v.l.n.r.: Johannes Koch, Paula Holz, Sascha Nitsche, Marlene Kukral in Amt Neuhaus © NDR

Nachwendekinder: Im Kopf gibt's noch eine kleine Grenze

Stand: 30.09.2020 14:52 Uhr

Wer die DDR gar nicht mehr bewusst erlebt hat, denkt nicht in "Ost" und "West". Bei näherem Hinsehen ist die Trennung aber doch nicht ganz verschwunden.

von Marlene Kukral und Johannes Koch

Wir fahren mit der Fähre über die Elbe. Für uns ist die Elbe einfach nur ein Fluss. Dass hier einmal eine Grenze war, haben wir beide nicht miterlebt. Wir sind Nachwendekinder, aufgewachsen im Westen - wenn man auch heute noch zwischen Ost und West unterscheiden würde. Unser Ziel ist Amt Neuhaus im Landkreis Lüneburg. Die einzige Gemeinde in Niedersachsen, die auf dem einstigen Gebiet der DDR liegt. Wir sind verabredet mit Paula Holz und Sascha Nitsche, auch Nachwendekinder, aber aufgewachsen im ehemaligen Osten.

Ossi, Wessi, Wossi

Paula nimmt uns mit an den Badesee in Neuhaus. Hier verbringt sie gerne Zeit mit ihren Freundinnen, die kommen aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. "Eigentlich sind wir uns alle in meiner Generation ziemlich einig, dass wir uns einfach deutsch fühlen", sagt die 21-Jährige. "Wenn jemand fragen würde, wo wir herkommen, dann würden wir sagen: aus dem Amt Neuhaus. Das ist wichtiger als Ost oder West." Trotzdem begegnet ihr die Grenze immer wieder im Alltag. In der Schule in Bleckede war sie "Ossi", in Boizenburg dann "Wessi". "Irgendjemand meinte dann: 'Ihr seid die Wossis'."

Kindheit im Plattenbau: "Das war super"

Ost und West als Steilvorlage für Witze, das kennt auch Sascha Nitsche. Auf dem Fußballplatz rufen die Gegner bis heute "blöder Ossi", erzählt er. Sascha ist 34 Jahre alt, er war drei, als die Mauer fiel. Erinnern kann er sich an diese Zeit kaum. Aber er sagt, dass er durch seine Eltern natürlich ostgeprägt sei. Blöd findet er das überhaupt nicht. Der Osten sei Teil seiner Identität, auch wenn er eigentlich kaum im Osten gelebt habe. Seine Kindheit im Plattenbau fand er super. "Hier haben über 20 Kinder gewohnt, da war immer was los", erzählt er und zeigt uns den Garten. Die meisten seien inzwischen aber weg aus Amt Neuhaus. "Wir sind halt immer noch Grenzgebiet und haben nicht die beste Infrastruktur", sagt Sascha. Er aber ist stolz auf seine Heimat und will bleiben.

Auch heute noch spür- und hörbare Unterschiede

Wenn wir uns mit Sascha und Paula vergleichen, ist vieles ähnlich, aber auch einiges anders. Die beiden waren schon mit einem Jahr in der Kinderkrippe, weil beide Eltern in Vollzeit arbeiteten. Das war im Osten selbstverständlich, im Westen eher die Ausnahme. Das Lied "Kling Klang" von der ostdeutschen Band Keimzeit hören wir zum ersten Mal. "Das läuft hier auf jeder Party und alle singen den Text mit", erzählt Sascha. Der größte Unterschied ist aber: Für Paula und Sascha gehört die Diskussion um Ost und West schon immer zum Alltag. Wir müssen uns bewusst mit dem Thema befassen, könnten es sonst auch komplett ausblenden. Früher haben uns zumindest Schulbücher mal kurz darauf aufmerksam gemacht.    

Erinnern, aber ohne Grenze im Kopf

Wir sprechen darüber, wie stark sich unsere Generation mit dem Thema befassen sollte, ob das nicht alles Geschichte ist. "Mal eine andere Herangehensweise fände ich gut", sagt Sascha. Erinnern ja, aber nicht unbedingt mit alten Grenztürmen. Darüber reden, aber keine festen Grenzen im Kopf ziehen. Das klingt einfacher, als es ist.

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Kein Ost und West mehr? Das dauert noch

Dennoch glauben wir alle, dass wir Nachwendekinder selbst mitbestimmen können, ob und wie wir die Grenze im Kopf an die nächste Generation weitergeben. "Ich glaube, es wird eine ganz kleine Rolle spielen, wenn wir irgendwann mal Kinder haben", sagt Paula. Dann gibt es vielleicht nicht mehr so viele Witze über Ost und West und das Thema verschwindet aus dem Alltag. Auch Sascha würde sich das wünschen. Er kann sich aber nicht vorstellen, dass Ost und West irgendwann keine Rolle mehr spielen. 30 Jahre haben dafür nicht ausgereicht. "Vielleicht reichen 40 Jahre auch nicht, vielleicht auch nicht 50", sagt Sascha.

Wir fahren nach dem Drehtag mit der Fähre zurück über die Elbe. Es ist anders als auf der Hinfahrt. Es gibt hier noch immer eine Grenze. Wenn man sich nicht mit ihr beschäftigt, fällt sie kaum auf. Aber wer sich mit ihr befasst, der beginnt damit gleichzeitig, diese Grenze im Kopf zu überwinden.

Die Gemeinde Amt Neuhaus

Auf Wunsch der Bewohner wurde das östlich der Elbe gelegene Amt Neuhaus mit seinen acht Gemeinden am 30. Juni 1993 vom Kreis Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern in den Landkreis Lüneburg zurückgegliedert. Von 1689 bis 1945 gehörte das Amt Neuhaus bereits zu Lüneburg - es war Teil des Kurfürstentums Hannover und preußische Provinz. Bei der Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der 240 Quadratkilometer große "Neuhäuser Streifen" an die sowjetische Besatzungszone angeschlossen, nach 1949 blieb die Gemeinde bei der DDR. Niedersachsen und der Kreis Lüneburg "erbten" mit der Rückgliederung neben rund 6.400 Neubürgern 100 Kilometer Deiche, 200 Kilometer Wasserläufe und rund 40 Kilometer Kreisstraßen.

Karte: Amt Neuhaus

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Hallo Niedersachsen | 03.10.2020 | 19:30 Uhr

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