Stand: 09.04.2019 13:00 Uhr

Tödlicher Angriff in Linden: "Nur noch blinde Wut"

von Nils Hartung
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Muharrem C. steht in Hannover wegen Totschlags vor Gericht. Am Dienstag hat der Prozess am Landgericht begonnen.

Mitten in der Aussage kommen die Tränen. Der Zeuge, 27 Jahre alt, Student aus Göttingen, schildert, was sich am 8. Oktober 2018 nachmittags mitten auf der Limmerstraße in Hannover-Linden abgespielt hat. Er war dabei, besser: dazwischen, als der Angeklagte Muharrem C. und das spätere Todesopfer Ilja T. aneinandergeraten. Der Zeuge wollte den Streit schlichten. Heute erinnert er sich an das Gefühl seiner eigenen Hilflosigkeit. Und an dieses Geräusch. "Ein Röcheln", sagt er. Das letzte Lebenszeichen von Ilja T. Die Stimme des Zeugen bricht. Der Vorsitzende Richter muss die Vernehmung im Sitzungssaal 2 für ein paar Minuten unterbrechen, bis der Zeuge sich wieder gefangen hat. Dann wird das Verfahren wegen Totschlags gegen C. fortgesetzt.

Viel Kokain - keinerlei Absicht

Der Angeklagte, 28 Jahre alt, verharrt auch während dieser Schilderung in einer Position, die er den ganzen Vormittag über inne hat. Vornüber gebeugt, leicht eingesunken, fixiert er einen Punkt irgendwo zwischen Tischplatte und Fußboden. Schwarzer Kapuzenpulli, schwarze Daunenjacke. Zu Beginn lässt er durch seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. Die Quintessenz: Viel Cannabis, viel Kokain, eine belastende Familiensituation und keinerlei Absicht. "Ich schäme mich dafür", liest der Anwalt dem Gericht und etwa 50 Zuschauern vor. Und: "Glauben Sie mir, ich würde die Familie gerne um Verzeihung bitten - aber ich traue mich nicht." Er könne sich nicht vorstellen, dass man so etwas verzeihen könne, heißt es in der Erklärung weiter.

"Es fing auf der Straße an"

Das Gericht interessiert vor allem seine Kampfsporterfahrung. Zwei Jahre habe er einigermaßen intensiv Kickboxen trainiert, sagt Muharrem C., etwa zwei- bis dreimal pro Woche. Es ist das erste Mal, dass der Angeklagte das Wort hat. Er redet langsam, stockend. An einem Wettkampf habe er teilgenommen, das war 2015. Und ja: Die Trainer hätten immer gewarnt, dass die Techniken nicht auf der Straße angewendet werden dürfen. Die Straße. "Es fing auf der Straße an", resümiert eine der Beisitzerinnen. Ein Radfahrer kommt mit zügigem Tempo eine Straße lang. Aus einer Querstraße biegt ein Fußgänger ein. Er hat nur Augen für sein Handy. Sie berühren sich. Nichts Dramatisches - eine Situation, wie sie jeden Tag vorkommt. Hier mit tödlichen Folgen.

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Immer wieder kocht es hoch

Der 27-jährige Augenzeuge erinnert sich ganz deutlich an die Augen von Muharrem C. Eigentlich, so der Student, hatte sich die Situation schon ein, zweimal beruhigt. Doch immer wieder kocht es dann hoch. Während sich zu Beginn noch beide Männer aggressiv verhalten hätten, fährt der Angeklagte immer weiter hoch. Auch als sich sein Gegenüber längst im Griff hat. Erst regt sich Muharrem C. darüber auf, dass Ilja T. gegen sein teures Fahrrad tritt. Dann sind es die - ebenfalls teuren - Kopfhörer, die angeblich kaputt sind. "Dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Er ist nicht mehr erreichbar für mich", sagt der Zeuge. "Da war nur noch blinde Wut." Dabei hatte C. kurz zuvor noch eingewilligt, die Polizei zu rufen, um die Angelegenheit zu klären.

"Nie Schläge mit solcher Präzision gesehen"

Vier bis fünf Kopftreffer will der Zeuge gezählt haben, wobei seine Erinnerung hier nicht mehr ganz deutlich ist. In einer ersten Aussage bei der Polizei hatte er noch von drei Schlägen gesprochen. "Ich habe auch schon mal eine Schlägerei gesehen", sagt er, "aber nie Schläge, die mit solcher Präzision ausgeführt waren." Professionell nennt er den Kampfstil von Muharrem C. Zu diesem Zeitpunkt habe Ilja T. längst aufgehört, sich zu wehren. "Er war eingeschüchtert. Er hat erkannt, dass er sich mit einem Stärkeren angelegt hat", sagt der Augenzeuge. T. geht zu Boden, versucht sich noch einmal hochzustemmen. Dann kommt der letzte Schlag. Selbst als der Zeuge die Situation im Gericht vormacht, den Schlag nachspielt, würdigt der Angeklagte ihn keines Blickes.

LKA-Test: Kein Kokain

Als die Polizei eintrifft, gibt C. unumwunden zu, dass er zugeschlagen hat. "Ich war das", sagt er. Zu diesem Zeitpunkt geht er wohl noch davon aus, dass ihm eine Geldstrafe wegen Körperverletzung droht. Er zeigt sich laut Polizei kooperativ. Bei einem Urintest finden die Gutachter Reste von Cannabis und Kokain - bei einem späteren Test des Landeskriminalamtes werden allerdings keinerlei Spuren von Kokain festgestellt. Ilja T. erlangt das Bewusstsein nicht wieder. Nach mehreren Tagen im Koma erliegt der 40-Jährige seinen Verletzungen in einem Krankenhaus. Die Auseinandersetzung auf der Limmerstraße hat höchstens zehn Minuten gedauert, sagt der Augenzeuge. "Für mich war es eine Ewigkeit."

Der Prozess wird am 10., 29., und 30. April fortgesetzt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 09.04.2019 | 12:00 Uhr

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