Stand: 29.12.2017 19:10 Uhr

"Göhrde-Mörder" schon vor Monaten überführt

Seit Ende Februar ist der Lüneburger Polizei bereits bekannt, dass eine im Fall der "Göhrde-Morde" gesicherte DNA-Spur mit der DNA des verstorbenen Kurt-Werner W. übereinstimmt. Aus ermittlungstaktischen Gründen habe man die Erkenntnisse aus der DNA-Analyse erst jetzt öffentlich gemacht, teilte Sprecher Mathias Fossenberger am Freitag mit: Während eines laufenden Ermittlungsverfahrens sei es notwendig, bei jeder einzelnen Information "abzuwägen und zu bewerten, ob eine Bekanntgabe gegebenenfalls aktuell laufende oder zukünftige Ermittlungsmaßnahmen gefährden könnte".

Viele Fragen an die Ermittler

Der Gärtner Kurt-Werner W. hat 1989 zwei Paare im Staatsforst Göhrde bei Lüneburg umgebracht und im selben Sommer wahrscheinlich auch die 41-jährige Birgit M. getötet. Als Verdächtiger im Fall M. saß er 1993 in Untersuchungshaft - dort nahm er sich das Leben. Die fünf Fälle konnten bis jetzt nie aufgeklärt werden, obwohl Ermittler die Akten mehrfach wieder hervorgeholt und die Morde untersucht hatten. Seit am Mittwochabend bekannt wurde, dass W. nun, fast 30 Jahre nach den Taten, als mehrfacher Mörder identifiziert werden konnte, ist die Polizei mit Fragen von Medienvertretern bestürmt worden. Doch sie hält sich bedeckt.

Mittäter, Mitwisser?

So wird zum Beispiel nicht bekannt gegeben, mit was für einer Spur Kurt-Werner W. als Täter identifiziert wurde. Bedeckt halten sich die Ermittler auch in Bezug auf einen möglichen Komplizen. Bekannt ist nur so viel: Die Polizei hat eine DNA-Probe von einem Mann genommen, die derzeit ausgewertet wird. Um wen es sich handelt, wird nicht mitgeteilt. Der Mann könnte Mittäter oder Mitwisser gewesen sein. Als gefährlich schätzen die Ermittler ihn aber nicht ein, er ist auf freiem Fuß. Er soll allenfalls eine passive Rolle bei den Verbrechen gespielt haben. Informationen, wonach der Verdächtige aus dem engeren Umfeld des Gärtners kommt, will die Polizei nicht bestätigen.

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Die Geschichte einer brutalen Mordserie

Im Sommer 1989 werden im Staatsforst Göhrde bei Lüneburg zwei Paare brutal ermordet. Bis sie einen Verdächtigen haben, tappen die Ermittler lange im Dunkeln. Bildergalerie

Verbindung zwischen Taten lange übersehen

Dass so viel Zeit vergangen ist zwischen den Taten und der Aufklärung, dass zum Beispiel auch erst viele Jahre später überhaupt ein Zusammenhang zwischen den "Göhrde-Morden" und Birgit M. hergestellt wurde, erklärt der Lüneburger Polizeipräsident Robert Kruse im NDR so: In bestimmten Abständen würden ungeklärte Mordfälle erneut bearbeitet. Die Doppelmorde in der Göhrde und der Fall Birgit M. seien zuletzt gleichzeitig untersucht worden. "Dann haben wir zunächst in dem einen, dann in dem anderen Fall Hinweise auf den gleichen Täter gefunden." Unklar bleibt in diesem Zusammenhang, welche Hinweise dies im Fall Birgit M. gewesen sind - ihre Leiche wurde erst im Herbst 2017 gefunden.

Leiche von M. nur dank privater Ermittlungen gefunden

Zwei Probleme seien hinzugekommen, erläutert Kruse: Gegen Tote werde nicht ermittelt, und W. ist eben seit mehr als 20 Jahren tot. Außerdem war Birgit M. für die Ermittler lange Zeit kein Mord-, sondern ein Vermisstenfall. Denn nur durch die unablässige private Recherche des Bruders von M., Wolfgang Sielaff, wurde der Leichnam schließlich gefunden - auf dem früheren Grundstück von Kurt-Werner W. in Adendorf (Landkreis Lüneburg). Den Ermittlern, die das Grundstück zuvor durchforstet hatten, war die Leiche unter der Garage entgangen. Warum Sielaffs Suche erfolgreich war, wo die Polizei nichts fand, bleibt derzeit unklar.

Vielleicht gab es Fehler "im Einzelfall"

Er sei froh über die - wenn auch späte - Aufklärung, betont Kruse. Und er räumt Fehler ein, wenn auch zögerlich: "Es wird im Einzelfall schon so sein, dass man die eine oder andere Spur auch hätte anders behandeln können. Aber es ist natürlich immer schwierig, in einer konkreten Situation dann das Richtige zu treffen. Im Nachhinein ist man immer etwas schlauer."

Kurt-Werner W.: Liste der Opfer könnte länger werden

Die Ermittlungen gehen unterdessen weiter. "Insbesondere die 'Göhrde-Morde' bedürfen weiterhin der Aufklärung", teilte Polizeisprecher Fossenberger mit. Doch die Nachforschungen gehen über die Taten aus dem Sommer 1989 weit hinaus, denn Kurt-Werner W. könnte noch deutlich mehr als fünf Morde begangen haben. Ex-LKA-Mann Sielaff, der gemeinsam mit anderen pensionierten Kriminalisten recherchiert und ermittelt hat, kommt auf 21 ungeklärte Mordfälle rund um Lüneburg, die zu W.s mutmaßlicher Vorgehensweise und zu seinem jeweiligen Aufenthaltsort passen. Das berichtete "Zeit online" am Donnerstag. Wie Kruse erklärt, sollen jetzt alle Polizeidienststellen "mindestens in Deutschland, möglicherweise darüber hinaus" über sämtliche Erkenntnisse zu W. und seine bislang bekannten Taten informiert werden - um ungeklärte Morde in ihren Regionen mit den Informationen abzugleichen.

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Wolfgang Sielaff: "Es ist eine Genugtuung"

Zu den Opfern des "Göhrde-Mörders" gehörte Birgit M., die Schwester des ehemaligen Hamburger LKA-Chefs, der privat ermittelte. Wolfgang Sielaff spricht über Hartnäckigkeit, Trauer und Erleichterung. (29.12.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 28.12.2017 | 19:30 Uhr

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