Stand: 24.05.2016 07:10 Uhr

80 Zentimeter frei für ein Haus? Passt!

von Maja Bahtijarević

Björn Siemsens Zuhause im Kieler Königsweg gleicht von oben einem Tortenstück: Zur Straße hin ist es viereinhalb Meter breit und verjüngt sich nach hinten zum Garten hin auf lediglich 80 Zentimeter. "Ich bin nun mal Architekt, und da beschäftigt man sich auch mit experimentellen Bauvorhaben", sagt der Kieler und lacht. Sein Haus hat er in eine Baulücke zwischen Häuser aus der Jahrhundertwende gesetzt. "Das war eine Idee, die schon im Studium gereift ist - und dann habe ich sie irgendwann in die Tat umgesetzt."

150 Quadratmeter auf fünf Etagen

Der Architekt hat sich viele Gedanken gemacht, wie er den Häuserschlitz am besten ausnutzt. "Jeder Raum stapelt sich über den anderen Raum," erklärt Siemsen, "und auf jeder halben Treppe nach hinten hinaus gibt es ein Bad. So braucht man von jedem Stockwerk aus nur wenige Stufen zu einer Nasszelle zu laufen." Über sieben Stockwerke inklusive Garage und Dachterrasse erstreckt sich das wunderliche Haus. Jede Etage hat 29 Quadratmeter Grundfläche - und ist damit noch kleiner als der Bungalow, den Siemsen in den Garten gebaut hat und der ihm als Büro dient. Dennoch kommt sein Wohnhaus insgesamt auf etwa 150 Quadratmeter - völlig ausreichend für Siemsen, seine Frau und die beiden Kinder. Dennoch gilt sein Eigenheim als schmalstes Haus Deutschlands.

Holzbarracke weicht dem ungewöhnlichen Zuhause

Ein Auge auf die Baulücke hatte Björn Siemsen schon vor langer Zeit geworfen. "Eigentlich stand hier nie wirklich etwas. Nach dem Krieg war zwar eine kleine Holzbarracke im Erdgeschoss, in der wohl mal ein Fischladen war", erinnert sich Siemsen. "Doch die war lange vor meiner Zeit schon geschlossen. Die Türen waren zugenagelt, das Dach war eingefallen und im Inneren stand meterhoch Müll." Ohne anfangs zu wissen, wem das Grundstück überhaupt gehört, entsteht langsam der Plan für das besondere Haus in der Lücke. 2006 kann der Architekt dann das Grundstück kaufen und sein ungewöhnliches Bauprojekt starten.

Die Bilder hängen an den Wänden der Nachbarn

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Björn Siemsen hat sich mit dem schmalen Haus einen Traum erfüllt - und gleich noch einen Büro-Bungalow in den Garten gebaut.

Siemsen baut ein Modell - lässt es aber erst noch ruhen. "Es war gedanklich doch noch nicht so weit, dass ich gesagt habe: 'Das will ich unbedingt.'" Nach drei Jahren stellt sich ein gutes Bauchgefühl ein. Und Siemsen macht sich ans Werk. Die größte Aufgabe: ein Bauwerk zu kreieren, das eigenständig stehen kann - so sieht es das Baurecht vor. "Da ist nicht viel Platz für Außenwände." Also musste ein massiver Kern aus Beton her, der alles tragen kann. Die Wände, die die Räume seitlich abschließen, sind die Außenwände der Nachbarhäuser. "Unsere Bilder hängen sozusagen an den Wänden der Nachbarn", sagt Siemsen mit einem Grinsen. "Daraus ergibt sich eine Win-Win-Situation: Früher hatten die Nachbarn einen nassen kalten Giebel, jetzt haben sie einen warmen trockenen. Und ich habe geschlossene Räume." Theoretisch heißt das aber auch: Würden die Nachbarhäuser abgerissen, stünde Siemsens Zuhause als Betonturm mit offenen Seiten da.

Eine Notlösung bewährt sich

Das Innere des Hauses dominiert eine Mischung aus warmem Holz und kaltem Beton. "Die Treppenstufen sind alle aus einem einzigen Eichenstamm", erzählt Siemsen. Doch das Holz des einen Baumes reicht nicht für alle Stufen. Also kommt wieder Phantasie ins Spiel. "Manche Stufen haben wir aus Leisten zusammengeklebt, die übrig waren und die fehlenden Stücke einfach ausgespart." Was aus der Not entstanden ist, stellt sich als gute Lösung heraus. "Die Löcher in den Stufen lassen Licht durch, und das weist abends den Weg", erklärt der Architekt. "Mir war es wichtig, dass Licht die Räume von vorne bis hinten durchfluten kann. Dafür ist die Stufenlösung natürlich super."

Kein vergleichbares Haus in Kiel

Etwas teurer als ein normales Einfamilienhaus ist die Spezialanfertigung natürlich schon. "Die Architektenleistungen und die Kosten für die Baufirmen sind höher. Insgesamt liegt der Preis etwa 30 Prozent über dem eines Mittelklasse-Einfamilienhauses", sagt Siemsen. "Dass man in einer Baulücke ungewöhnlich günstig bauen kann, muss man sich gleich aus dem Kopf schlagen. Aber wenn man sowieso bauen will, ist es gut machbar." Zwar gibt es in Kiel noch ausreichend Baulücken, doch ein vergleichbares Haus sucht man vergebens. "Es ist mit Sicherheit eine größere Hürde, so etwas bei einem Architekten zu beauftragen", meint der Kieler. "Ich habe ja für uns selbst gebaut." Er blickt sich um. "Und ich freue mich, dass ich mich dafür entschieden habe. So schnell wollen wir hier nicht weg."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 24.05.2016 | 07:05 Uhr

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