Stand: 28.01.2020 19:59 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Nach Lügde: Kindeswohlgefährdung stärker im Fokus

von Wilhelm Purk
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Im Landkreis Hameln-Pyrmont sind seit dem Missbrauchsskandal von Lügde deutlich mehr Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung eingegangen.

Ein Jahr ist es her, dass der Missbrauchsskandal in Lügde bekannt wurde und das Land erschüttert hat. In der Folge haben viele Verantwortliche versprochen, dass sich etwas ändern muss, um Kinder besser zu schützen. Doch hat sich seitdem wirklich etwas verändert? Es hat den Anschein: Die Sensibilität in der Bevölkerung hat sich offenbar gewandelt.

Ein Jahr nach Lügde: Was hat sich geändert?

Hallo Niedersachsen -

Ein Jahr nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals von Lügde sind die Menschen in Niedersachsen wachsamer geworden. Deutlich mehr Kinder wurden zum Schutz aus ihren Familien genommen.

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In Schaumburg steigen Jugendhilfekosten rasant

Beispielsweise seien die Jugendhilfekosten explodiert, sagt die zuständige Dezernentin des Landkreises Schaumburg, Katharina Augath. Es habe wohl auch der Fall Lügde dazu beigetragen, dass in der Bevölkerung genauer hingeschaut werde. Im vergangenen Jahr habe es im Landkreis 371 Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung gegeben. 2018 waren es 332. Auch der Landkreis Holzminden hatte im vergangenen Jahr deutlich mehr Fälle im Jugendamt. Die Analyse von Landrat Michael Schünemann (parteilos) ist eindeutig: "Es liegt natürlich auch an den Erfahrungen, die jetzt in Lügde getätigt worden sind." Es gebe sehr viele sogenannte Inobhutnahmen, die den Landkreis viel Geld kosteten.

Jugendamt Hameln stockt Stellen auf

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Landkreis Hameln-Pyrmont: Das Hamelner Jugendamt hatte dem Haupttäter in Lügde ein Mädchen zur Pflege gegeben. Die Zahl der Kinder, die von Jugendamtsmitarbeitern seitdem vorläufig aus Familien genommen wurden, hat nach Lügde um knapp 30 Prozent zugenommen. Offenbar wird inzwischen auch in Hameln genauer hingesehen als noch vor zwölf Monaten. Dazu beigetragen haben auch verschiedene Aktivitäten im Kreishaus. Die Zahl der Mitarbeiter im Jugendamt wurde aufgestockt. Alle Mitarbeiter sind schon oder werden noch fortgebildet.

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Hinweise auf Verbindung von Missbrauchsfällen

Offenbar gibt es zwischen den Missbrauchsfällen von Lügde und Bergisch Gladbach Zusammenhänge. Dies erfuhr der WDR aus Ermittlerkreisen. Mehr auf wdr.de extern

Kein Präventionskonzept: Initiative beklagt Stillstand

Allerdings wird an einem lautstark angekündigten Präventionskonzept offenbar noch gearbeitet. Bei den Kindern sei noch nichts angekommen, sagt Ina Tolksdorf von der Initiative "Für die Kinder von Lügde". Sie kritisiert die lange Wartezeit: "Mir würde es ja schon reichen, wenn wir anfangen würden mit Maßnahmen. Dass Kinder aufgeklärt werden über sexuelle Übergriffe, über Menschen, die ihnen zu nah kommen. Dass regelmäßig Aktionen stattfinden, an denen Grundschulkinder, an denen Kindergartenkinder, an denen Jugendliche teilnehmen können", sagt Tolksdorf. "Und dass wir wirklich auch Präventionsarbeit starten, jetzt - und nicht erst in vielen Jahren."

Für Landkreis Hameln-Pyrmont kommt Sorgfalt vor Schnelligkeit

Auch der Hamelner Kreistagsabgeordneten Ursula Körtner (CDU) - einer scharfen Kritikerin der Vorgänge im Jugendamt - dauert alles viel zu lang. "Wir sind weit davon entfernt, bundesweit Vorreiter für den Bereich Kinderschutz zu sein. Es ist sehr viel Zeit ins Land gegangen und es ist vieles begonnen worden. Aber es ist eigentlich nichts abgeschlossen." Der Landkreis hielt den Vorwürfen entgegen, dass mit Hochdruck gearbeitet werde, so eine Sprecherin. Grundsätzlich gelte Sorgfalt vor Schnelligkeit. Im Mai werde der Entwurf für ein Präventionskonzept im Landkreis Hameln-Pyrmont fertig sein.

22 Maßnahmen für mehr Kinderschutz im Land geplant

Auch auf Landesebene ist bisher einiges angestoßen worden, vieles aber auch nur auf dem Weg. Ein Beispiel ist ein neues Gesetz, das den Schutz der Kinder verbessern soll. Seit Kurzem gibt es einen Entschließungsantrag von SPD und CDU - ein umfangreiches Paket mit 22 Maßnahmen von besserer Lehrerausbildung bis zur nachhaltigeren Zusammenarbeit zwischen Kindergärten, Schulen, Jugendämtern und Polizei. Allerdings vergehen noch Monate, bis aus den Plänen Gesetz wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 29.01.2020 | 07:30 Uhr

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