Stand: 08.11.2016 17:21 Uhr

"Nummer 1 des IS in Deutschland" festgenommen

von Volkmar Kabisch, Georg Heil, Britta von der Heide, Christian Baars

Spezialeinheiten der Polizei haben am Morgen gleichzeitig mehrere Wohnungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gestürmt. Auch die Moschee des "Deutschsprachigen Islamkreises" (DIK) in Hildesheim wurde durchsucht, insgesamt fünf Männer festgenommen. Zwei von ihnen wurden noch am Dienstag in Untersuchungshaft genommen, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte. Die drei anderen IS-Verdächtigen sollten am Mittwoch dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt werden. Unter ihnen soll sich ein wichtiger Vertreter des sogenannten Islamischen Staates in Deutschland befinden: Ahmad Abdelazziz A., genannt Abu Walaa. Er wurde in Bad Salzdetfurth nahe Hildesheim festgenommen. Dem islamistischen Prediger und vier Vertrauten von ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie sollen junge Menschen für den Dschihad rekrutiert haben.

"Der Prediger ohne Gesicht"

Generalbundesanwalt Peter Frank sagte dazu heute gegenüber NDR, WDR und SZ: "Abu Walaa war nach unserer Erkenntnis der führende Kopf dieses Netzwerkes, der um sich herum Gleichgesinnte gruppiert hat, die andere angesprochen haben, andere geschult haben. Er war der geistige Kopf, der geistige Vater dieses Netzwerks. Deswegen ist er für uns so wichtig."

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Der islamistische Prediger Abu Walaa verbreitet seine Botschaften über Internet-Videos.

Abu Walaa ist im Irak geboren, 32 Jahre alt. Seit etwa 15 Jahren lebt er in Deutschland. Im Internet veröffentlicht er regelmäßig Videos - immer mit dem Rücken zur Kamera, gekleidet in schwarzem Tuch. Zu sehen sind nur die Ohren und der wuchernde Vollbart. Der "Prediger ohne Gesicht" indoktriniert, hetzt und ruft dazu auf, das Land der Ungläubigen zu verlassen. Verbreitet werden seine Botschaften über Facebook, Chatgruppen und sogar über eine eigene App.

Erfolgreiche Terror-Razzia in Hildesheim

"Oberster Repräsentant des IS in Deutschland"

Der islamistische Prediger belässt es aber offenbar nicht dabei. Abu Walaa soll auch Reisen in den Dschihad organisiert haben. Er sei der "oberste Repräsentant  des IS in Deutschland", sagt Anil O., ein junger Mann, den Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" im Juli in der Türkei getroffen und interviewt haben. Er belastet Abu Walaa schwer.

Anil O. ist 22 Jahre alt, er hatte in Aachen angefangen, Medizin zu studieren. Doch zur selben Zeit geriet er immer tiefer in die islamistische Szene, radikalisierte sich zusehends und traf irgendwann auch Abu Walaa. Er habe ihn in Hildesheim kennengelernt, sagt Anil O. Die dortige Moschee sei der "Platz Nummer 1" für alle, die zum IS wollten. Jeder in der islamistischen Szene wisse, dass Abu Walaa einer von wenigen Predigern in Deutschland sei, der den IS unterstütze und der Reisen nach Syrien organisiere. Dutzende Personen aus seinem Umfeld sollen so in den Dschihad gezogen sein. Die niedersächsische Verfassungsschutzchefin Maren Brandenburger sagte nach der Festnahme, Abu Walaa sei für die niedersächsischen Sicherheitsbehörden immer ein Thema gewesen. "Er gehört zu den führenden Köpfen der Organisation, auch bundesweit."

Abu Walaa seit Längerem im Visier der Ermittler

Von Ahmad Abdelazziz A., genannt Abu Walaa, gibt es nur wenige Aufnahmen von vorn.

Seit Herbst 2015 ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Abu Walaa und sein Netzwerk. Ihr Ziel sei es gewesen, Personen an den IS nach Syrien zu vermitteln, teilte sie nach den Festnahmen mit. Ausreisewillige hätten dafür eigens Arabisch-Unterricht bekommen. Außerdem seien ihnen radikal-islamische Inhalten vermittelt worden. "Der Unterricht diente dazu, die ideologischen und sprachlichen Grundlagen für eine zukünftige Tätigkeit beim IS, insbesondere für die Teilnahme an Kampfhandlungen, zu schaffen", so die Bundesanwaltschaft.

Ende Juli dieses Jahres durchsuchten Beamte die Moschee in Hildesheim schon einmal. Doch gefunden haben sie wenig. Abu Walaa konnte bislang weiter predigen - wohl auch, weil die Planungen für die Reisen sehr konspirativ abliefen.

Konspirative Reisevorbereitungen

"Man geht in einen Nebenraum, lässt die Handys draußen", schildert Anil O. das Vorgehen. Aus Angst davor, abgehört zu werden, dürften keine Geräte mit in den Raum genommen werden. "Und dort wird man dann direkt angeleitet, wie der Reiseweg ist", sagt IS-Aussteiger O. Meist führe die Route über Istanbul, dann mithilfe von Schleusern über die Grenze nach Syrien. Unterstützt werden soll Abu Walaa dabei von Ahmed Y. und Mahmud O. - so legt es Anil O. dar. Sie würden illegale Pässe beschaffen und sich um die konkrete Reiseplanung kümmern. Auch diese beiden sind nun festgenommen worden - genauso wie zwei Prediger aus dem Ruhrgebiet, die ebenfalls zum Netzwerk von Abu Walaa gehören sollen.

Anil O. sitzt mittlerweile ebenfalls in Untersuchungshaft in Deutschland - wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Einige Monate lang hat er in Syrien verbracht - ehe er sich entschlossen hat, vom IS zu fliehen. Er sagt, ihn hätten die Grausamkeiten dort unten abgestoßen. Nach seiner Flucht nahmen ihn die türkischen Behörden fest, aber nach einer kurzen Verhandlung vor einem Gericht in Gaziantep kam er frei und kehrte Ende September nach Deutschland zurück. Anil O. hat sich entschieden, gegen Abu Walaa und seine Vertrauten auszupacken. Er hofft auf Strafmilderung.

Maas: "Wichtiger Schlag gegen extremistische Szene"

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat die Festnahme der fünf IS-Verdächtigen als Erfolg für die Ermittlungsbehörden bezeichnet. "Das ist ein wichtiger Schlag gegen die extremistische Szene in Deutschland", sagte Maas. Die Festnahmen würden zeigen, dass Ermittlungsbehörden wachsam seien und "sehr konsequent gegen Terrorverdächtige" vorgehen. Auch Innenminister Thomas de Maizière (CDU) äußerte sich ähnlich. Es zeige sich, dass die Sicherheitsbehörden "aktiv, entschlossen und wachsam sind". Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat erleichtert reagiert. "Das war eine gut abgestimmte Aktion", so Pistorius. "Ich freue mich, dass die Sicherheitsbehörden aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen dazu Hilfe leisten konnten." Drei der Festnahmen erfolgten in Niedersachsen, die beiden anderen im Ruhrgebiet.

Auch der Vorsitzende des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, Yilmaz Kilic, hat die Festnahme führender IS-Mitglieder in Deutschland begrüßt. "Wenn jemand gegen die hier geltenden Gesetze verstößt, muss er damit rechnen, dass die Polizei bei ihm vor der Tür steht", sagte Kilic dem epd. "Und wenn jemand unsere Religion für Extremismus missbraucht, dann sollte die Polizei sich darum kümmern."

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Hallo Niedersachsen | 08.11.2016 | 19:30 Uhr

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