Biogas aus Gemüseresten: "Energielandwirt des Jahres" kommt aus SH

Stand: 13.10.2022 12:34 Uhr

Das Nachrichtenportal "agrar heute" kürt jedes Jahr die besten Landwirte in ganz Deutschland mit dem CeresAward. Rainer Carstens aus Friedrichsgabekoog wurde als Energielandwirt des Jahres ausgezeichnet.

von Sven Jachmann

"Er hat viele innovative Ideen im Bereich erneuerbare Energien umgesetzt und verfolgt konsequent das Ziel, seinen Betrieb komplett mit eigener regenerativer Energie zu versorgen", so die Begründung der Jury.

Neue Biofrostanlage soll CO2-frei laufen

Rainer Carstens stellt Tiefkühlgemüse her - als einzige Frosterei Deutschlands verarbeitet er ausschließlich Biogemüse. Zur Zeit erweitert der Gemüsebauer seinen Hof um eine neue Biofrostanlage. Dazu zählen: eine Wasseraufbereitungsanlage, ein Wärmespeicher und ein Hochregallager. Die gesamte Produktion soll ausschließlich mit regenerativer Energie aus eigener Erzeugung gespeist werden; vollständig CO2-frei.

"Wenn ich an meine Geschichte denke, spielt Energie eine ganz große Rolle." Landwirt Rainer Carstens

Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 setzte Rainer Carstens immer mehr auf ökologischen Anbau. "Jeder muss irgendwie etwas für die Umwelt tun", sagt der Landwirt. "Und ich habe dann eben umgestellt auf Biolandbau."

Umstellung auf Öko-Landbau als Investition in die Zukunft

55 Millionen Euro investierte er in die Erweiterung seines Unternehmens. Vom Bund kamen 6,8 Millionen. Carstens will seinen Betrieb möglichst nachhaltig, aber auch mit großer Effizienz führen.

"Die Nachfrage nach Biolebensmitteln wächst und wächst. Um weiterhin überlebensfähig zu sein, müssen wir erweitern, um mehr Gemüse verkaufen zu können." Landwirt Rainer Carstens

Carstens will seinen drei Kindern einen Hof überlassen, der die nächsten Jahre nicht nur irgendwie übersteht, sondern auf Erfolgskurs bleibt. Ende kommenden Jahres sind die neuen Anlagen einsatzbereit. Dann soll im Schichtbetrieb rund um die Uhr Biogemüse verarbeitet werden - 240 Tonnen pro Tag. Bereits jetzt kommt jede fünfte frische Biokarotte in den Supermärkten von seinen Feldern.

Das Ziel: Produktionskreisläufe effizient nutzen

Energie-Landwirt Rainer Carstens. © NDR Foto: Sven Jachmann
Rainer Carstens erhielt die Auszeichnung als "Energielandwirt des Jahres".

In der neuen Frosterei wird das Gemüse mit heißem Wasserdampf blanchiert, damit es keimfrei gefrostet wird. Die Abwärme wird einem Wärmespeicher zugeführt. Das Gemüsewasser aus der Produktion wird gereinigt, in einer fünf Hektar großen Lagune gesammelt und im Sommer zur Beregnung der Felder verwendet. "So entsteht ein Kreislauf, weil das Wasser wieder in den Produkten landet." Auf diese Weise will Carstens das Trinkwassernetz um etwa 60.000 Kubikmeter pro Jahr entlasten.

Auch die Gemüseschalen aus der Schäl-Anlage werden wiederverwertet. Sie werden in Biogas umwandelt, mit dem Gas wird geheizt. "Wir können regenerative Energie und Nahrungsmittel erzeugen, dann hat man alles, was man braucht", sagt Rainer Carstens lachend. Sein vier Hektar großes Gewächshaus wird bereits zu 100 Prozent durch die Abwärme der Biogasanlage geheizt. Sein Ziel ist es, einen geschlossenen Energie- und Nährstoffkreislauf auf seinem Betrieb zu schaffen.

Biogemüse auf 1.200 Hektar

1987 übernahm Carstens den Hof von seinen Eltern. 1989 stellte er auf Bio um. Der Westhof wuchs dank Bio von 60 auf zunächst 110 Hektar. Heute verarbeitet Carstens auf seinem Betrieb bis zu 40.000 Tonnen Biogemüse auf 1.200 Hektar im Jahr. Rund 30 Biohöfe gehören zu seinen Zulieferern. Er baut sowohl auf Feldern als auch in Gewächshäusern Gemüse an.

"Die Diskussion, wie das weiter geht mit Bio, führe ich schon seit 35 Jahren. Der Trend ist nicht mehr aufzuhalten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Weg der richtige ist. Für mich gibt es keinen anderen Weg." Landwirt Rainer Carstens

Urte Meves: Nominiert zur Unternehmerin des Jahres

Landwirtin Urte Meves füttert gemeinsam mit einer Gruppe Kinder einen Ziegenbock. © NDR Foto: Sven Jachmann
Landwirtin Urte Meves bezeichnet sich selbst als soziale Landwirtin.

Auch Urte Meves aus Eddelak (Kreis Dithmarschen) schaffte es in die Finalrunde. Die Landwirtin und Pädagogin war in der Kategorie Unternehmerin des Jahres nominiert - für einen Award reichte es nicht. Allein die Nominierung habe sie jedoch sehr gefreut. Meves empfängt auf ihrem Hof regelmäßig Kinder, Senioren, gestresste Menschen und Patienten mit Demenz. 130 Tiere leben auf dem Hof: Darunter Kühe, Schafe, Schweine, Ponys, Hühner und Kaninchen. Viele von ihnen werden als Therapie-Tiere eingesetzt.

Erlebnishof für Kinder und an Demenz erkrankte Menschen

"Hühner sind sehr geduldig und sind deshalb ideal für Demenzkranke", erklärt die Landwirtin. Die Hühner legen ihren Kopf schief, als hörten sie den Menschen zu, sagt sie. "Die Patienten haben dann einen Gesprächspartner. Es ist interessant und bewegend, was man mit Tieren auslösen kann." Es seien ungewöhnliche Therapiestunden, die die Betroffenen auf ihrem Hof erleben können. Die meisten ihrer Besucher reagieren positiv, wenn sie mit den Tieren in Kontakt kommen. Zwar ist es häufig kalt und es weht ein Wind, wenn die Gruppen bei ihr ankommen. "Doch die Tiere brechen das Eis und die Menschen sind gelöst," sagt Evers.

Umbau inspiriert von der Krankheit des Vaters

2017 diagnostizierten Ärzte bei Urte Meves' Vater Demenz. "Dann habe ich gedacht, dass ich mehr über die Krankheit erfahren muss", erzählt sie. Schon vorher hatte sie den Hof Stück für Stück zu einem Erlebnishof umgebaut. Ihre Erkenntnis nach mehr als zehn Jahren sozialer Arbeit:

"Das Herz wird nicht dement. Hier wird ganz viel gelacht und auch geweint. Geweint vor Glück." Landwirtin Urte Meves

Meves berichtet, wie einige der Demenzkranken wieder anfangen zu sprechen und Reaktionen zeigen. Sie öffnen sich, zumindest den Tieren gegenüber. Eine ihrer demenzkranken Besucherinnen war Gestütbesitzerin und eine begeisterte Reiterin. Als sie bei Meves dann wieder auf einem Pferd saß, sagte sie plötzlich: "So, jetzt kann ich bestimmt auch wieder Galopp."

Von der Landwirtin zur Bauernhofpädagogin

Meves träumte schon als Kind davon, dass ihr Hof ein spezieller Ort werden sollte. 2013 absolvierte sie an der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein einen Lehrgang zur Bauernhofpädagogin. Ihre Gäste sollen in eine andere Welt eintauchen, gemeinsam mit den Tieren neue Erfahrungen machen. Heute bezeichnet sich Meves als soziale Landwirtin.

"Ich will Glücksmomente verschenken." Landwirtin Urte Meves

Die Landwirtschaft ist ihr Nebenerwerb. Der Hof ist eigentlich ein Mutterkuh-Betrieb. Den will sie als nächstes um einen Naturkindergarten erweitern.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.10.2022 | 08:00 Uhr

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