Stand: 14.12.2017 16:37 Uhr

Erstmals wird Gestapo-Kartei digital ausgewertet

In Osnabrück wird zum ersten Mal eine Gestapo-Kartei digital ausgewertet.

Anfangs sind es Kommunisten und Sozialdemokraten gewesen, die unter Beobachtung der "Geheimen Staatspolizei" (Gestapo) standen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs gerieten dann vor allem Zwangsarbeiter und "Arbeitsverweigerer" in den Fokus - so hießen diejenigen, die die Aufrüstung nicht mittragen wollten. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten legte jede Gestapo-Einheit in einer größeren Stadt Karteikarten über Personen an, die "staatspolizeilich in Erscheinung getreten" waren. Ein Riesenberg von Daten, von denen die meisten aber in den Kriegswirren zerstört wurden. Nicht so in Osnabrück: Wissenschaftlern liegen dort 50.000 Karteikarten vor. Diese werden nun digitalisiert.

"Gestapo hat versucht, ihre Spuren zu verwischen"

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

Gründung der Gestapo

NDR Info - ZeitZeichen -

Stichtag 26. April 1933: Die Nationalsozialisten gründen die Gestapo.

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Die Kartei aus dem damaligen Regierungsbezirk Osnabrück ist norddeutschlandweit einzigartig. Lediglich fünf weitere Karteien der Gestapo existieren noch südlich von Frankfurt. "Wegen der dünnen Datenlage ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gestapo hinter der Forschung zu anderen NS-Institutionen zurückgeblieben", erklärt Projektleiter Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Er geht davon aus, dass die meisten Unterlagen nach dem Krieg bewusst vernichtet wurden: "Wie alle anderen Organisationen des NS-Staates hat die Gestapo versucht, alle Spuren flächendeckend zu verwischen. Nur in Osnabrück ist das aus irgendeinem Grund nicht gelungen."

Deutschlands erste Vorratsdatenspeicherung

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Gestapo-Karteien waren der Beginn von Massendatensammlung, sagt Historiker Christoph Rass (Mitte).

Die umfassende Kartei soll in den kommenden Monaten gescannt und ausgewertet werden. Für Projektleiter Rass ist das aus mindestens zwei Gründen hochinteressant. "Kaum eine andere Institution war im Dritten Reich gegenüber der eigenen Bevölkerung so unmittelbar für die Umsetzung der NS-Gewaltpolitik verantwortlich wie die 'Geheime Staatspolizei'", sagt er. Die Kartei dürfte hierzu tiefe Einblicke gewähren. Zweitens ist Rass überzeugt, dass es sich bei den Gestapo-Karteien um Deutschlands erste Vorratsdatenspeicherung handelt. "Wir versuchen zu den Anfängen von Massendatensammlung in der Gesellschaft vorzudringen", so der Historiker.

Erste digitale Auswertung einer Gestapo-Kartei

Es ist das erste Mal, dass eine sogenannte Personen- und Vorgangskartei der Gestapo digital ausgewertet wird. Gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesarchiv wollen die Historiker nicht nur die Verfolgungspraktiken der Gestapo flächendeckend für den Regierungsbezirk Osnabrück rekonstruieren. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt soll auch ein Beitrag zum Verständnis der Zusammenhänge zwischen Überwachung, Wissensproduktion und Macht sein.

Hintergrund

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 13.12.2017 | 17:00 Uhr

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