Stand: 18.06.2017 12:00 Uhr

Überlastete Pfleger flüchten in die Leiharbeit

von Holger Bock und Marie-Caroline Chlebosch

Freiwillig aus einer Festanstellung in die Leiharbeit zu wechseln - das klingt erst mal verrückt. Doch vor allem Krankenpfleger entscheiden sich offenbar immer häufiger für diesen Wechsel. Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken sollen mittlerweile so schlecht sein, dass viele Krankenpflegekräfte den Weg in die Leiharbeit als Lösung sehen. Das haben Recherchen von NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen ergeben.

Zwei Pflegekräfte in einem Krankenhausflur.

Immer mehr Pfleger flüchten in die Leiharbeit

Hallo Niedersachsen -

Arbeiten am Limit und ständige Extra-Schichten: Nach NDR Recherchen wechseln Krankenpfleger immer öfter freiwillig von der Festanstellung im Krankenhaus in die Leiharbeit.

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Nach 14 Diensten am Stück schon der nächste Anruf

Der Druck auf der Station sei von Jahr zu Jahr gewachsen, erzählt Krankenpfleger Marc Pohl aus Hannover im Gespräch mit NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen. 13 und 14 Dienste am Stück seien keine Seltenheit gewesen, berichtet der examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger. Der 40-Jährige hat jahrelang in Niedersachsens größter Klinik gearbeitet, in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Kaum zu Hause, habe sich sein Handy am nächsten Morgen schon wieder gemeldet: Ob er nicht noch einen Dienst dranhängen könne, da eine Kollegin sich krankgemeldet habe, wurde er von der Pflegedienstleitung verzweifelt gefragt.

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Als Leiharbeiter weniger Stress und das gleiche Geld

Den Kollegen zuliebe habe er sich oft darauf eingelassen, so wie alle in seiner Abteilung. Irgendwann aber war es Pohl zu viel. Sein Privatleben fand nicht mehr statt, alles drehte sich nur noch um die Dienste. So wollte er nicht weitermachen. Weil er seinen Beruf als Krankenpfleger liebt, wollte er diesen aber auch nicht aufgeben - so wie viele seiner Kollegen. Lange habe er überlegt und sich dann für die Kündigung seiner unbefristeten Festanstellung entschieden. Als Pflege-Leiharbeiter macht Pohl nun keine Nachtdienste mehr und arbeitet nur noch einmal im Monat am Wochenende. Wenn er frei hat, hat er auch wirklich frei. Das hat er sich in seinen Arbeitsvertrag mit der Leiharbeitsfirma schreiben lassen. Zudem kommt er auf das gleiche Geld wie in der Festanstellung.

Bald wieder in der alten Abteilung

Pohl ist sichtlich zufrieden mit der neuen Situation. Einige Monate dauern seine Einsätze in den jeweiligen Kliniken. Die Einsatzorte liegen alle im Raum Hannover, auch das steht so in seinem Arbeitsvertrag. Besonders freut sich der Krankenpfleger auf seinen nächsten Einsatzort als Leiharbeiter: Demnächst wird er wieder auf seiner alten Station in der MHH arbeiten.

Zahl der Leiharbeiter in der MHH steigt

Noch ist die Pflege-Leiharbeit in der MHH die Ausnahme: Bei 2.137 festangestellten Krankenpflegekräften, Teilzeitkräfte inklusive, hat die Klinik nach eigenen Angaben im Jahr 2015 gerade einmal 30 Leiharbeiter eingesetzt. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl den Angaben zufolge allerdings bereits verdoppelt. Und in den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es bereits wieder 47.

Kliniken auf Leiharbeiter angewiesen

Helge Engelke, Direktor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, will dennoch nicht von einem Trend sprechen. Er räumt aber ein, dass Kliniken mittlerweile auf Leiharbeiter in der Pflege angewiesen sind. Wegen Personalmangels müssten Klinikchefs diese einsetzen, um die Rund-um-die-Uhr-Versorgung gewährleisten zu können. Doch Leiharbeit sei nicht im Interesse der Kliniken, sagt Engelke, denn sie sei für die Häuser extrem teuer. Sollten Fachkräfte nur noch über Leiharbeit zu bekommen sein, stehe die Krankenhausversorgung an sich auf dem Spiel.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 18.06.2017 | 19:30 Uhr

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