Sabine Schwemm zeigt ein Foto der Kinderheilanstalt Waldhaus in Bad Salzdetfurth. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

Studie: Verschickungskinder erlitten in Kuren Qual und Leid

Stand: 30.11.2020 16:44 Uhr

Drei Kinder sind 1969 in der Kinderheilanstalt Bad Salzdetfurth gestorben. Eine Studie sieht die Ursache unter anderem in einer Kombination aus Überforderung und Personalmangel.

Die Diakonie in Niedersachsen hat am Montag die von Historiker Stefan Kleinschmidt erstellte Dokumentation vorgestellt. Nach eigenen Angaben ist die Diakonie der erste Verband, der am Beispiel der Zustände in einer Einrichtung die Schicksale sogenannter Verschickungskinder systematisch aufarbeitet. Viele Kinder hätten in ihren Kuren Kälte, Drangsalierungen und Leid erfahren müssen, sagte Diakonie-Vorstandssprecher Hans-Joachim Lenke.

Bedrückende Studie über Kinderschicksale

Innerhalb von neun Wochen starben 1969 zwei Jungen und ein Mädchen im Alter zwischen drei und sieben Jahren in dem Kinderkurheim bei Hildesheim. Die Studie könne niemand lesen, "ohne von den Schilderungen betroffen, ja belastet zu sein", sagte Lenke. Die Erkenntnisse über die Arbeit seien beschämend. Auch der Umgang mit Fehlern damals müssten Mahnung und Ansporn sein, dass sich Übergriffe in asymmetrischen Beziehungen von Fachpersonal und betreuten Kindern nicht wiederholen dürfen, betonte Lenke. Dafür sei ein hohes Maß von Kontrollen in der Erziehungsarbeit nötig. Er bedauere zutiefst, was die Dokumentation offengelegt habe. Die Diakonie könne das Leid der Verschickungskinder nicht ungeschehen machen. "Wir bitten aber alle, die ein tiefes Leid erfahren haben und damals lange damit alleingelassen wurden, um Entschuldigung."

Vierjähriger zu Tode geprügelt

Der fast vierjährige André starb am Abend des 18. Mai 1969. Er wurde in einem Schlafraum von drei Sechsjährigen zu Tode geprügelt. Dabei verwendeten die Jungen das Bein eines Hockers. In diesem Fall ermittelte die Staatsanwaltschaft Hildesheim, sah aber keinen Anhaltspunkt für eine Verletzung der Aufsichtspflicht. Allerdings nahm sie auch an, dass bei ausreichender personeller Besetzung der Tod "aller Wahrscheinlichkeit nach" hätte vermieden werden können, wie es in der Dokumentation heißt. In dem Haus waren 110 Kinder untergebracht, die von einer "Abendwache" beaufsichtigt wurden.

Kinder mussten offenbar Erbrochenes aufessen

Erst nach dem Tod von André wurden zwei vorangegangene Todesfälle der Aufsichtsbehörde gemeldet. Der 1962 geborenen Stefan fiel im März 1969 den Akten zufolge nach dem Abendessen in Ohnmacht und lief blau an. Der Obduktion zufolge erstickte er an Erbrochenem, die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren ein, weil sie keinen Anlass für ein Verschulden Dritter sah. Ob dies wirklich so war, lässt sich wohl nicht aufklären. Ehemalige Verschickungskinder berichten auch davon, sie hätten unter Zeitdruck essen oder sogar Erbrochenes aufessen müssen.

Das dritte Kind, Kirsten, starb am 30. März 1969 infolge einer Infektion. Bei allen Todesfällen könne man zumindest ansatzweise Fahrlässigkeit unterstellen, heißt es im Fazit der Untersuchung.

"Furchtbare Strafen"

Sabine Schwemm sitzt mit einem Teddybär auf einem Sofa. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich
"Ich hatte immer Angst", erinnert sich Sabine Schwemm.

Sabine Schwemm war als Vierjährige Ende 1968 zur Erholung in der Kinderheilanstalt Bad Salzdetfurth. "Das Schlimmste war, dass ich dort geschlagen wurde", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Ihre Eltern habe sie vier Wochen nicht gesehen. "Den Eltern wurde vorgegaukelt, dass es einem gut geht." Sie habe ihrer Mutter nach ihrer Rückkehr nur von Drangsalierungen durch andere Kinder, aber nicht durch Pflegekräfte erzählt. "Einmal habe ich die falsche Toilette benutzt und bin dafür ganz furchtbar bestraft worden. Ich habe gedacht, ich sehe meine Familie niemals wieder." Die vier Wochen im Waldhaus in Bad Salzdetfurth hätten auf ihr weiteres Leben Einfluss genommen. Den Teddy, den sie damals dabei hatte, hat sie aufbewahrt. "Ich hatte immer Angst. Die Angst habe ich mitgenommen aus dem Waldhaus."

Millionen Kinder zeitweise in Heimen

Zwischen Ende der 1950er- und den 1980er-Jahren wurden in Deutschland Millionen Kinder aus gesundheitlichen Gründen über mehrere Wochen in Kurheime gebracht. Der Erfolg wurde unter anderem an der Zunahme von Gewicht gemessen.

Diakonie-Vorstand: Dokumentation nur erster Schritt

Die "Stiftung Kinderheilanstalt Bad Salzdetfurth" war von 1962 bis zu ihrer Auflösung 1970 Mitglied der "Inneren Mission", einer Vorläuferin des heutigen Landesverbandes der Diakonie in Niedersachsen. In dem Kurort unterhielt die Stiftung drei Heime für Verschickungskinder. Laut Lenke ist die Dokumentation nur ein erster, bewusst sachlicher Schritt. Anhand der Ergebnisse solle nun der bereits bestehende Dialog mit ehemaligen Verschickungskindern intensiviert werden.

Jederzeit zum Nachhören
Das Rathaus am Maschsee. © NDR Foto: Julius Matuschik
8 Min

Nachrichten aus dem Studio Hannover

Was in Ihrer Region wichtig ist, hören Sie in dem Mitschnitt der 15:00 Uhr Regional-Nachrichten auf NDR 1 Niedersachsen. 8 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 30.11.2020 | 14:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Stephan Weil (SPD) spricht während einer Pressekonferenz. © NDR

Weil: Breite Mehrheit für Impfpflicht zeichnet sich ab

Niedersachsens Ministerpräsident zeigte sich mit dem Bund-Länder-Gipfel zufrieden. Es ging unter anderem um Impfungen. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen