Stand: 22.04.2018 10:50 Uhr

Mit Entengrütze gegen dreckige Luft

von Josephine Lütke
Im Klärwerk in Bramsche sorgt der Symbiofilter schon jetzt für weniger Geruch in der Luft.

Zu viel Abgase in Städten, belastetes Wasser durch Gülle oder stinkende Luft neben Schweinemastanlagen: Ein Filter aus Entengrütze, Algen und Bakterien soll in Zukunft eine Lösung für all diese Probleme bieten. Der Symbiofilter. Das System kann Luft und Wasser reinigen. Entwickelt haben den Filter Wissenschaftler der Universität Osnabrück und ein Team der Bramscher Aquaristik-Firma "Aqua Light". Bald könnte er an viel befahrenen Straßen für deutlich sauberere Luft sorgen.

Biologe Henrik Buschmann schaut sich den Symbiofilter an.

Neuer Symbiofilter soll für saubere Luft sorgen

Hallo Niedersachsen -

Forscher der Uni Osnabrück und die Aquaristik-Firma Aqua Light haben ein System entwickelt, das Luft und Wasser reinigen kann. Der erste "Symbiofilter" steht jetzt in Bramsche.

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"Effizienz der Organismen extrem hoch"

"Die Abluft von Straßen kann in einem enorm großen Maßstab gereinigt werden", sagt Helgo Feige, einer der Erfinder des Symbiofilters. Denn: Das System könne unter anderem extrem viele Stickstoffoxide aus der Luft aufnehmen. Also genau die giftigen Gase, die aus dem Auspuff kommen. Die ersten Berechnungen zeigen, dass der Symbiofilter in acht Stunden etwa so viel Luft reinigen kann wie hochgerechnet 2.000 Bäume. "Diese Zahl nennen wir nicht gern", sagt der Biologe Helgo Feige. "Der Symbiofilter kann natürlich keinen halben Wald ersetzen. Aber die Effizienz der Organismen in dem Filter ist extrem hoch." Stünde das System an einer großen Kreuzung, würde es etwa 80 Prozent des Feinstaubs aus der Luft filtern.

Es ist ein Kreislauf: Im Symbiofilter (in der Grafik links) schwimmen Wasserlinsen. Zusammen mit Algen und Bakterien reinigt die sogenannte Entengrütze belastetes Wasser. Ist das dann sauber, fließt es mitsamt der Algen und Bakterien in den Wäscher (rechts). Dort wird es versprüht und reinigt belastete Luft. Das dadurch wieder belastete Wasser fließt zurück in den Symbiofilter und wird dort erneut gesäubert.
So funktioniert die Pflanzenkläranlage

Der Symbiofilter ist sozusagen eine Pflanzenkläranlage. Und so funktioniert sie: Rechteckige Becken mit belastetem Wasser stehen übereinander. Verbunden sind sie mit Rohren, durch die das Wasser von einem Becken ins nächste fließt. Die kleineren Symbiofilter sind etwa so groß wie ein großer Kleiderschrank, die größeren füllen ein ganzes Wohnzimmer aus. Auf der Wasseroberfläche schwimmen Wasserlinsen. Die Entengrütze, wie man sie auch nennt, ist die am schnellsten wachsende Pflanze. Und: Sie liebt Nährstoffe, wie Nitrat oder Phosphat. Das sind genau die Stoffe, die Wasser verunreinigen. Gemeinsam mit Algen und Bakterien reinigt die Entengrütze das Wasser. Diese Symbiose der Organismen ist auch der Grund für den Namen der Anlage: Symbiofilter.

Ein Kreislaufsystem

Ist das Wasser sauber, fließt es mitsamt der sehr kleinen Algen und Bakterien über Rohre in den angebauten Wäscher. Das ist ein Zylinder aus Plexiglas, in dem das gereinigte Wasser versprüht wird. Von unten nach oben wird verschmutzte Luft durch den Zylinder gepustet. Das Wasser mit den Algen und Bakterien nimmt die Schmutzteilchen in der Luft auf und filtert sie so. Ist das Wasser dann wieder verunreinigt, fließt es zurück in den Symbiofilter. Der Reinigungsprozess beginnt erneut - ein Kreislaufsystem.

Pilotprojekt sorgt für bessere Luft im Klärwerk

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Im Bramscher Klärwerk steht der erste Symbiofilter, der im Einsatz ist. Mitarbeiter und Nachbarn bestätigen: Es stinkt nicht mehr so stark wie früher.

Der erste Symbiofilter im Einsatz steht im Klärwerk in Bramsche bei Osnabrück. Hier soll das System vor allem dafür sorgen, dass es weniger stinkt. Und das funktioniert laut Klärwerksmitarbeitern sehr gut. "Wir hatten anfangs eine gewisse Skepsis. Die wurde aber zerschlagen, weil wir festgestellt haben, dass die Gerüche stark nachgelassen haben", sagt Abteilungsleiter Thomas Schulte. Und auch die Nachbarn hätten das bereits zurückgemeldet.

Einsatz auch in der Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft könne der Symbiofilter eingesetzt werden, sagt Henrik Buschmann, Biologe an der Universität Osnabrück. "Wir könnten Betriebe mit dem Filter ausrüsten, die Probleme mit der Abluft haben. Zum Beispiel aus Schweineställen oder aus Hühnerställen." Die Anlage könne die Luftemission von 500 Masttieren wie Schweinen oder Kühen neutralisieren, sagt Entwickler Feige. Und noch ein weiterer Einsatzbereich zeichnet sich ab: Das Gülle-Problem in der Landwirtschaft. Denn die Entengrütze und ihre "Mikrokumpel", wie sie Feige nennt, können eben auch Nährstoffe wie Nitrat aus dem Wasser aufnehmen.

Stadt Stuttgart überlegt, Symbiofilter aufzustellen

Es gibt bereits Überlegungen der Stadt Stuttgart, den Symbiofilter gegen Autoabgase einzusetzen. Und auch in Osnabrück wird darüber diskutiert. Etwa 50.000 Euro kostet eine Anlage. Die Frage ist natürlich: Wo soll die große Anlage stehen? Laut der Entwickler sei es möglich, nur den Wäscher an der betroffenen Stelle aufzustellen. Also zum Beispiel an einem Verkehrsknotenpunkt. Der Filter mit den großen Becken kann an anderer Stelle stehen. Ein Rohrsystem würde dann einen oder mehrere Wäscher mit dem Filter verbinden.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.04.2018 | 19:30 Uhr

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