Stand: 01.10.2018 10:20 Uhr

Umwelt-Check: Alles neu auf der "AIDAnova"?

von Claudia Wohlsperger

Premiere in Papenburg: Nach rund zehnmonatiger Bauzeit hat mit der "AIDAnova" das weltweit erste mit Flüssigerdgas betriebene Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft die Dockhalle verlassen. In Kürze steht die Emsüberführung an. Die "AIDAnova" wird hauptsächlich Häfen anlaufen, in denen LNG-, also Flüssigerdgas-Terminals vorhanden sind: Von Hamburg aus geht es nach Southampton in England, dann weiter in Richtung Portugal. Dort hat der Hafen von Funchal auf der Insel Madeira ein eigenes LNG-Terminal. Mit einer Tankladung LNG könnte das Schiff zwei Wochen auskommen.

Ganz ohne Marinediesel geht es nicht

Trotzdem können die vier Motoren auch mit Marinediesel angetrieben werden und der Kraftstoff ist auch an Bord. Zum einen als Reserve, um sicher an den nächsten Hafen zu kommen, falls das LNG-System ausfällt, so Peter Hackmann von der Meyer Werft. Zum anderen, um die Motoren anzuwerfen. Für diesen kurzen Moment brauche die "AIDAnova" Diesel. Für die restlichen 99,9 Prozent der Fahrt könne auf LNG umgeschaltet werden.

Was ist LNG?

LNG ist die Abkürzung für Liquefied Natural Gas. Es ist der derzeit schadstoffärmste fossile Brennstoff, der in der Schifffahrt einsetzbar ist. Das Erdgas wird auf minus 162 Grad Celsius gekühlt und damit verflüssigt. Dadurch kann es unabhängig von Pipelines in großen Mengen auf Tankern transportiert werden. Mit LNG werden Stick- und Kohlendioxid in den Abgasen der Schiffe deutlich verringert. Der Ausstoß von Schwefeloxiden und Rußpartikeln wird ganz vermieden. Allerdings sind die Investitionskosten für ein Schiff mit einem zusätzlichen LNG-Motor um 20 bis 30 Prozent höher als für einen herkömmlichen Schiffsantrieb.

Abgase: Kreuzfahrt ohne Rußpartikel

Der Antrieb mit LNG verbessert die Umweltbilanz der "AIDAnova" direkt. Das Schiff wird bei der Fahrt so gut wie keine Schwefeloxide oder Feinstaubpartikel ausstoßen. Auf einem Kreuzfahrtschiff mit herkömmlichen Antrieb hatten Reporter des ZDF-Verbrauchermagazins "Wiso" im vergangenen Jahr in einer fensterlosen Kabine ähnlich viele Feinstaubpartikel gemessen wie in Stuttgart bei Feinstaubalarm. Im Vergleich zum Raffinerie-Abfallprodukt und billigen Lieblingskraftstoff der Schifffahrt, dem Schweröl, dürften auf der "AIDAnova" außerdem rund 70 Prozent weniger Stickoxide aus dem Schornstein geblasen werden.

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Klimabilanz strittig

Beim reinen Verbrennen in den Schiffsmotoren wird bei Methan - woraus LNG hauptsächlich besteht - etwa 25 Prozent weniger CO2 ausgestoßen als bei Diesel. Das geben sowohl die Meyer Werft als auch der Naturschutzbund NABU an. Allerdings könnte sich die Klimabilanz von LNG ins Negative kehren, wenn man den ganzen Weg des Kraftstoffs betrachte, mahnt der NABU. In der LNG-Lieferkette komme es immer wieder zum sogenannten Methan-Schlupf, so NABU-Verkehrsexperte Daniel Rieger. Ein Teil des Treibhausgases verdampft bei der Förderung, beim Transport oder beim Tanken. Abgesehen davon wird der fossile Brennstoff Erdgas noch immer zum Teil mit der umstrittenen Fracking-Methode gefördert.

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NABU: "Umweltfreundlichstes Kreuzfahrtschiff aller Zeiten" - zumindest theoretisch

Insgesamt hat aber auch der NABU große Hoffnungen für die Umweltbilanz der "AIDAnova". Sie sei das umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff aller Zeiten, so Rieger. Denn obwohl auch die neueren Dieselschiffe mit Reinigungstechnologien wie Scrubbern versehen sind, kämen die nicht oft genug zum Einsatz. Besonders über Lufttests hinter der "AIDAprima", die man 2016 noch hoffnungsvoll an die Spitze des jährlichen Kreuzfahrtschiff-Rankings gesetzt hatte, waren Rieger und seine Kollegen enttäuscht.

Abwasser: Im Bioreaktor zu Trinkwasserqualität

Die Passagiere an Bord atmen aber nicht nur, sie wollen auch gut essen und Spaß haben: in Pools, Fitnessstudios und Wellness-Bereichen. Während beispielsweise jeder Niedersachse pro Tag etwa 126 Liter Wasser braucht, ist es auf einem Urlaubsschiff deutlich mehr. Immerhin: AIDA rechnet damit, den niedrigsten Pro-Kopf-Wasserverbrauch der Kreuzfahrtindustrie zu haben: im Schnitt 163 Liter pro Person pro Tag. Das Wasser kommt aus Tanks, die in den Häfen aufgefüllt werden oder es wird in einer Entsalzungsanlage aus Meerwasser gewonnen. Die WC-Spülung kommt demnach mit einem Liter Wasser aus und das Durchlaufsystem der Wäscherei braucht nur ein Viertel so viel Wasser wie eine haushaltsübliche Waschmaschine. Benutztes Wasser wird im Bioreaktor, einer Art Kläranlage, an Bord gereinigt: Hier kommen laut Meyer Werft Mikroorganismen und Membranfilter zum Einsatz. Abwasser könne so fast in Trinkwasserqualität ins Meer gepumpt werden.

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Abfall: Blech gepresst, Glas zerkleinert

Ebenfalls im Meer landen Abfälle. Allerdings, so gibt es AIDA zumindest an, nur kleine Lebensmittelreste und nur auf hoher See. An Bord herrscht Mülltrennung: Blech wird gepresst, Glas und Biomüll zerkleinert, letzterer auch getrocknet. Letztlich wird der getrennte Abfall in den Häfen übergeben und dort entsorgt. Laut AIDA arbeitet die Reederei mit Entsorgungsunternehmen an allen Zielhäfen zusammen. Was genau mit dem Abfall passiert, lässt sich laut NABU-Referent Rieger nicht wirklich nachvollziehen. Er erwartet jedoch, dass sich die Reedereien in der Hinsicht an die geltenden Gesetze halten. Zudem sei die Müllgebühr meist in den Hafengebühren enthalten. Ein Anreiz für die Schiffe, den Müll mitzubringen, statt ihn schon auf hoher See über Bord zu werfen.

Meyer Werft zufrieden

Bei Abfall und Abwasser zieht die Meyer Werft für die von ihr in den vergangenen Jahren gebauten Schiffe positive Bilanz. Zum Beispiel verfüge "World Dream", die vor einem Jahr ausgedockt wurde, über Bioreaktor und Mülltrennungsanlagen. Wie die letztendlich genutzt würden, dafür trage die Werft keine Verantwortung. Abfall und Abwasser sind zwei große Umweltfaktoren, an deren Stellschrauben zuletzt immer weiter gedreht wurde. Der letzte entscheidende Faktor sind die Schiffsabgase. Darin ist die "AIDAnova" Vorreiterin der Branche.

NABU wünscht sich Zukunft ohne fossiles Erdgas

Laut Thorsten Lehmann, dem Vorsitzenden der Maritimen LNG Plattform, einer Initiative für flüssiges Erdgas auf See und an Land und Chef des Motorenherstellers MAN, ist in fast allen neu bestellten Kreuzfahrtschiffen LNG vorgesehen oder zumindest möglich. Zwei Schwesterschiffe der AIDA Helios-Klasse sind bereits bei der Meyer Werft in Papenburg beziehungsweise in Turku im Bau. Aber natürlich werden nicht alle "normalen" Kreuzfahrtschiffe stillgelegt. Es kann Jahrzehnte dauern, bis ein Großteil der Schiffe LNG-betrieben fährt. Und auch diese Technologie ist nicht das Ende der Entwicklung. Der NABU wünscht sich eine Gas-Gewinnung ohne fossiles Erdgas mittels Power-to-Gas. Mit dem Verfahren kann - vereinfacht ausgedrückt - aus Wasser unter Zufuhr von Strom ein Brenngas hergestellt werden. Und auch bei der Meyer Werft wird bereits an weiteren Treibstoffen und Antrieben geforscht. Für die nächsten Jahre, so Werft-Sprecher Hackmann, wird die Schifffahrt aber von LNG bestimmt werden.

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Hallo Niedersachsen | 21.08.2018 | 19:30 Uhr

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