Nachwuchs will an die Macht: Landtag könnte jünger werden

Stand: 02.10.2022 11:01 Uhr

Politiker unter 30 Jahren muss man im aktuellen niedersächsischen Landesparlament suchen. Es gibt unter den insgesamt 137 Abgeordneten genau eine. Das könnte sich mit der anstehenden Wahl ändern.

von Christina Harland

Eine Abgeordnete von 137 - das entspricht mageren 0,73 Prozent. Zwei weitere sind 31 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt bei 54 Jahren. Damit ist die Perspektive junger Menschen in der niedersächsischen Landespolitik bislang unterrepräsentiert. In anderen Länderparlamenten sieht das etwas besser aus. Nach Auskunft des Vereins "Mehr Demokratie!" sind es immerhin durchschnittlich 2,7 Prozent, im Bundestag schon 5,4 Prozent.

Mit der Wahl am 9. Oktober dürfte sich das auch in Niedersachsen ändern. Auf den Listen tummelt sich inzwischen eine erstaunlich hohe Anzahl von jungen Menschen, einige davon sogar auf aussichtsreichen Plätzen.  

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"Natürliche Verjüngung" bei der SPD

Die SPD beschreibt das als natürlichen Verjüngungsprozess. Parteisprecherin Vivian Werner glaubt, die Bundestagswahl im vergangenen Jahr, die viele junge Abgeordnete ins Parlament brachte, habe auch für die Aufstellung der Wahllisten in den Länderparlamenten einen deutlichen Schub gegeben. Inzwischen ist jeder Vierte auf der 100-köpfigen SPD-Landesliste im JuSo-Alter von maximal 35 Jahren. Mehr als 20 Kandidierende sind das insgesamt, 16 von ihnen sind unter 30. Bei der Vorstellung der Liste im Mai verkündete Parteichef Stephan Weil stolz: "Unsere Landesliste ist jünger, weiblicher und diverser geworden. Wir erleben gerade einen Generationswechsel in der niedersächsischen SPD, und zwar auf eine ganz natürliche Art und Weise." 

Grüne: Programmatik zieht junge Leute an

Bei den Grünen sind diesmal zehn Personen unter 30 auf der Landesliste mit 87 Direktkandidierenden. Parteisprecherin Heike Köhn betont, die Grünen unterstützten bewusst junge Kandidaturen, spezieller Programme bedürfe es dafür nicht. Allein die Programmatik der Grünen spreche viele junge Menschen an, angefangen vom Klimaschutz über die Cannabis-Legalisierung bis hin zum Wählen ab 16 Jahren.

CDU rekrutiert mehr Kandidierende aus der Jungen Union

Auch bei der CDU stehen mehr Jüngere auf der Landesliste. Von 87 Direktkandidierenden sind insgesamt 18 im Alter der Jungen Union, also maximal 35, darunter auch einige ganz Junge. Genaue Angaben konnte die Pressestelle dazu nicht machen.

19 Jahre alt, selbstständig und Chefin der Hildesheimer FDP

Zara Tas (FDP) im Interview. © NDR
Egal, wo man herkommt: Zara Tas wünscht sich gleiche Aufstiegschancen für jede und jeden.

Schien es lange so, als sei die junge Generation weniger politisiert, so sieht das inzwischen deutlich anders aus. Und das Establishment in den Parteien lässt sie offenbar an die Macht. Zara Tas ist mit gerade einmal 19 Jahren schon Chefin des FDP-Verbands ihrer Heimatstadt Hildesheim. Sie beschreibt sich als durch und durch politischen Menschen. "Meine Eltern wurden politisch verfolgt, wir haben kurdische Wurzeln aus der Türkei und deshalb musste ich Politik verstehen, um meine eigene Biografie verstehen zu können." Chancengleichheit ist ihr großes Anliegen. Sie selbst hat sich mit 16 Jahren selbständig gemacht und berät Mittelständler bei ihren Social-Media-Auftritten. Dieses Jahr hat sie Abitur gemacht und gerade ein Studium in Hannover begonnen.

Von der Brennpunkt-Schule in die Politik

Sophie Ramdor (CDU) lächelt in die Kamera. © NDR
Schülern individuell helfen: Grundschullehrerin Sophie Ramdor will die Bedingungen in der Schule verbessern.

Sophie Ramdor von der CDU in Braunschweig ist 30 Jahre alt und Grundschullehrerin in einem sogenannten Brennpunkt-Stadtteil. Sie sagt, sie habe schon früh begonnen, politisch zu denken. Ihr sei es wichtig "zu gucken, wie wir in der frühkindlichen Bildung mehr schaffen, wie wir in Brennpunkten kleinere Klassen machen, damit die Lehrer überhaupt die Möglichkeiten haben, an die Schüler ranzugehen und ihnen individueller zu helfen." Auf Listenplatz sechs hat sie gute Chancen, in den Landtag einzuziehen. Den Kontakt zu ihrer Grundschule will sie dann halten, um in Bezug auf die Sorgen des Kollegiums am Ball zu bleiben.

Von der Uni in den Landtag

Porträtaufnahme von Pippa Schneider (Grüne). © NDR
Junge Leute müssen mitentscheiden, sagt Pippa Schneider. Sie will mit Menschen sprechen anstatt über sie.

Auch Pippa Schneider von den Grünen in Duderstadt hat gute Chancen, ins Landesparlament einzuziehen. Sie ist 27 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, studierte Mathematikerin und betont: "Es ist wichtig, dass wir nicht über Menschen sprechen, sondern mit Menschen und dass wir auch als junge Menschen vertreten sind in den politischen Entscheidungsprozessen." Auf Listenplatz neun dürfte ihr ein Mandat sicher sein. Ihr Engagement für die Umwelt wurde im Elternhaus gesät. Als Jugendliche war sie schon bei Greenpeace aktiv. Jetzt sitzt sie im Vorstand der Grünen in Stadt und Landkreis Göttingen, in der Grünen Jugend und als AStA-Vorsitzende im Studierendenparlament.

"Einsetzen für meine Mitmenschen"

Thore Güldner (SPD) im Interview. © NDR
Als junger Kandidat braucht er ein dickes Fell, sagt Thore Güldner. Aber er will etwas für seine Mitmenschen erreichen.

Thore Güldner von der SPD in Dötlingen bei Oldenburg ist 26 Jahre alt und wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten. Sein Motor: "Mich einsetzen zu wollen für meine Mitmenschen. Klingt so pathetisch, ist aber die Wahrheit." Das macht er seit vielen Jahren im Gemeinderat von Dötlingen und im Oldenburger Kreistag. Im Wahlkampf fühlt er sich in seinem Element. Wenn da nicht die Hasskommentare in den sozialen Medien wären: "Dass ich aussehe wie ein Bubi oder sowas, dass ich doch so jung bin, dass ich keine Erfahrung, keine Ausbildung, keinen Job hätte, alles so Sachen, die nur augenscheinlich so sind, aber überhaupt auf keiner Tatsache beruhen." Ein dickes Fell, sagt er, habe er sich zum Glück schon als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz erworben.

AfD-Wahlkämpfer erlebt Anfeindungen

David Schmalstieg (AfD) guckt in die Kamera. © NDR
Beschimpfungen hört David Schmalstieg häufiger, doch er sagt: Jetzt erst recht. Einsetzen will er sich für besseren Nahverkehr.

Ein dickes Fell braucht auch David Schmalstieg von der AfD in Hannover immer wieder. Er ist 26 Jahre alt und arbeitet als Referent beim AfD-Landtagsabgeordneten Harm Rykena. Gelernt hat er Kaufmann für Dialogmarketing in einem Callcenter. Wenn er im Wahlkampf Plakate anbringt, kassiert er schon mal kritische Bemerkungen und Beschimpfungen. "Ich sage immer, für jeden Spruch, den ich kriege, hänge ich noch ein Plakat mehr auf und das motiviert mich eigentlich mehr, als dass es mich abschreckt, das weiter zu tun." Schmalstieg ist auf dem Land groß geworden. Deshalb will er sich für einen besseren Nahverkehr stark machen. Mit seinem Namensvetter Herbert Schmalstieg (SPD), dem einstigen Oberbürgermeister von Hannover, ist er um viele Ecken verwandt. Die beiden haben allerdings keinen Kontakt. Das bedauere er, sagt David Schmalstieg.

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Die Jungen treffen auf Vorurteile

Diese fünf jungen Menschen wollen viel bewegen, doch lässt man sie auch? Grünen-Politikerin Pippa Schneider berichtet durchaus von Gesprächen auf Augenhöhe, aber das sei nicht immer so. "Natürlich gibt es auch manchmal Situationen, in denen man als einzige Frau und als einziger junger Mensch in Runden sitzt. Und dann kommt: "Gehen Sie erst mal richtig arbeiten, dann wissen Sie schon, wie's geht".

Auch Zara Tas von der FDP bestätigt: "Dass ich noch nie in meinem Leben gearbeitet hätte, das hört man oft. Und dann erkläre ich ihnen, dass ich beispielsweise selbst schon gegründet und mich selbstständig gemacht habe."

David Schmalstieg von der AfD hat selber grundsätzlich wenig Verständnis für Junge ohne Job oder Studienabbrechende, die es in die Politik zieht. Aber auch mit abgeschlossener Berufsausbildung sagt er: "Ich glaube, das Schwierige ist, als junger Mensch nachzuweisen, dass man Lebenserfahrung hat."

Vernetzen hilft

CDU-Kandidatin Sophie Ramdor hat damit wenig Probleme. "Ich habe gute Erfahrungen gemacht, das liegt aber auch daran, dass ich aus der Jungen Union komme. Ich habe mein Netzwerk aufgebaut, nicht nur in Braunschweig, sondern in ganz Niedersachsen, zum Teil auch in ganz Deutschland." Sie habe bereits Erfahrung damit, mit Menschen zu reden und Mehrheiten zu suchen. Auch Thore Güldner von der SPD kann sich nicht über mangelnde Unterstützung beschweren. Er sei von Anfang an mitgenommen worden. "Wir trauen dir das zu, Thore, mach das mal, kandidier mal." Jetzt steht er sogar auf der Landesliste, allerdings ziemlich weit hinten auf Platz 79. 

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Hallo Niedersachsen | 01.10.2022 | 19:30 Uhr

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