft für Afghanistan bringen?

Heese: Meine große Hoffnung ist, dass unser 20-jähriges Engagement dort nicht umsonst war und viele Impulse ausgelöst hat. Die Menschen haben ja etwas völliges anderes erfahren und konnten etwas anderes machen - beispielsweise Zugang zu Bildung bekommen. Daher hoffe ich, dass diese Saat aufgeht und das stolze afghanische Volk seinen Frieden findet. Denn das haben die Menschen dort einfach verdient.

Das Interview führte Christian Wolf

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Schleswig-Holstein Magazin | 17.08.2021 | 19:30 Uhr

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