Nach Aus als Atommüll-Endlager: Gorleben wird stillgelegt

Stand: 17.09.2021 20:51 Uhr

Das Erkundungsbergwerk Gorleben wird endgültig geschlossen. Einen entsprechenden Auftrag hat das Bundesumweltministerium der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) erteilt.

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagte am Freitag, es sei keine Möglichkeit für eine wirtschaftliche Nachnutzung des Bergwerks gefunden worden. Das BGE habe daher die komplette Stilllegung vorgeschlagen, das Ministerium habe dem zugestimmt. "Das Kapitel Endlager Gorleben wird ab dem heutigen Tag geschlossen", sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth in Gorleben (Landkreis Lüchow-Dannenberg). Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) betonte: "Ab heute gibt es keine Hintertür mehr." Das Thema Endlager Gorleben sei endgültig beendet. Im September 2020 hatte die BGE mitgeteilt, dass große Teile Deutschlands für ein Atomendlager nach geologischen Kriterien grundsätzlich geeignet seien. Gorleben wurde seinerzeit überraschend von der Endlagersuche ausgeschlossen. Als Grund wurden geologische Mängel genannt. "Alle Fakten liegen auf dem Tisch. Die Entscheidung ist getroffen", sagte Flasbarth.

Rückbau: Kosten in dreistelliger Millionenhöhe über zehn Jahre

Laut Flasbarth starten damit auch die Pläne für den Rückbau des Bergwerks. Die Kosten dafür werden sich demnach auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen. Finanziert werden soll das durch den Endlagerfonds des Bundes. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung, Stefan Studt, kündigte an, dass der Salzstock innerhalb von zehn Jahren in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werde. Dazu müsse die Salzhalde wieder unter Tage verbracht werden. Sobald die Hohlräume verfüllt sind, sollen die Schächte verschlossen werden. Zurzeit koste es 20 Millionen Euro jährlich, den Salzstock offenzuhalten. In die Erkundung Gorlebens wurden bisher 1,9 Milliarden Euro investiert.

Lehren aus dem Großkonflikt um Gorleben

Gorleben habe über drei Jahrzehnte für einen gesellschaftlichen Großkonflikt gestanden, so Staatssekretär Flasbarth. "Aus diesem Konflikt hat die Politik für die Endlagersuche gelernt: Am Ende muss gut nachvollziehbar sein, aus welchen Gründen ein Standort gewählt wurde." Der Präsident des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, Wolfram König, betonte: "Die Aufgabe der Lösung der Endlagerfrage bleibt." Gorleben sei eine "falsche politische Entscheidung" gewesen, so Umweltminister Lies. Künftig zählten bei der Standortsuche rein wissenschaftliche Erkenntnisse. Niedersachsen komme auch weiter für ein Endlager infrage.

Bürgerinitiative rechnet nicht mit anderweitiger Nutzung

Mit der Stilllegung hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg gerechnet. Sie geht zudem nicht davon aus, dass das Gelände anderweitig genutzt werden wird. Die Bürgerinitiative hatte 40 Jahre lang dafür gekämpft, dass der Atommüll in dem Salzstock nicht endgelagert wird, weil sie das stillgelegte Bergwerk nicht für sicher hält. Die Stilllegung zeige, "welche Kraft kritische Bewegungen haben", sagte Olaf Bandt, Vorsitzender der Umweltschutzorganisation BUND. Sie sei aber auch eine Mahnung für die aktuelle Endlagersuche: "Beteiligung und Transparenz sind unverzichtbarer Bestandteil dieser Generationenaufgabe."

Anti-Atom-Organisation fordert Pläne für Zwischenlager

Das Atomare Zwischenlager (vorn), sowie das ehemalige Erkundungsbergwerk Gorleben (Luftaufnahme aus einem Flugzeug). © dpa-Bildfunk Foto: Philipp Schulze/dpa
Die Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt" fordert auch für das Zwischenlager Gorleben (vorne im Bild) eine Lösung.

Die Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt" begrüßte zwar die beschlossene Stilllegung des Erkundungsbergwerks. Ihr Sprecher Jochen Stay fordert aber auch eine Lösung für die 113 Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll, die in einer oberirdischen Zwischenlager-Halle neben dem Erkundungsbergwerk aufbewahrt werden. "Die Lagerung der Castor-Behälter ist dort nur bis zum Jahr 2034 genehmigt. Eine Einlagerung in ein zukünftiges geologisches Tiefenlager irgendwo in Deutschland soll jedoch nach den Plänen der Bundesregierung frühestens 2050 beginnen", betonte Stay. Es sei nicht erwiesen, dass die Behälter überhaupt so lange dichthalten.

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Nach den Plänen der Bundesregierung soll bis 2031 ein Standort für ein Atommüll-Endlager in Deutschland feststehen. Laut dem Zwischenbericht der BGE sind rund 54 Prozent der Fläche der Bundesrepublik aus geologischer Sicht dafür geeignet. Infrage kommen die Wirtsgesteine Salz, Ton und Granit. Das Endlager soll laut Standortauswahlgesetz "bestmögliche Sicherheit für den dauerhaften Schutz von Mensch und Umwelt vor ionisierender Strahlung und sonstigen schädlichen Wirkungen dieser Abfälle für einen Zeitraum von einer Million Jahren" gewährleisten.

Lies: Neue Perspektiven für das Wendland erarbeiten

Nach dem Aus für ein Endlager in Gorleben sind Lies zufolge für das Wendland neue wirtschaftliche Perspektiven notwendig, die zusammen mit der Bevölkerung erarbeitet werden sollen. "Diese Region hat enormes Potenzial nicht nur durch ihre natürlichen Landschaften und den Tourismus, sondern auch für die Klima- und Energiewende", unterstrich der niedersächsische Umweltminister.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.09.2021 | 14:00 Uhr

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