Zwei Plastikfiguren von Kindern stehen neben der FIgur eines Priesters. © picture-alliance/Eibner-Pressefoto

Sexueller Missbrauch: EKD setzt Betroffenenbeirat aus

Stand: 11.05.2021 17:54 Uhr

Nach acht Monaten wurde die Beteiligung Betroffener bei der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche auf Eis gelegt. Was schief lief, soll eine Untersuchung zeigen.

Der erst im September gegründete Betroffenenbeirat wird demnach vorläufig ausgesetzt, wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Montagabend in Hannover mitteilte. Das Konzept sei gescheitert, heißt es weiter. Demnach habe es Rücktritte aus dem Beirat gegeben und auch interne Konflikte. Außerdem sei in Gesprächen zwischen dem Beauftragtenrat - dem leitende Geistliche und Kirchenjuristen angehören - und dem Betroffenenbeirat kein Konsens über das weitere Vorgehen erzielt worden. Der Beirat wurde zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der EKD als Gegengewicht zum Beauftragtenrat berufen.

Beirat: Anforderungen waren zu hoch

Fünf der ursprünglich zwölf Mitglieder des Beirats sind zwischen Januar und März zurückgetreten. Sie begründeten das mit internen Konflikten - aber sie übten auch Kritik an der Zusammenarbeit mit dem Beauftragtenrat der Kirche. Auch im Betroffenenbeirat verbliebene Mitglieder kritisierten, dass sie nicht ausreichend und rechtzeitig über Sachverhalte informiert und nicht auf Augenhöhe behandelt würden. Zudem seien die ehrenamtlichen Mitglieder mit den an sie gestellten Aufgaben überfordert worden. Die Anforderungen seien "weit über das Maß eines üblichen Ehrenamts hinausgegangen."

Bischof gibt Fehler der Kirche zu

Der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns - Sprecher des EKD-Beauftragtenrates - gab zu, dass die Erwartungen an den Beirat seitens der Evangelischen Kirche möglicherweise nicht richtig gewesen seien. Vielleicht sei aber auch das Setting verkehrt gewesen oder man habe die Rollenerwartungen nicht genug kommuniziert, so Meyns. Das Scheitern des Beirats bezeichnete der Bischof als "äußerst schmerzlich."

Mitglieder wehren sich gegen Vorgehen

Die Mehrheit der verbliebenen Mitglieder des Beirats hatte sich auch juristisch gegen eine Aussetzung des Gremiums gewehrt - erfolglos. Sie üben nun scharfe Kritik an der Entscheidung der EKD: "Wir lassen uns nicht auflösen", heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Erklärung. Außerdem habe die Evangelische Kirche grundlegende Standards für eine Beteiligung von Betroffenen bis heute nicht geschaffen. Dazu fehle es an Transparenz. Die Kirche habe sich das schön einfach vorgestellt, sagte Beiratsmitglied Katharina Kracht: "Dann holen wir mal zwölf Betroffene und erzählen denen mal so ein bisschen, was wir machen". Abgesehen von ein paar kleinen Veränderungen durch den Beirat habe man einfach so weitermachen wollen, wie bisher.

Betroffene: Kirche will sich sexueller Gewalt nicht stellen

Für Landesbischof Meyns waren jedoch die Erwartungen mancher Betroffener unrealistisch. Sie hätten sich zu stark in die Gremien der Evangelischen Kirche einmischen wollen - Vorstellungen, die die Rolle eines Beirats in der EKD deutlich gesprengt hätten. Für die Betroffene Kracht fehle der Kirche jedoch der Wille, sich dem Thema sexueller Gewalt konsequent zu stellen: "Ich glaube es herrscht immer noch der Wunsch: Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen", so Kracht. Auch das sieht Meyns anders: Die Beteiligung Betroffener an der Aufarbeitung sexueller Gewalt bleibe für die Kirche zentral und unverzichtbar.

Rolle des Beirats soll untersucht werden

Nun soll die Arbeit des Betroffenenbeirats extern untersucht werden. Laut EKD ist das Ziel, noch in diesem Jahr zu einem Ergebnis zu kommen, um die Perspektive der Betroffenen künftig besser einbeziehen zu können. Die Rolle des Beaufragtenrats soll dabei aber nicht evaluiert werden. Für die Zwischenzeit könnten sich laut Bischof Meyns Betroffene als Einzelpersonen an bestimmten Prozessen beteiligen. Für Kracht keine gute Option: So seien Betroffene in der "Isolation" und könnten sich nicht untereinander austauschen. Die EKD handele nach dem Prinzip "teile und herrsche", so Kracht.

Dokumentierte Fälle nur die Spitze des Eisbergs?

Im Oktober 2020 meldeten die zuständigen Kommissionen der Landeskirchen 881 Fälle sexualisierter Gewalt im Raum der evangelischen Kirche und der Diakonie seit dem Jahr 1950. Für Betroffene von sexualisierter Gewalt, wie Katharina Kracht, sei die Zahl der dokumentierten Missbrauchsfälle noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs.

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Aktuell | 11.05.2021 | 10:00 Uhr

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