Artensterben: Voller Einsatz für das Rebhuhn im Kreis Pinneberg

Stand: 17.10.2021 05:00 Uhr

Die Ackerlandschaften Schleswig-Holsteins eignen sich schon lange nicht mehr zum sicheren Brüten für Rebhühner. Auch ausreichend Nahrung finden sie kaum. Im Kreis Pinneberg haben sich Jäger etwas einfallen lassen.

von Lena Haamann

Hans Wörmcke läuft an der Kante eines Maisfelds entlang und beugt sich nach unten. Er sucht Wildschweinspuren. Wenn er früher hier unterwegs war, in seinem Jagdrevier in Heist im Kreis Pinneberg, hat er auch immer Spuren von Rebhühnern entdeckt, ihr schnarrendes "girrhäk" gehört und die Vögel auf den Feldern gesehen. Mehr als 100.000 Brutpaare gab es in den 1970er-Jahren noch in Schleswig-Holstein. "Das war mit der Schneekatastrophe 1978 mit einem Schlag vorbei", erzählt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Pinneberg. "Uns Jägern ist das hier sofort aufgefallen, und wir haben beschlossen, die Vögel nicht mehr zu bejagen." Trotzdem hat sich der Rebhuhn-Bestand seitdem nie wieder erholt. Die Art steht auf der Roten Liste der gefährdeten Vögel.

Monokulturen bieten keinen Lebensraum

Hans Wörmcke, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Pinneberg, blickt seriös in die Kamer am Ufer eines Waldsees. © NDR
Setzt sich für Rebhühner ein: Hans Wörmcke, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Pinneberg.

Rebhuhnküken sind Nestflüchter, die sich vom ersten Tag an selbst versorgen müssen - und zwar mit viel Proteinen. Rund 2.000 Insekten frisst ein Küken jeden Tag. Eine Rebhuhnfamilie mit durchschnittlich acht Küken braucht also täglich Zigtausende Ameisen, kleine Käfer, Schmetterlingsraupen oder Blattläuse. Aber die gibt es kaum noch auf den Feldern, auf denen die Küken schlüpfen - durch Monokulturen und Insektizide. Auch geeignete Verstecke, um sicher brüten und sich vor Feinden wie Greifvögeln oder Füchsen schützen zu können, finden die Vögel hier nicht mehr genug.

"Ideal wäre ein lockerer Bewuchs. Auf Rüben- oder Kartoffelfeldern, wie es sie hier früher mehr gab, konnten sich die Rebhühner zum Beispiel unter den großen Blättern gut verstecken", erzählt Hans Wörmcke. "Ein Maisfeld ist kein geeigneter Lebensraum." Denn es fällt nicht genug Licht auf die Erde, sodass die Küken ihr Futter nicht finden, und es ist dadurch auch so feucht, dass sie schnell auskühlen."

Blumen sollen den Rebhühnern helfen

Ein Fachtierarzt für Wildtierkunde an der Universität in Kiel erforscht die seltenen Vögel seit Jahrzehnten. Dr. Ulrich Fehlberg will herausfinden: Haben die Rebhühner auf den Äckern im Norden überhaupt noch eine Chance? Nach seinen Schätzungen gibt es rund 6.500 Brutpaare in Schleswig Holstein - das ist nur noch drei Prozent von dem Bestand in den 50er-Jahren. In verschiedenen Versuchsprojekten hat Ulrich Fehlberg gezeigt, dass Blühflächen dem Rebhuhn helfen könnten.

Ein Rebhuhnpaar sitzt auf einem Acker. © Kreisjägerschaft Pinneberg
Etwa 6.500 Rebhuhn-Brutpaare gibt es in Schleswig Holstein.

"Sie dienen als Ersatz für die Hecken und naturbelassenen Streifen, die es früher zwischen den Äckern gab." Wichtig dabei sei die genaue Zusammenstellung der Pflanzen. Heimische Wildblumenmischungen müssen es sein, zum Beispiel Sonnenblumen, verschiedenen Kleearten und Kräuter, denn die locken die richtigen Insektenarten an. Wie viel Prozent Blühflächen eine Ackerlandschaft genau braucht, um Rebhühnern und anderen Bodenbrütern zu helfen, daran forscht er mit seinen Kollegen zurzeit noch.

Rebhuhn-Räuber stärker im Visier der Jäger

Im Kreis Pinneberg haben die Jäger im Jahr 2017 nur noch sieben Brutpaare gezählt. "Jedes Jahr wurden es weniger. Wir sind davon ausgegangen, dass die Rebhühner hier bald komplett aus der Landschaft verschwinden", sagt Hans Wörmcke. Trotzdem wollten die Jäger etwas tun. Sie wandten sich an den Rebhuhn-Experten Dr. Ulrich Fehlberg in Kiel - und folgten seinem Rat. Sie sprachen mit Landwirten, suchten nach Flächen, spendeten Saatgut und legten gemeinsam Blühwiesen an. Auf insgesamt 20 Hektar, verteilt auf den Kreis. Die Jäger pflanzten auch Rübenfelder an und jagten Rebhuhn-Räuber wie den Fuchs stärker.

"Invasive Arten wie Waschbär, Mink und Marderhund haben hier stark zugenommen. Wenn wir ihren Bestand nicht eindämmen, helfen den Rebhühnern die neuen Lebensräume auch nichts", sagt Hans Wörmcke und kippt Trockenfisch in eine große Lebendfalle, die mit Holz und Laub getarnt ist. Von denen haben sie hier in den vergangenen Jahren einige mehr aufgestellt.

Haupttodesursache sind Räuber

Denn Fressfeinde sind die häufigste Todesursache bei Rebhühnern. Schnell zeigte sich, dass sich der Einsatz der Jäger auszahlt. Im vergangenen Jahr hatten sie zum ersten Mal wieder mehr Rebhühner im Kreis beobachtet. "14 Brutpaare plus Küken, das sind doppelt so viele wie vor vier Jahren", freut sich Hans Wörmcke über den Hoffnungsschimmer. "Für andere mag das wenig klingen, aber jedes einzelne Brutpaar zählt, um dem Bestand zu helfen. Dass wir es geschafft haben, den Trend umzukehren, ist ein wichtiges Signal." Denn es zeigt den Jägern im Kreis Pinneberg, dass man etwas tun kann - um das Aussterben der Rebhühner zu verhindern.

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Schleswig-Holstein Magazin | 14.10.2021 | 19:30 Uhr

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