Stand: 27.09.2019 15:30 Uhr

Der Fall "Betty": Hundekämpfe im Nordwesten?

Der Leidensweg von "Betty" endet Anfang September an der B212: Passanten finden die etwa zehnjährige Mischlingshündin und geben sie in einer Tierarztpraxis in Delmenhorst ab. Dort wird sie aufgepäppelt, ihre Wunden werden versorgt. Wenige Stunden zuvor war sie an der Bundesstraße bei Bookholzberg (Landkreis Oldenburg) gefunden worden. Die Polizei vermutet, dass sie ausgesetzt wurde. Doch als sich die Mitarbeiter der Praxis die zahllosen Bisse und Narben des Tieres genauer anschauen, kommt ihnen ein Verdacht: Wurde "Betty", wie sie den Hund taufen, als sogenannter Bait Dog missbraucht?

Bisswunden an Ohren, Hals, Nacken

Als Bait Dogs, also Köderhunde, werden in der Hundekampf-Szene Tiere bezeichnet, an denen Hunde, die später kämpfen sollen, trainiert werden. "Kein Hund kann automatisch kämpfen", sagt Yvonne Preiß, die in der Delmenhorster Praxis arbeitet, NDR.de. Die Verletzungen, die "Betty" aufwies, seien typisch, so Preiß weiter. Bisswunden am vorderen Drittel des Körpers, an Ohren, Hals, Nacken und den Vorderbeinen habe sie registriert. Dazu noch eine seltsame Beobachtung: Sobald "Betty" einem Hund der Rassen begegne, die üblicherweise bei Hundekämpfen eingesetzt werden, reagiere sie total verstört.

Was ist ein "gefährlicher Hund"?

In Niedersachsen gibt es statt einer Liste für bestimmte Hunderassen wie in anderen Bundesländern ein zentrales Melderegister für alle Hunde. Seit Juli 2013 müssen Hundehalter ihre Sachkunde nachweisen. Ein "gefährlicher Hund" ist nach Paragraf 7 des Niedersächsischen Hundegesetzes ein Hund, der Menschen oder Tiere gebissen oder sonst eine über das natürliche Maß hinausgehende Kampfbereitschaft, Angriffslust oder Schärfe gezeigt hat oder auf Angriffslust, auf über das natürliche Maß hinausgehende Kampfbereitschaft oder Schärfe oder auf ein anderes in der Wirkung gleichstehendes Merkmal gezüchtet, ausgebildet oder abgerichtet ist. Er kann nach Prüfung durch die zuständige Fachbehörde (Landkreis/kreisfreie Stadt) als "gefährlich" eingestuft werden.
(Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)

Zentrum für Hundekämpfe?

Es gibt Stimmen, die besagen, dass die Region Delmenhorst und Ganderkesee (die Gemeinde, zu der Bookholzberg gehört, d. Red.) eine Art Zentrum für illegale Hundekämpfe sei. In Ganderkesee und Umgebung gebe es viele solcher Kampfhunde, zitiert das "Delmenhorster Kreisblatt" etwa eine Polizistin, die Mitte September 2019 als Zeugin vor Gericht in einem anderen Fall aussagte. Eine Frau, die sich nach eigenen Angaben seit 20 Jahren gegen Hundekämpfe engagiert, ist Marijana Miljevic. Sie habe gemeinsam mit ihren Mitstreitern der Polizei in Delmenhorst eine ganze Liste mit Namen von verdächtigen Personen aus der Region übergeben. Das sei vor zweieinhalb Jahren gewesen - passiert sei nichts.

"Gibt diese Szene dort"

"Es stimmt, es gibt diese Szene dort", sagt Miljevic. Ihre Informationen stammten meist von anonymen Tippgebern aus der Szene oder von Personen, die sich etwa bei Facebook mit der Teilnahme oder Ausrichtung von Hundekämpfen brüsten, so Miljevic. "Dazu haben wir auch Kontakt zu den Tierärzten vor Ort, die uns immer wieder von Hunden berichten, die sie zusammenflicken mussten", sagt sie. Die offizielle Stellungnahme der Polizei Delmenhorst klingt dagegen so: "In den letzten zwei, drei Jahren gab es keinen derartigen Sachverhalt. Es gibt auch keine belastbaren Hinweise auf die Existenz einer derartigen Szene."

Durchsuchung im Fall "Betty"

Beim Landkreis Oldenburg und der Stadt Delmenhorst weiß man ebenfalls von nichts. Und auch bei der Gemeinde Ganderkesee sei kein gefährlicher Hund bekannt, sagte eine Sprecherin der Verwaltung - schon seit Jahren nicht. "Allerdings würde diese Szene ihre Hunde wohl auch nicht für die Steuer anmelden", gibt sie zu bedenken. Im Fall "Betty" hat es am Mittwoch eine Wohnungsdurchsuchung bei einem Tatverdächtigen gegeben. Das sagte ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg. "Die Auswertung der dabei sichergestellten elektronischen Speichermedien dauert an", hieß es weiter. Sonst gab es noch keine weiteren Informationen von der Behörde.

Downloads

Niedersächsisches Gesetz über das Halten von Hunden

Das Ministerium für Ernährung Landwirtschaft und Verbraucherschutz will durch das NHundG zu weniger Beißattacken und mehr Tierschutz beitragen. Download (52 KB)

Von Kalifornien über Belgien nach Bookholzberg

Preiß und auch ihren Kollegen in der Praxis seien immer wieder Hunde mit älteren Wunden untergekommen, sagt sie - darunter solche, die offenbar von den Besitzern selbst unfachgemäß getackert wurden. "Nicht entwurmt und nicht gechippt: Die werden illegal gehalten", sagt Preiß. Sie hat "Bettys" Weg anhand ihres Chips verfolgt. Der Hund stamme ursprünglich aus Kalifornien (USA) und sei dann nach Belgien verkauft worden. "Damals hatte sie noch Top-Papiere", sagt sie. Doch dann wurde sie wohl zu alt, um noch für eine offizielle Zucht verwendet zu werden. Ohne Papiere, vermutet Preiß, wurde sie weiterverkauft und als "Gebärmaschine" gehalten. "Sie hat wohl 60 bis 70 Welpen zur Welt gebracht." Wer ihr letzter Besitzer war, ist unklar - angemeldet war der Hund nicht.

Endstation Bundesstraße

"Bettys" Abstieg war noch nicht zu Ende und so endete der Mischling nach Ansicht der Tierarzt-Mitarbeiter irgendwann als Köderhund für junge Kampfhunde. Bis es selbst dafür nicht mehr reichte und die Bundesstraße als Endstation herhalten musste? Die Polizei hält sich derzeit noch bedeckt zum Schicksal des Tieres. "Wir ermitteln in alle Richtungen", heißt es. Die Beamten suchen nach weiteren Zeugen zur Herkunft der Hündin. Etwa zehn Hinweise seien bislang eingegangen, sagte eine Sprecherin. Informanten zum Fall "Betty" können sich unter der Telefonnummer (04221) 155 90 bei der Polizei Delmenhorst melden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 27.09.2019 | 17:00 Uhr

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